GÖSSENHEIM

Die Zehntscheune birgt Geheimnisse

Eine breite, steile Treppe aus Stein führt hinab ins 16. Jahrhundert. Rundpfeiler aus Sandstein treten aus der Dunkelheit hervor. Sonnenstrahlen erleuchten das weite Gewölbe der Gössenheimer Zehentscheuer. Wenig hat sich in den vergangenen 400 Jahren verändert. Oder liegt es noch länger zurück, dass hier einst Wein und Korn lagerten? Denn die Gössenheimer glauben, dass die Scheune älter ist, als die über den Kellerportal eingemeißelte Zahl 1587 vermuten lässt.
Die mittelalterliche Zehntscheune in Gössenheim im Jahr 2008: Für etwa 800 000 Euro wurden die beiden Flügel des hufeisenförmigen Baus renoviert.  Heute tagt hier der Gemeinderat, die Blaskapelle probt und für die Gössenheimer gibt es einen Festsaal.
Foto: FOTOS (2) thomas Fritz | Die mittelalterliche Zehntscheune in Gössenheim im Jahr 2008: Für etwa 800 000 Euro wurden die beiden Flügel des hufeisenförmigen Baus renoviert.

Warum sprechen die Gössenheimer, wenn von der Zehntscheune die Rede ist, immer wieder vom „neuen Bau“? Einheimische, wie der ehemalige Bürgermeister Hans Popp oder sein Nachfolger Theo Gärtner vermuten, dass der Bau älter ist als die eingemeißelte Zahl 1587 über dem Kellerportal aussagt. Gärtner glaubt, dass die Zehntscheune etwa um 1469 – also mehr als 100 Jahre früher – gebaut wurde.

Verarmter Adel

Seine These ist, dass 1469 der Adel komplett verarmt war. Belegbar sei das durch den Verkauf der Burg Homburg und sämtlichen Besitzes an die Fürstbischöfe. In dieser Zeit, so nimmt Gärtner an, wurde die Zehntscheune gebaut. „Weil es viel zu anstrengend war, Vorräte auf die Burg hoch zu tragen“, glaubt Gärtner. Historisch belegbar ist seine Vermutung nicht. Nur, dass tatsächlich sämtliche Güter und Rechte des Besitztums Hohenberg an das Hochstift Würzburg zur Begleichung der Schulden verkauft wurden.

Gärtner stützt seine Vermutung darauf, dass die Zehntscheune vor 1587 erbaut wurde und auch auf ältere Bausubstanzen. So wurden im Erdgeschoß Rundbögen freigelegt. „Diese Art des Baustils weist daraufhin, dass die Zehntscheune ungefähr 100 Jahre älter ist“, nimmt Bürgermeister Gärtner an. Experten, wie der Marktheidenfelder Restaurator Edgar Hartmann, sind da vorsichtiger. „Es könnte schon sein, dass es unter dem Keller noch ein weiteres Fundament gibt, welches aus früheren Jahren als 1587 stammt, nachgewiesen ist es bisher aber noch nicht.“ Denn als Hartmann seine Befunduntersuchung für den Umbau der Zehntscheune im Mai 2007 fertigte, konnte er den Keller nicht von allen Seiten einsehen.

Schrifttafel mit Echterwappen

Diese Aufnahme der Zehntscheune muss vor 1933 entstanden sein, da der linke Flügel der Scheune noch steht. Am 9. Oktober 1933 ist dieser eingestürzt.
Foto: Archiv-FOTO MP | Diese Aufnahme der Zehntscheune muss vor 1933 entstanden sein, da der linke Flügel der Scheune noch steht. Am 9. Oktober 1933 ist dieser eingestürzt.
Wie auch immer. Nachweisbar ist, dass die Zehntscheune spätestens 1587 gebaut wurde. Diese Zahl ist über dem Kellerportal eingemeißelt. Darüber ist eine mit Ornamenten verzierte und dem Echterwappen gezierte Schrifttafel eingelassen. Die gereimten Worte vergleichen den Fürstbischof mit dem alttestamentlichen Josef, der in Ägypten Scheunen fürs Volk baute, um in Zeiten von Hungersnöten Vorräte zu haben. Darüber steht die Zahl 1614. Auch hierzu gibt es unterschiedliche Vorstellungen.

Restaurator Hartmann vermutet, dass ein 1587 begonnenes Gebäude 1614 fertiggestellt wurde, oder dass das vorhandene Gebäude für die Nutzung als Zehntscheune zu klein dimensioniert war und zumindest Teile der ursprünglichen Zehntscheune aufgestockt wurden. „Einige Auffälligkeiten sprechen für eine Aufstockung“, sagt Hartmann. So unterscheide sich beispielsweise das Erdgeschossmauerwerk an der Nordseite des südwestlichen Flügels in der Art des Steinverbandes deutlich vom Obergeschoss.“

Vorratskammer für Missjahre

Eine Steintafel mit dem Wappen des Würzburger Fürstbischofs Julius Echter befindet sich über dem Kellerportal. Die Zahl 1587 weist wohl auf das Baudatum der Zehntscheune hin.
| Eine Steintafel mit dem Wappen des Würzburger Fürstbischofs Julius Echter befindet sich über dem Kellerportal. Die Zahl 1587 weist wohl auf das Baudatum der Zehntscheune hin.
Neben ihrem Alter hütet die Zehntscheune noch ein weiteres Geheimnis. Hans Popp, der Führungen auf der Homburg anbietet, glaubt, dass die Scheune auch eine „soziale Einrichtung“ der Kirche war. Unbestritten ist, dass die Bauern zehn Prozent des Gesamtertrages ihres Grundbesitzes in Naturalien und später auch in Geld abgeben mussten. Popp geht aber weiter und nimmt an, dass die drei hufeisenförmig angeordneten Gebäudeflügel auch als Lagerhallen für Missjahre genutzt wurden. „Der Keller ist riesengroß. Hier passte so viel Wein hinein, den konnten die gar nicht alleine trinken“, sagt Popp. Außerdem stützt er seine Vermutung darauf, dass die Zehntscheune damals in Besitz der Kirche war. Und letztlich lässt ja auch der Sinn der Inschrift über dem Kellerportal diese Vermutung zu.

In der mittlerweile renovierten Zehntscheune tagt jetzt der Gemeinderat, der Bürgermeister hat sein Sprechzimmer im Erdgeschoss, und eine kleine Bibliothek gibt es auch. Im ersten Stock gibt es einen Festsaal und unter dem Dach probt die Blaskapelle. An die mittelalterliche Vergangenheit erinnert der Gewölbekeller, das alte Mauerwerk, das an zwei Stellen noch hervor lugt, und eine Holztreppe im Dach. „Wir haben beim Umbau versucht, so viel wie möglich, im Original zu erhalten“, sagt Bürgermeister Gärtner.

Im Blickpunkt

Zehntscheune Die Zehntscheune in Gössenheim wurde von der Gemeinde im Jahr 2006 zu einem symbolischen Pries von einem Euro gekauft. Mit der Renovierung der Scheune wurde im Juli 2007 begonnen. Etwa 800 000 Euro wurden investiert. Nach einem Jahr Bauzeit kann nun am Tag des offenen Denkmals, am Sonntag, 14. September, die neue Scheune mit ihren Relikten aus dem Mittelalter in der Zeit von 10 bis 17 Uhr besichtigt werden.

 
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