Gemünden

Chancenlos in den Fängen der Gestapo

Die Konfrontation des Franz Holzemer aus der Mühltorstraße mit den braunen Machthabern des „Dritten Reiches“ dokumentiert der 70-seitige Sonderakt Nummer 2163 „Geheime Staatspolizei“ (Gestapo) in Würzburg. Der Akt erstreckt sich vom 14. November 1938 bis 1. Februar 1939 und bekundet das „staatsfeindliche Verhalten des Judenfreundes Franz Holzemer“. Ausführlich berichtete die Main-Post 1982 darüber – hier der Artikel im Nachdruck:

Anlass für die Pressionen der Nazis war eine Nachbarschaftshilfe – die dadurch zum Verbrechen wurde, dass es sich bei den Nachbarn um Juden handelte. Diese Gestapo-Aufzeichnungen bekunden eindrucksvoll die Gleichschaltung im nationalsozialistischen Staat und die Maßnahmen gegen Bürger, die sich nicht nahtlos in die Nazi-Politik einfügten. Der Sonderakt „Schutzhaft des Franz Holzemer“ befindet sich heute im Staatsarchiv Würzburg und ist damit der Öffentlichkeit zugänglich.

„Gegen den verheirateten Versicherungsagenten Franz Holzemer wurde am 14. November 1938 von der Gendarmerie Gemünden Anzeige erstattet, weil er anlässlich der Aktion gegen die Juden am 10. November 1938 mit verschiedenen Juden in Gemünden in Verbindung gestanden hat.“ Soweit der Auszug aus dem Fernschreiben der Gestapo Würzburg an die Gestapo Frankfurt vom 10. Dezember 1938.

In dem Ersuchen um strafrechtliche Würdigung der Gestapo an das Amtsgericht Gemünden wird das „Vergehen“ von Holzemer noch deutlicher beschrieben. Dort heißt es: „Der Versicherungsagent Franz Holzemer hat sich anlässlich der Judenaktion (die sogenannte Reichskristallnacht, d. Red.) verschiedene Judenfamilien in Gemünden gegenüber erboten, ihnen zur Seite zu stehen.“

Neben der bekundeten Sympathie gegenüber den jüdischen Familien Birk und Sichel warf die Gestapo Franz Holzemer vor, dass er am 11. November 1938 im Auftrag von Laura Sichel zu deren Tochter Sidonie Berney nach Frankfurt gefahren ist. Er sollte sich nach dem Befinden von Sidonie Berney erkundigen und nachfragen, ob Laura Sichel bei ihr Unterkunft finden könnte. In der „Kristallnacht“ hatte nämlich die SA, wie bei allen Juden in Gemünden – mit Ausnahme des Kriegsveteranen Samuel Birk – die Wohnungseinrichtung von Laura Sichel zerstört und ihren Mann verhaftet.

In dem Fernschreiben vom 10. Dezember 1938 gibt die Würzburger Gestapo Instruktionen für die Vernehmung von Sidonie Berney. Diese war zusammen mit ihrem Ehemann Seligmann Berney aus Karbach bei Marktheidenfeld am 4. November 1938 von Gemünden nach Frankfurt gezogen, wo Franz Holzemer die beiden aufsuchen wollte. Er traf jedoch nur Sidonie Berney an– ihr Mann war zu dieser Zeit bereits festgenommen und befand sich auf dem Weg in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar.

Am 3. Dezember 1938 lag der Schutzhaftbefehl bei der Gestapo Würzburg vor und wurde Holzemer ausgehändigt. Jetzt hatte er es schwarz auf weiß, dass er sich in den Fängen der Gestapo befand. Diese konnte dank der sogenannten Schutzhaft unbequeme Personen oder politische Gegner ohne Gerichtsverfahren beliebig lange festhalten und sie nach eigenem Ermessen behandeln.

So durfte Holzemer während der Haft nicht einmal mit seinem Anwalt sprechen. Dennoch hatte er Glück im Unglück: Die Würzburger Gestapo wendete den Paragrafen 6 der Schutzhaftbestimmungen nicht auf ihn an, in dem es hieß: „Die Schutzhaft ist grundsätzlich in staatlichen Konzentrationslagern zu vollstrecken.“

Unterzeichnet war Holzemers Schutzhaftbefehl von Reinhard Heydrich, der 1942 in Böhmen von Widerstandskämpfern erschossen wurde und bis dahin Leiter des „Geheimen Staatspolizeiamtes in Berlin und Chef von Sicherheitsdienst (SD) und Sicherheitspolizei (Sipo) der SS war.

Als Grund für die Inhaftierung Holzemers wird im Schutzhaftbefehl angegeben:

„Er gefährdet nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Feststellungen durch sein Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates, indem er sich dadurch, daß er einigen von der Aktion am 10. 11. d. Js. betroffenen Juden sein Bedauern aussprach, in einen Gegensatz zur Rassepolitik des Nationalsozialistischen Staats setzte. Sein Verhalten läßt erwarten, daß er durch weitere ähnliche Handlungen Unruhe in die Bevölkerung trägt.“

Kurz nach seiner Verhaftung äußerte sich Holzemer zu den Vorwürfen der Gestapo, die im Nürnberger Prozess 1945/46 zur verbrecherischen Organisation erklärt wurde, noch recht kritisch:

„Da Frau Sichel meine Nachbarin ist und ich mit ihr schon Jahrzehnte in guten nachbarschaftlichen Beziehungen stehe, hatte ich mich zu meinem Verhalten bestimmen lassen. Darin erblicke ich aber keine strafbare Handlung und fühle mich sohin zu Unrecht in Haft.“

Nachdem er jedoch bereits einen Monat eingesperrt war, sein Schutzhaftbefehl ihm vorlag, sein Anwalt nicht mit ihm sprechen durfte und er seine Familie ohne Ernährer wusste, entschloss er sich am 15. Dezember 1938, ein Gnadengesuch an die Gestapo zu stellen:

„Seit 13. November 38 bin ich verhaftet und befinde mich seit 21. November 38 in Zelle 35 des Landgerichtsgefängnisses in Würzburg. Meine Familie besteht aus Frau und zwei Kindern im Alter von 15 und zehn Jahren. In schlechte wirtschaftliche Verhältnisse würde meine Familie geraten, wenn ich noch längere Zeit in Haft bleiben müßte . . .“

Neben diesem Gnadengesuch trifft am 20. Dezember 1938 auch ein Brief von Lydia Holzemer bei der Gestapo Würzburg ein. In ihm bittet sie darum, ihren Mann doch endlich freizulassen, Ihren Brief beginnt sie: „Als ich am 11. 11. 38 (am Tag nach der „Kristallnacht“, d. R.) meine Einkäufe in der Stadft tätigte, wurde mir von verschiedenen Seiten vorgehalten, mein Mann würde verhaftet werden, er soll die Jüdin Sichel übernachtet haben . . .“ Die Gerüchteküche war wieder einmal schneller als die Gestapo. Im weiteren weist auch Lydia Holzemer auf die schwerwiegenden Folgen dieser „Schutzhaft“ für die Familie hin.

Dennoch musste Holzemer noch einen Monat warten, um aus der Schutzhaft entlassen zu werden. Am 28. Januar 1939 um 12.30 Uhr war es soweit. Die Schutzhaft gegen Holzemer wurde aufgehoben, doch er war deshalb noch lange nicht frei. Die Gestapo hatte nämlich inzwischen einen Prozess vor dem gleichgeschalteten Amtsgericht Gemünden gegen Holzemer angestrengt. Daraufhin wurde er mit rechtskräftigem Strafbefehl vom 16. Januar 1939 vom Amtsgericht Gemünden nach Paragraf 360, Ziffer 11 des Reichsstrafgesetzbuches zu sechs Wochen Haft wegen „Groben Unfugs“ verurteilt.

Eindrucksvoll wird hier die Gleichschaltung von Partei, Gestapo, Gendarmerie und Justiz sichtbar. Im nationalsozialistischen Staat war nicht einmal eine Spur von Demokratie geblieben. Die Nationalsozialisten waren in alle Bereiche des öffentlichen Lebens eingedrungen und hatten sämtliche Schaltstellen mit ihren Leuten besetzt. Der Staatsbürger hatte demgegenüber nur noch äußerst bescheidene bis gar keine Rechte mehr.

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