Marktheidenfeld

Die Menschen sollten spüren: Schmidt-Neder kümmert sich

Sie habe ihre Arbeit wirklich gern gemacht, sagt Helga Schmidt-Neder rückblickend auf ihre Zeit als Bürgermeisterin. Im Mai hört sie nach zwölf Jahren auf. Ein Interview.
Abschied aus dem Bürgermeisteramt: Helga Schmidt-Neder räumt ihren Schreibtisch im Rathaus Marktheidenfeld.
Abschied aus dem Bürgermeisteramt: Helga Schmidt-Neder räumt ihren Schreibtisch im Rathaus Marktheidenfeld. Foto: Lucia Lenzen
Sie sind 2008 Bürgermeisterin geworden. Wann hatten Sie das Gefühl: Jetzt bin ich angekommen? 

Schmidt-Neder: Das brauchte ein Jahr. Dann wiederholen sich die „regelmäßigen Ereignisse“. Dann ist wieder erster Mai, wieder Laurenzi-Messe. Das Entscheidende ist: Jede Arbeit habe ich wirklich gern gemacht. Ich kam mir in dieser Zeit vor wie ein Schwamm, der nur am Aufsaugen ist. Das war anstrengend. Auch, weil zwei große Projekte gleich zu Beginn auf mich gewartet haben. Zum einen war da der knappe Ausgang des Bürgerentscheids zum Wonnemar. Zum anderen das neue Rathaus-Center. Da in die Neuverhandlungen beziehungsweise Vertragsgestaltung einzusteigen – das war zunächst eine Höllenarbeit. Daran habe ich an jedem Abend, an jedem Wochenende gearbeitet.

Wie haben Sie das ausgeglichen?

Schmidt-Neder: Ich bin viel Joggen gewesen. Habe mich regelrecht frei gelaufen. Manchmal habe ich dabei auch Ideen entwickelt oder bin zu Lösungen gekommen. Überhaupt bin ich froh und dankbar, dass ich gesund geblieben bin und nur einmal wegen eines Bandscheiben-Vorfalls ausgefallen bin.

Sie waren die erste weibliche Bürgermeisterin in Marktheidenfeld. War das von Vorteil, von Nachteil? 

Schmidt-Neder: Für die vier männlichen Abteilungsleiter damals war das erst einmal eine Umstellung, aber die verlief unproblematisch. Jedenfalls für mich! Es gab aber bei den ersten wichtigen Verhandlungen mit einem externen männlichen Verhandlungspartner durchaus unschöne Situationen. Gefreut habe ich mich über Aussagen von Mitbürgern, dass sie „eine weibliche Hand“ spüren durch anderen Briefstil, Glückwünsche oder auch beim Blumenschmuck in der Stadt.

Welche Personen haben Sie besonders unterstützt? 

Schmidt-Neder: Mein Mann. Als Naturwissenschaftler ist er Realist und (fast immer) unaufgeregt. Gerade wenn ich durch manche Leserbriefe oder verbale Angriffe, die jeden Anstand vermissen ließen und die in den letzten drei Jahren zugenommen haben, geknickt war, hat er mich immer wieder aufgerichtet und mir Mut gemacht – und mir geholfen, ein „dickes Fell anzuziehen“.

Wann sind Sie emotional geworden?

Schmidt-Neder: Ich bin sehr beherrscht und eher der ausgleichende, moderierende Typ. Aber ich erinnere mich an eine Bürgerversammlung zum Krankenhaus 2015, wo mich Bürger verbal attackiert haben. Da bin ich dann auch mal sehr deutlich und auch lauter geworden.

Haben Sie sich als Mensch verändert in den zwölf Jahren? 

Schmidt-Neder: Ich bin mir treu geblieben. Das bestätigen auch meine Kinder und meine Freunde. Ich habe mir immer gesagt: Geh' morgens fröhlich und zuversichtlich aus dem Haus. Dann schaffst du das. Klar, ich bin um zwölf Jahre Lebenserfahrung reicher. Ich möchte aber auch das nicht missen.

Haben Sie sich als Politikerin verändert? 

Schmidt-Neder: Überhaupt nicht. Für mich stand immer die gute Entwicklung der Stadt im Fokus. Die Menschen, die hier wohnen, arbeiten, Urlaub machen, sollten spüren: Sie kümmert sich! Und danach habe ich gelebt. Mir war es nie wichtig, von welcher Fraktion ein Antrag kam, wenn er für die Stadt gut war. Wer eine gute Idee hat: Her damit. Ja, die Stadt ist klein, bietet aber unglaublich viel und ist trotzdem überschaubar, die Menschen sind sich nah.

Sie haben im Stadtrat auch öfter mal gegen die Freien Wähler gestimmt. Sind Sie hier autarker geworden?

Schmidt-Neder: Auch als Bürgermeisterin darf man sich eine eigene Meinung bilden und die auch vertreten. Und wenn die Mehrheit das anders sieht, dann ist das eben so! Nur „Wegducken“ geht nicht. Einfacher wäre es für mich beispielsweise beim Krankenhaus gewesen, zu verkünden: Ich kämpfe weiter für den Erhalt des Krankenhauses Marktheidenfeld. Aber ich habe – wie alle Stadt – und Kreisräte auch – in meinem Amtseid geschworen, die Gesetze zu achten. Das gilt auch für das Gesundheitsstrukturgesetz in seiner aktuellen Fassung. Allerdings musste ich feststellen, dass manche Kollegen der Meinung waren, das gilt nur dann, wenn „uns“ diese Gesetze passen. Wer andere Gesetze will, müsste anders wählen…

Was war ihr größter Erfolg? 

Schmidt-Neder: Dass ich die beiden großen Projekte zügig zu Ende gebracht habe: Rathaus-Center und Wonnemar. Dazu die Verbesserung der Bildungsangebote, eine stark erweiterte Kinderbetreuung in den Kitas und in der Grundschule, zusätzliche Schulsozialarbeit – und in der Folge die Kita-Neubauten, das neue Gebäude der Grundschule für den Ganztageszug, die Stadtbibliothek. Die Grundlage meiner Arbeit war die umfassende und aktuelle Information der Bürger: Homepage, Brücke zum Bürger, Jahresrückblicke, kulturelle Angebote, touristische Öffentlichkeitsarbeit. Information ist die Grundlage für die Bürgerbeteiligung; die gab es von Beginn an mit Arbeits- und Projektgruppen, die mitgewirkt haben und damit die Aufnahme in die Programme ISEK, ILEK und GEK ermöglicht haben. Auch alle Stadtteile haben davon profitiert – fast alle Projekte sind bereits realisiert. Genau so lag mir sehr am Herzen, die Feuerwehren zu einen und zu spezialisieren. Das ist gelungen – und daraus folgten dann die drei Neubauten in Altfeld, Marienbrunn und in Marktheidenfeld, die dem entsprechen.

Misserfolge?

Schmidt-Neder: Die Erweiterung Fußgängerzone. In der Erprobungsphase ist sie gescheitert am großen Widerstand des Einzelhandels.

Was glauben Sie: Ist und bleibt das eine Totgeburt?

Schmidt-Neder: Vielleicht schafft es mein Nachfolger? Wir haben eine verkehrsberuhigte Zone, die verdient ihren Namen nicht, weil sich schlichtweg keiner daran hält. Wie will ich Familien mit Kindern und ältere Menschen dazu veranlassen, sich gern hier aufzuhalten, wenn sie zwischen ausgestellten Waren und durchfahrenden Autos ständig aufpassen müssen und selbst am Marktplatz die Radfahrer durchrauschen. Dafür hab ich kein Verständnis.

Gab es besonders schöne Termine, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?

Schmidt-Neder: Spatenstiche, Richtfeste, Einweihungen, Eheschließungen – das waren viele frohe Ereignisse. Unter anderem habe ich ehemalige Schüler getraut. Und das Gratulieren bei Jubiläen. Da habe ich mir gern eine Stunde Zeit genommen für Gespräche, die mir wirklich Freude gemacht haben. Das hat auch mir gut getan, als kleine Auszeit.

Ihr schlimmster Termin? 

Schmidt-Neder: Die Beisetzung von Manfred Stamm. Er war mir von Beginn an ein ganz loyaler Stellvertreter. Wir hatten noch telefoniert, 2018 im Sommer. Er sagte mir, dass er rechtzeitig wieder fit sein wird, bis ich in den Urlaub gehe. Ich hab auf ihn eingeredet, er solle sich auskurieren, es stehe nichts Dringendes an. Dann kam die schreckliche Nachricht… Das hat mir die Füße weggezogen.

Welches Thema hätten Sie gerne noch weiter betreut?

Schmidt-Neder: Den sozialen Wohnungsbau. Der ist mir immer am Herzen gelegen. Und da gab es auch Ärgerliches, zum Beispiel beim Baugebiet Eichholzstraße. Ich bin davon ausgegangen, dass der Freistaat das ehemalige Gelände der Straßenmeisterei an die Stadt verkauft. Doch stattdessen wurde das Grundstück auf dem „freien Markt“ meistbietend veräußert. Gleichzeitig forderte der Freistaat Städte und Gemeinde zum Bau von Wohnungen auf… Da bin ich bald vom Glauben abgefallen. Sehr gern hätte ich natürlich noch den Spatenstich für die städtischen Wohnungen am Südring gesetzt. Da warten wir noch auf die Baugenehmigung. Aber da kann ich ja dann die Bauaufsicht machen, weil ich gegenüber wohne. (lacht)

Was passiert bei Ihnen ab Mai?

Schmidt-Neder: Eigentlich war geplant, dass ich mit meiner Familie ins Auto steige und wegfahre. Das fällt jetzt leider flach. Dann habe ich einiges im Haus vor: Die ehemaligen Kinderzimmer renovieren. Meinen Hobbies nachgehen, Rad fahren. Zeit für mich und Zeit für Familie und Freunde zu haben.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger? 

Schmidt-Neder: Ich wünsche ihm Freude, Kraft und Ausdauer. Die Realität kommt schneller als einem lieb ist.

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