Windheim

Der Wildnis auf der Spur

Die Zusammenkunft am Lagerfeuer gehört zur wichtigen gemeinschaftlichen Aktivität.
| Die Zusammenkunft am Lagerfeuer gehört zur wichtigen gemeinschaftlichen Aktivität.

Zentimeter für Zentimeter robben Angad und Tamino auf dem Hosenboden auf einem Baumstamm über den Bach. Regenfälle haben den Wachenbach im Hafenlohrtal anschwellen lassen zu einem reißenden Flüsschen. Es ist kalt an diesem Tag. Jannik und Ludwig versuchen sich an einer anderen Variante: Einige Meter bachaufwärts liegen zwei Bäume quer; der eine taugt zum Balancieren, der andere zum Festhalten. Nick de Rijke verfolgt beide Pärchen mit wachen Augen. Doch es sieht nicht danach aus, als ob der zertifizierte Wildnispädagoge den Jungs helfen müsste. Sie wirken sicher und routiniert.

So wie die bekannten Wasserbüffel fühlen sich auch die Acht- bis Zwölfjährigen sichtlich wohl in der Wildnis des Hafenlohrtals. Waldscouts nennen sich die Jungs (manchmal sind auch Mädels dabei), die sich seit April 2016 jeden Donnerstag in der Nähe des Büffelgeheges treffen. „Was wir lieben, sollen wir auch schützen.“ – Dieses Credo lebt Nick de Rijke schon sein halbes Leben lang, seit er als Zwölfjähriger selbst in der Naturgruppe „Janun“ bei Hannover aktiv war. Mit 14 besuchte er eine Wildnis-Schule, mit 17 war er zertifizierter Wildnispädagoge, mit 19 erfüllte er sich seinen großen Traum: Im Rahmen des „Wilderness Guide Programs“ verbrachte er ein knappes Jahr in weitläufigen Waldgebieten von Wisconsin im Norden der USA.

Von seinem nomadischen Leben, bei dem ständig neue Routen vorgegeben wurden, bei dem er das wenige Hab und Gut mit einer selbst gebauten, hölzernen Trage beförderte, hat er den Kindern schon öfter erzählt. Jetzt sind die Waldscouts selbst an der Reihe. Wer den Sprechstab in der Hand hat, darf vorschlagen, was in den nächsten drei Stunden gemacht wird. Oder aber er berichtet über seine vergangene Woche.

Ludwig und seine Freunde – heute sind sie nur zu viert, im Sommer sind es bis zu ein Dutzend – einigen sich auf Spurenlesen und dann Lagerfeuer machen. „Wir wollen gemeinsam eine Zeit voller Freude erleben“, bringt es Nick de Rijke auf den Punkt.

„Das war eine Wildsau!“ – Ludwig zeigt auf die Spuren im Schlamm am Bachufer. Nick de Rijke ist sichtbar stolz auf seine Kinder, die sich geschickt durch das unwegsame und sumpfige Gelände fortbewegen. Mit Kindern arbeiten, das ist der Schwerpunkt seines Engagements als Wildnispädagoge. Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit und soziale Kompetenzen will er fördern – auch mit seinem zweiten Projekt, den so genannten Waldläufergruppen, die sich zwar nur alle vier Wochen, dann aber für einen ganzen Tag treffen. In beiden Gruppen lehrt Nick de Rijke, der in Würzburg Pädagogik studiert, wie man aus Holz, Moos und Blättern einen Schlafsack fertigt, wie man ohne Topf kocht und Holzgabeln als Besteck verwendet.

Elf Monate war Nick de Rijke unterwegs in der Wildnis Nordamerikas. Sechs Männer und drei Frauen waren sie am Anfang. Der heute 24-Jährige war einer von den vier Teilnehmern, die das Training bis zum Schluss durchgezogen haben. „Das war kein Survival-Training“, verdeutlicht Nick de Rijke. Vielmehr sei es darum gegangen, die Landschaft zu erkunden, die Natur zu verstehen, sowie sich selbst und die Gruppe in extremsten Situationen kennenzulernen. Klamotten mit Reißverschlüssen haben die dortigen Guides erst mal aussortiert. Reißverschlüsse können im Wald nicht repariert werden. Nick de Rijke trug nur Kleidungsstücke mit Knöpfen und überwiegend Wollprodukte. Als Werkzeuge dienten eine Axt, ein Schnitz- und ein Schneidemesser mit selbst gemachten Klingen.

Auch die Kinder im Hafenlohrtal basteln sich Utensilien: Um eine Rinde zum Teller auszuschaben, nutzen sie einen glühenden Holzstock.

Angad und Tamino haben Bovisten entdeckt: „Guck mal, wie die stauben!“, rufen sie Nick de Rijke zu, der nahezu geräuschlos hinter den beiden aufgetaucht ist. Er lässt die Jungs auf das Rauschen des Baches achten, das Zwitschern der Vögel, den Geruch des Mooses. Er möchte die Kinder selbstständig entdecken lassen. „Erlernte Fähigkeiten wie Feuer machen, die Sprache der Vögel und das Spurenlesen sind Fenster zur Natur, die uns erlauben, diese aus einer heimischen Perspektive zu sehen“, sagt er. „So entsteht eine zutiefst persönliche Verbindung zur Natur.“

Auf dem Rückweg zur Feuerstelle sammeln die Kinder trockenes Holz fürs Lagerfeuer. Heute muss das Feuerzeug dafür herhalten: Selbst wenn es trocken wäre, würde das Feuermachen mit Holzstäben mehr als eine halbe Stunde dauern. Grillwürstchen und Brot stehen diesmal auf der Speisekarte der Waldscouts.

Nick de Rijke gelingt es anscheinend spielend, die Kinder für die Natur zu begeistern. Auch wenn es seit Stunden regnet und trotz des Feuers eine ungemütliche Kälte durch die Knochen kriecht, jammert kein einziger. „Diejenigen, die verrückt genug sind, zu glauben, dass sie die Welt verändern können, werden diejenigen sein, die es tatsächlich tun“, zitiert Nick de Rijke den früheren Chef des US-Technologieunternehmens Apple, Steve Jobs. Das treibt ihn an. Auch er möchte einen Beitrag zur Umweltbildung leisten.

Sein Ziel: ein deutschlandweites Netz von Waldläufergruppen. Von Würzburg aus hat er bislang in Unterfranken und im Taubertal 15 solcher Gruppen aus der Taufe gehoben. Im April legen sie alle los. „Stay wild – Natur verbindet“ ist ihr Motto. Am Samstag, 21. April, startet auch die erste Waldläufergruppe in Lohr. Dabei wird Nick de Rijke unterstützt von Harry Rützel und der Lohrerin Natalie Melchior. Beide sind schon als Leiter von Waldläufergruppen ausgebildet.

Weitere Gruppenleiter schult Nick de Rijke ab Mai. Diese sollen an Kindergärten und Schulen sowie in Kinder- und Jugendeinrichtungen tätig werden. Das erste von vier Treffen ist auf dem Gelände und in Kooperation mit dem Waldkindergarten Lohr am Romberg in Sendelbach.

Infos und Anmeldungen unter www.naturverbindet.de

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