Lohr

Drogendepots im Wald: Acht Jahre Freiheitsstrafe für 30-Jährigen

Die detaillierte Buchführung des Dealers half bei der Aufklärung. Seine Doppelrolle ist jahrelang nicht aufgefallen. Nun urteilte das Landgericht in Würzburg.
'Justizzentrum Würzburg' steht auf einem Schild im Eingangsbereich zum Landgericht.
Foto: Daniel Karmann | "Justizzentrum Würzburg" steht auf einem Schild im Eingangsbereich zum Landgericht.

Amphetamin und Haschisch konnte ein Dealer aus dem Raum Lohr im vergangenen Jahr kiloweise und sofort nach Bestellung ausliefern: Er musste von seiner Wohnung aus nur ein Stück in den Wald laufen, wo er den Stoff in Erdbunkern versteckt hatte. Den Mann, 30 Jahre alt, drogenabhängig  und nicht vorbestraft, verurteilte das Landgericht Würzburg jetzt zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren wegen Handel mit und Besitz von Betäubungsmitteln, um die zehn Kilogramm Amphetamin und sieben Kilogramm Haschisch und Marihuana.  

Zur Tatzeit war der ehemalige Lagerarbeiter im Bezirkskrankenhaus Lohr im ersten Ausbildungsjahr zum Krankenpfleger. Dorthin kehrt er trotz Kündigung demnächst zurück, denn das Gericht hat seine Unterbringung zu einer Entzugstherapie angeordnet. Vorher muss er allerdings von der Gesamtstrafe zwei Jahre vorweg verbüßen. Außerdem wurde eine „saftige“ Rechnung präsentiert: Knapp 100 000 Euro sogenannter „Wertersatz“ für die aktenkundig gewordenen Umsätze. Das Urteil ist sofort rechtskräftig geworden. Der Angeklagte nahm es an und der Staatsanwalt verzichtete auf Rechtsmittel.   

Defekte Klingel an der Haustür wurde zum Verhängnis

In dem Prozess ging es um Amphetamin- und Haschisch-Geschäfte mit einem  gerichtsbekannten Kunden in Lohr. Der ist vor einigen Monaten bereits  zu einer Strafe von sechs Jahren und zehn Monaten verurteilt worden. Die defekte Klingel an der Haustür des Kunden führte die Ermittler auf die Spur des angeklagten Lieferanten: Weil der nicht mehr klingeln konnte, sondern anrufen musste, wenn er mit Stoff vor der  verschlossenen Haustür stand. Das war den Ermittlern  bei der Telefonüberwachung aufgefallen. Als der Mann am 12. Januar 2020 gegen 18.30 Uhr wieder mal  übers Handy mitteilte, dass er vor der Tür stehe, mit 1,2 Kilo Amphetamin „aus dem Wald“, griffen die observierenden Polizeibeamten zu.

Bei der überdurchschnittlichen Qualität des Amphetamin müsse man davon ausgehen, so der Staatsanwalt, dass es unmittelbar aus einem Drogen-Labor kam und nicht gestreckt war. Obwohl er unter seine Dealer-Karriere erkennbar einen Schlussstrich ziehen und neu anfangen will, hat der Angeklagte seinen Lieferanten vor Gericht  nicht genannt: Angeblich aus Angst und aus Sorge um seine Familienangehörigen. Wenige Wochen vor der Festnahme war er Vater geworden.

„Buchführung“ mit Angaben zu Erdbunkern im Wald

Verurteilt wurde der Dealer unter anderem auch wegen bewaffnetem Handel mit Betäubungsmitteln: Im Haus seines Vaters hatte er in einer Holzkiste zwischen Fernsehapparat und Couch etwa 160 Gramm Amphetamin aufbewahrt und dort lagen in einer Schachtel griffbereit ein Tapeziermesser, ein Taschen- und ein Klappmesser. Auch wenn der Angeklagte versicherte, dass es sich dabei nur um Werkzeug fürs Verpacken und Portionieren von Rauschgift  gehandelt habe, nahm das Gericht wie in solchen Fällen üblich an, dass Waffen, griffbereit neben Drogen,  „zur Verletzung von Personen geeignet oder bestimmt sind“,  für den Fall, dass es Ärger mit Kunden Ärger  gibt.

Pech für den Angeklagten: Die detaillierte Buchführung über seine Drogengeschäfte, Gramm-Preise,  Schulden beim Lieferanten und Außenstände bei Kunden, was in welcher Menge wo im Wald versteckt ist, wurde nach seiner Festnahme bei der Hausdurchsuchung gefunden. Daraufhin verhielt sich der Festgenommene, so ein Kriminalbeamter vor Gericht, recht kooperativ und führte die Ermittler auch zu seinen Rauschgiftdepots. Nur einen Erdbunker hat der Angeklagte nicht mehr gefunden, ein Rauschgifthund der Polizei auch nicht.   Da sollen noch 1,4 Kilogramm Amphetamin versteckt sein.   

Bei seinen Geschäften scheint der Angeklagte von Lieferanten und Abnehmern über den Tisch gezogen worden zu sein: trotz beachtlicher Umsätze konnten nur ein Girokonto und ein Bausparvertrag mit sehr geringem Guthaben ermittelt werden.

Strafkammer: Warum das ein ungewöhnlicher Fall ist

Die Verhandlung vor der 6. Strafkammer des Landgerichts  war mehrfach ungewöhnlich: Es sei ganz selten, sagte der Vorsitzende Richter Thomas Trapp, dass es bei einem Angeklagten aus dem Drogenbereich,  bei seiner ersten Gerichtsverhandlung überhaupt,  gleich um solche Rauschgiftmengen geht. Man habe aber auch selten zuvor einen Angeklagten erlebt, der bereits während der Untersuchungshaft so zielstrebig an seinem Ausstieg aus der Abhängigkeit „arbeitet“ wie der ehemalige Krankenpfleger.

Und bemerkenswert für das Gericht war auch, wie geschlossen die Familie hinter dem Angeklagten steht. Die wegen Corona stark reduzierten Zuhörer-Plätze waren ausschließlich von Angehörigen belegt, Geschwister, die zum Teil von weither angereist waren und auch Vater und Mutter waren – trotz Scheidung -  da. Er habe ein Doppelleben geführt, sagte der Angeklagte, von seiner jetzigen Lebensgefährtin abgesehen habe das niemand bemerkt. Sein „letztes Wort“ spricht er nicht nach vorn, zu den Richtern, mit der Bitte um ein mildes Urteil, sondern zu den Angehörigen  im Zuhörerraum: unter Tränen entschuldigt er sich dafür, was er ihnen angetan hat.

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