Weyersfeld

Der Kreis wird zum Quadrat: Der Weyersfelder Künstler René Vogelsinger auf der Suche nach der "ästhetischen Lösung"

Umwandlung steht im Zentrum der Kunst des Deutsch-Franzosen. Was treibt ihn an und inspiriert ihn? Ein Besuch in seinem 520 Quadratmeter großen Artelier-Haus.
Der Weyersfelder Künstler René Vogelsinger experimentiert mit geometrischer Transmutationskunst. Dabei verwandelt er alltägliche Objekte in neue Dimensionen.
Foto: Günter Roth | Der Weyersfelder Künstler René Vogelsinger experimentiert mit geometrischer Transmutationskunst. Dabei verwandelt er alltägliche Objekte in neue Dimensionen.

Seit 40 Jahren lebt der Künstler René Vogelsinger in seinem Atelierhaus im Karsbacher Ortsteil Weyersfeld. Der 85-Jährige ist in vielerlei Hinsicht eine ganz besondere Person: als Künstler, als Humanist und als bekennender Europäer. Einzigartig aber ist er mit seiner geometrischen Transmutationskunst, mit deren Hilfe er mathematische Zusammenhänge, regelmäßige Körper und auch andere Gebilde verbindet und zu bemerkenswerten Formen umwandelt.

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Schon sein Name und seine Herkunft sind eigentlich Programm für seine Lebenseinstellung. Der gebürtige Franzose mit dem deutsch klingenden Namen Vogelsinger ist in Paris geboren, hat in Clermont-Ferrand gelebt, dort und in Offenbach studiert und war selbstständiger Grafik-Designer in Frankfurt, seit 1960 lebt er in Deutschland. Wenn man ihn fragt, ob er nun ein fränkischer Franzose oder ein französischer Franke ist, stutzt er zwar für einen kurzen Moment, meint aber dann sofort: "Das ist für mich das Selbe! Wir alle sind doch Europäer und dessen sollten wir uns bewusst sein!"

Mit 23 der Malerei den Rücken gekehrt

Die Wurzeln dieser Denkweise könnten tatsächlich über 1000 Jahre zurückliegen, denn der ungewöhnliche Name "Vogelsinger", hat wahrscheinlich althochdeutsche Wurzeln, in einer Zeit, als das Frankenreich noch nachhallte. So ist der Künstler durch Genealogieforschungen zum Ergebnis gekommen, dass seine Vorfahren auf den ersten französischen König Hugo Capet zurückgehen.

Vogelsingers künstlerisches Talent wurde schon von seinem Grundschullehrer entdeckt, obwohl das Kind eigentlich zunächst nur "gut malen" wollte. Später arbeitete er eher klassisch mit Porträts, Landschaften und Aktzeichnen. Doch dann fand er sich nicht mehr gut genug. "Ich war handwerklich hervorragend, aber künstlerisch eine Null", sagt er von sich. So fand er mit 23 den Weg fort von der gegenständlichen Malerei. "Mein Ich hat mich dazu gedrängt, Dinge zu schaffen, die es so nirgends gibt!"

Die 'Galaxien' sind derzeit ein zentrales Werk von Vogelsinger. Aus verschiedenen Blickwinkeln erzeugen sie unterschiedliche Eindrücke.
Foto: Guenter Roth | Die "Galaxien" sind derzeit ein zentrales Werk von Vogelsinger. Aus verschiedenen Blickwinkeln erzeugen sie unterschiedliche Eindrücke.

Seit seinem Umzug in das große 520 Quadratmeter große Atelier-Haus in Weyersfeld vor 40 Jahren hatte der Künstler nicht nur den Raum, den er brauchte, sondern auch die Muse zu seinen Arbeiten.

Aus Seidenpapier entstehen je nach Lichteinfall neue Kunstwerke

Transmutationskunst ist das Ziel von René Vogelsinger. Wie in der Physik soll auch hier im künstlerischen Bereich ein Element in ein anderes umgewandelt werden. Da werden geometrische Gebilde wie ein Kreis in ein Quadrat, in einen Kubus oder eine Pyramide verändert. Er findet dabei viele unterschiedliche Kombinationen, die aber alle gewissen wiederkehrenden geometrischen Gesetzen gehorchen. "Aus diesem Grund sind für mich die Werke trotz ihrer individuellen Andersartigkeit in Ihrer Gesamtheit Bestandteil eines Zyklus", so Vogelsinger. Ausgangskörper werden verfremdet, um eine Andersartigkeit der Formen zu erzielen.

Hier arbeitet der Künstler sehr oft mit Papier, Seidenpapier, vor allem aber gerne mit ganz einfacher Wellpappe. So entstehen Kompositionen, die an Sandformen in der Wüste erinnern können. Von ganz besonderem Reiz sind die Arbeiten, die er "Découpe translucide" nennt. Durchscheinende Gebilde aus Seiden- oder Japanpapier aus- oder angeschnitten, die nicht nur unvergleichliche optische Eindrücke vermitteln, sondern die auch je nach herrschenden Lichtverhältnissen völlig neue Impressionen erzeugen.

"Ich arbeite mit maximaler Ruhe und ich bin immer auf der Suche nach der ästhetischen Lösung."
Künstler René Vogelsinger über seine Arbeitsweise

Die derzeit wohl erstaunlichste "Umwandlung" aber sind die "Drei Galaxien", die im Frühherbst bei der Ausstellung im Würzburger "Spitäle" Aufsehen erregten. Aus weißem Karton ausgeschnitten zeigen die drei eigenständigen und doch zusammengehörenden Werke die Vorstellung einer Galaxie, die je nach Blickwinkel völlig unterschiedliche Impressionen vermittelt – die nachdrücklichste aber davon ist die Draufsicht, in der das Urbild der Milchstraße prächtig projiziert wird. Dass aber hier jeweils eine entstehende, eine aktive und eine zerfallende Galaxie zu sehen ist, regt zum Nachdenken an.

Der Weyersfelder Künstler René Vogelsinger experimentiert mit durchscheinenden Gebilden, die er 'Decoup translucide' nennt. Diese überraschen mit immer neuen Lichteindrücken.
Foto: Guenter Roth | Der Weyersfelder Künstler René Vogelsinger experimentiert mit durchscheinenden Gebilden, die er "Decoup translucide" nennt. Diese überraschen mit immer neuen Lichteindrücken.

Wie aber arbeitet der Künstler René Vogelsinger? Ein ganz kurzer Satz sagt alles über seine Werke und über ihn selbst: "Ich arbeite mit maximaler Ruhe und ich bin immer auf der Suche nach der ästhetischen Lösung." Er setzt sich nicht unter Druck, wenn diese Lösung nicht sofort sichtbar wird. Da bleibt auch mal etwas liegen, wenn er nicht weiter weiß – manchmal sogar monatelang, bis eine neue Idee einen neuen Anfang ermöglicht. Das riesige Atelier im ehemaligen Tanzsaal der alten Gaststätte ist dafür auch bestens geeignet.

Vogelsinger: "Kunst muss eine Seele haben"

Einer der größten Erfolge Vogelsingers war eine Ausstellung im Mannheimer Planetarium, in dem er nicht nur seine Galaxien ausstellen konnte. Vielmehr wurden auch seine vierseitigen Pyramiden-Transmutationen mit Computertechnik im Planetarium scheinbar auf den Mars versetzt. Er war der erste Künstler, der eine Pyramide auf einen fernen Planeten versetzen durfte.

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Für die Arbeit mit der Transmutationskunst braucht es eine analytische, logische Basis - und die ist zunächst "staubtrocken". Dann kommt für Vogelsinger im nächsten Schritt die Emotion, die Freude am Schaffen dazu. "Kunst ist für mich hochemotional, sie muss eine Seele haben. Sonst ist sie nicht von mir!"

In der Tat – Vogelsinger erschafft wirklich schon fast überirdisch schöne Objekte, die eigentlich bei Ausstellungen nicht voll zur Geltung kommen können. Die Galaxien beispielsweise möchte man sich gerne aus dauerhaftem Material als Mittelpunkt auf einem großen Platz vorstellen, auf dem sie durch immer neue Licht- und Schattenspiele faszinieren können.

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