Gemünden

Das Schiff "Johannes Kepler" geht dem Main auf den Grund

Flussvermessung: Die „Johannes Kepler“ ist mit modernster Messtechnik unterwegs. Mit ihr können auch Autos geortet werden. Für die Crew ist das Schiff ein zweites Zuhause.
Die Crew: (von links) Kapitän Andreas Taronna, Vermesser Marcel England und Matrose Michael Ohmer.
| Die Crew: (von links) Kapitän Andreas Taronna, Vermesser Marcel England und Matrose Michael Ohmer.

Sie wurden schon gerufen, um Autos zu orten, die in den Main fuhren. Im hessischen Kelsterbach fanden sie damals ein Dutzend. Auch zum Auffinden von Wasserleichen hat man sie schon bestellt. Kapitän Andreas Taronna, 52, Vermesser Marcel England, 30 (beide aus Bad Kissingen), und der Matrose Michael Ohmer, 49, ein gebürtiger Karlstadter, waren vor Kurzem mit dem hochmodernen Vermessungsschiff „Johannes Kepler“ auf dem Main bei Gemünden unterwegs. Wir begleiteten sie auf der Fahrt zwischen Gemünden und der Harrbacher Schleuse.

Normalerweise suchen sie keine Autos oder vermisste Personen, sondern prüfen in staatlichem Auftrag, ob die Fahrrinne für die Schiffe frei ist. „Wir sind so etwas wie die Straßenmeisterei für Wasserstraßen“, sagt Vermesser England. Das Schiff des Wasser- und Schifffahrtsamts Schweinfurt ist fast das ganze Jahr über zwischen Jochenstein bei Passau an der deutsch-österreichischen Grenze und der Mündung des Mains in den Rhein bei Mainz unterwegs. Planmäßig wird immer eine „Stauhaltung“ zwischen zwei Schleusen vermessen. Dafür muss das Schiff mehrfach auf und ab fahren, um die gesamte „Sohle“ des Flusses zu scannen.

Kapitän Taronna und Steuermann Ohmer arbeiten nicht nur auf dem Schiff, sondern leben zumindest unter der Woche auch an Bord. Da haben sie ihre Kajüten, können kochen, waschen, fernsehen. Taronna, der seit 15 Jahren als Kapitän auf dem Schiff arbeitet, nutzt den Feierabend fernab von zu Hause für stundenlange Kajaktouren. Marcel England, dessen Job sich „Geomatiker“ nennt, verbringt im wöchentlichen Wechsel mit einem Kollegen eine Woche auf dem Schiff und eine Woche im Büro in Schweinfurt, wo er die Messdaten auswertet.

Nach einem Arbeitstag auf der „Johannes Kepler“ muss sich England immer erst einmal orientieren, wo er sich befindet. „Manchmal gehe ich abends von Bord und frage mich, wo wir überhaupt sind“, sagt er. Denn während der Arbeitszeit hat er keine Zeit, den Blick über Fluss und Ufer streifen zu lassen. Konzentriert sitzt er dann vor gleich fünf großen Bildschirmen, über die die aktuellen Messergebnisse laufen. Während das Schiff mit acht bis zehn Stundenkilometern dahingleitet, sieht man den Main von oben grafisch dargestellt, sogar das Schiff, sieht das Profil des Flussbetts, sieht, wo das Schiff noch nicht langgefahren ist, und allerlei, an ein EKG oder einen Seismografen erinnernde Kurven.

„Ich bin immer noch fasziniert von dem System, obwohl ich jeden Tag damit arbeite“, sagt England. Sichtlich begeistert erzählt er, wie die Technik funktioniert, welche Sensoren was erfassen. Wörter wie „Polynomapproximation“ gehen ihm leicht von den Lippen. Die „Johannes Kepler“ ist ausgestattet mit elf GPS-Sensoren, anderen Bewegungssensoren und vor allen Dingen, als Herzstück, drei Hochleistungsdächerecholoten.

Das auf dem Schiff, Baujahr 1979, in der Form 2010 weltweit erstmals eingesetzte und vom Wasser- und Schifffahrtsamt mitentwickelte, Dreikopf-Fächerecholotsystem kann bis zu 9000 Messpunkte des Flussbetts pro Sekunde abtasten. So genau misst das System, dass es ausrechnen kann, wie viele Kubikmeter Schmutz an einer bestimmten Stelle ausgebaggert werden müssen. Mit der enormen Datenmenge werden zudem Karten, auch in 3 D-Ansicht, erstellt. Damit kann man am Bildschirm etwa das Flussbett des Mains, ohne störendes Wasser, gewissermaßen „durchfliegen“.

Vermesser England zeigt am Bildschirm, dass das Schiff seinen Standpunkt zwischen Gemünden und Harrbach mit sechs GPS-Satelliten und sieben russischen Glonass-Satelliten bestimmt. Aber das alleine reicht dem Schiff zur zentimetergenauen Messung nicht aus. Mit dem zusätzlich eingesetzten SAPOS-Dienst des Landesvermessungsamts kann eine Karte erstellt werden, die garantiert auf einen Dezimeter genau ist.

Schwierig wird die Peilung unter großen Brücken. Bei Mainz-Kostheim führt, so England, eine dreispurige Autobahn samt ICE-Gleis über den Main. Dort muss ein zusätzlicher Kollege vom Ufer aus helfen, um den korrekten Standort des Schiffes zu ermitteln. Der Steg zwischen Wernfeld und Kleinwernfeld hingegen erzeugt nur ein kurzes Zucken in den Messdaten. Da das 33 Meter lange Schiff hinten und vorne eine GPS-Antenne hat, sind normale Brücken kein Problem.

Ganz einfach ist es nicht, ein Auto im Fluss zu erkennen. Ein Laie sieht auf dem Bildschirm nur einen unförmigen Haufen. Marcel England: „Man kriegt mit der Zeit ein Auge dafür.“ Aber so viele Autos liegen jetzt nicht mehr im Main. Zum einen hat die Crew der „Johannes Kepler“ schon viele entdeckt, zum anderen vermutet Peilleiter England, dass es sich in kriminellen Kreisen herumgesprochen hat, dass ein versenktes Auto nicht ewig unter Wasser bleibt.

Einmalig: das Messschiff „Johannes Kepler“ des Wasser- und Schifffahrtsamts Schweinfurt.
| Einmalig: das Messschiff „Johannes Kepler“ des Wasser- und Schifffahrtsamts Schweinfurt.
Relikt: Nicht alles an Bord ist modern.
| Relikt: Nicht alles an Bord ist modern.
Die Vermessung des Mains: Kapitän Andreas Taronna steuert das Messschiff „Johannes Kepler“ auf die Schleuse Harrbach zu.
Foto: Björn Kohlhepp | Die Vermessung des Mains: Kapitän Andreas Taronna steuert das Messschiff „Johannes Kepler“ auf die Schleuse Harrbach zu.
Modernste Technik: Vermesser Marcel England hat mehrere Monitore gleichzeitig im Blick.
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Zur Entspannung: Zweitzuhause an Bord.
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