Karlstadt

Ein Exot mit Perspektive

Ortssprecher-Serie: Marco Netrval ist in Rohrbach eine Ausnahmeerscheinung: Er ist das einzige SPD-Mitglied. Als Ortssprecher möchte er aber nicht als „Roter“ gesehen werden, sondern überparteilich sein.
Schön ist es geworden: Das Pumphaus, das vor einigen Jahren saniert wurde, dient dem Obst- und Gartenbauverein als Domizil.
| Schön ist es geworden: Das Pumphaus, das vor einigen Jahren saniert wurde, dient dem Obst- und Gartenbauverein als Domizil.

Wenn der frühere bayerische SPD-Chef Ludwig Stiegler in der Öffentlichkeit auftrat, trug er stets einen roten Pullover. Ein Erkennungszeichen, das zu ihm gehörte wie die Pfeife zu Herbert Wehner. So eine strenge Kleidungsordnung kennt Marco Netrval nicht, obwohl auch er ein „Roter“ ist, das einzige SPD-Mitglied in seinem Heimatort Rohrbach. Als die Main-Post ihn zum Interview besucht, trägt der 31-Jährige ein hellblaues Hemd und eine dunkelblaue Jeans. Blau? Die Farbe der CSU? „Nein, nein“, sagt er und lacht, „das Einzige, was ich mit Blau verbinde, sind die Sechziger.“ Netrval ist Fan des Fußball-Zweitligisten 1860 München. Im vergangenen Jahr hat er den Rohrbacher Ortssprecher Reinhold Röder abgelöst, der nicht mehr kandidiert hatte.

Frage: Wissen Sie, was Sie mit Hans-Jochen Vogel und Franz Maget gemeinsam haben?

Marco Netrval: (lacht) Ich kann mir vorstellen, was Sie meinen.

Vor zwei Jahren durften drei SPD-Mitglieder „ihrer“ Partei in der „Süddeutschen Zeitung“ zum 150. Geburtstag gratulieren – Vogel als früherer Oberbürgermeister von München, Maget als damaliger Vizepräsident des bayerischen Landtags und Sie, weil es in Rohrbach, Ihrem Heimatort, nur ein einziges SPD-Mitglied gibt, nämlich Sie. Waren Sie stolz darauf, neben den beiden einstigen SPD-Größen zu Wort zu kommen?

Netrval: Auf jeden Fall – obwohl die Statements nur online veröffentlicht wurden.

Wie kam die „Süddeutsche Zeitung“ auf Sie?

Netrval: Eine Bekannte von mir aus Rohrbach hat zum damaligen Zeitpunkt Journalismus in München studiert. Im Rahmen eines Projekts mit der Zeitung sollte sie einen Artikel zum SPD-Jubiläum schreiben. Als es darum ging, dazu Stimmen einzufangen, hat sie netterweise an mich gedacht.

Die Überschrift des dazugehörigen Hauptartikels über den Zustand der SPD hieß „Rote Außenseiter“. Das passt bei Ihnen ja besonders gut. Wie fühlt man sich als Exot?

Netrval: Eines gleich vorneweg: Wer Mitglied bei der SPD ist, muss sich nicht verstecken. Trotzdem war ich anfangs etwas zurückhaltend. Mein Selbstbewusstsein, offensiv mit meiner Parteizugehörigkeit umzugehen, ist allerdings im Laufe der Zeit gewachsen.

Trotzdem scheint es zumindest in Rohrbach keine jungen Menschen zu geben, die Sie auf die SPD eichen könnten.

Netrval: Ich bin da sehr vorsichtig. Es bringt nichts, jemanden zu einem politischen Engagement zu drängen und ihm dann gleich noch den Druck zu machen, einer bestimmten Partei beizutreten. Wer zur SPD gehören will, der tut das nur aus tiefster Überzeugung. Völlig unabhängig von meiner Parteizugehörigkeit habe ich bei der Jugend in Rohrbach ein gutes Standing, glaube ich. Da lässt sich gemeinsam sicher noch einiges bewegen.

In Karlstadt sind Sie als SPD-ler nicht allein. Hier sind Sie seit 2012 Ortsvorsitzender. Was hat Sie bewogen, dieses Amt trotz Ihrer jungen Jahre zu übernehmen?

Netrval: Der langjährige Ortsvorsitzende Hans-Joachim Stadtmüller wollte sein Amt aus beruflichen Gründen abgeben. Die Karlstadter SPD hat einen jüngeren Nachfolger gesucht, jemanden mit Perspektive. Ich bin gefragt worden, ob ich mir das Amt zutrauen würde, und ich habe Ja gesagt. Bei der Wahl habe ich mich übrigens nicht der Stimme enthalten, sondern ich habe für mich selbst gestimmt. Schließlich war ich überzeugt, dass ich das Amt übernehmen will und gut ausüben kann.

Im vergangenen Jahr haben Sie bereits zum zweiten Mal für den Karlstadter Stadtrat kandidiert. Anders als 2008 waren Sie kein Unbekannter mehr, noch dazu waren sie mit Listenplatz 4 aussichtsreich positioniert. Trotzdem hat es für Sie nicht zum Einzug gereicht. Muss einen das als SPD-Ortsvorsitzender nicht enttäuschen?

Netrval: Natürlich hatte ich einen Funken Hoffnung, dass ich es schaffen würde. Aber ich bin auch mit einer realistischen Einschätzung an die Wahl herangegangen. Als Kandidat aus Rohrbach hat man ein geringeres Potenzial, als wenn man zum Beispiel aus dem vergleichsweise großen Ortsteil Karlburg stammt. Selbst wenn mir jeder wahlberechtigte Rohrbacher drei Stimmen gegeben hätte, wäre das nicht genug gewesen, um in den Stadtrat einzuziehen. Trotzdem war ich mit meiner Platzierung am Ende zufrieden.

Führen Sie Ihr Ergebnis auch auf Ihre politische Unerfahrenheit zurück?

Netrval: Wenn man sich die fünf aktuellen Stadtratsmitglieder der SPD anschaut, dann fällt auf, dass alle – bis auf Stefan Rümmer – ein gewisses Alter haben. Entsprechend groß ist deren Reputation. Dagegen anzukommen ist für einen jüngeren Kandidaten nicht leicht.

Nun sind Sie Ortssprecher von Rohrbach geworden. Kann das ein Sprungbrett sein, um es beim nächsten Mal in den Stadtrat zu schaffen?

Netrval: Solche Hintergedanken hatte und habe ich nicht. Aber natürlich möchte ich gerne auch einmal für Rohrbach in den Stadtrat einziehen. Dass mir die Bürger bei der Ortssprecherwahl ihr Vertrauen geschenkt haben, macht mich schon ein wenig stolz. Vor allem hatte ich nicht damit gerechnet, dass das Ergebnis so deutlich ausfallen würde.

Sie sind seit einem Jahr als Ortssprecher im Amt. Ihre Macht, Dinge durchzusetzen, ist allerdings beschränkt. Sie haben in Stadtratssitzungen Rederecht, aber kein Stimmrecht. Kann man so überhaupt etwas erreichen?

Netrval: Sicher. Dazu ist es aber wichtig, dass man sich auf seine eigene Fraktion verlassen kann. Und man muss Kontakte zu den anderen Fraktionen knüpfen und pflegen.

Sie sehen sich als Ortssprecher weniger als SPD-Mann, sondern als überparteilichen Vertreter?

Netrval: Ja, das muss auch so sein.

Wie oft sind Sie bei den Stadtratssitzungen persönlich anwesend?

Netrval: Ich versuche, immer dabei zu sein. Im vergangenen Jahr konnte ich nur zweimal nicht kommen – das eine Mal war ich in Urlaub, das andere Mal auf Dienstreise. Wenn es um Rohrbacher Themen geht, nehme ich auch an Ausschusssitzungen teil.

Sie sind nicht nur in der Kommunalpolitik aktiv, sondern auch in vielen anderen Bereichen. Betriebsrat bei Ihrem Lohrer Arbeitgeber Bosch Rexroth, wo Sie als Arbeitsplaner in der zentralen Zeitwirtschaft tätig sind, stellvertretender Vorsitzender des DGB Main-Spessart, stellvertretender Feuerwehrkommandant, Mitglied der Kirchenverwaltung – die Liste Ihrer Ämter ist lang. Lässt sich das alles problemlos bewältigen?

Netrval: (lacht) Eine Frau habe ich auch noch, das sollten wir nicht vergessen. Aber sie kennt mich mit all meinen Ehrenämtern. Wenn sie irgendwann einmal sagen sollte, dass es zu viel wird, dann würde ich kürzertreten. Bis jetzt kann ich aber alles gut miteinander in Einklang bringen.

Mit der Dorferneuerung und der Renaturierung des Dorfbaches hat die Stadt in den vergangenen Jahren einiges in Rohrbach investiert. Das Internet soll Ende Juli deutlich schneller werden. Gibt es überhaupt noch Punkte auf der To-do-Liste?

Netrval: Es stimmt, dass Rohrbach sehr gut da steht. Ich will deshalb nur ein paar Dinge nennen, die wünschenswert wären: Das Dach des Schützenhauses ist sanierungsbedürftig. Hier ist die Stadt gefragt, weil das Gebäude ihr gehört. Mit dem Bauamtsleiter habe ich darüber schon gesprochen. Außerdem wäre es an der Kreuzung Dorfstraße/Steinfelder Straße sinnvoll, einen Spiegel anzubringen. So hätten die Autofahrer, die von oben kommen und an der Kreuzung links abbiegen wollen, eine bessere Sicht. Hierzu habe ich kürzlich einen Antrag bei der Stadt eingereicht. Auf dem Spielplatz am Dorfweiher fehlt ein Spielgerät für Kleinkinder. Die Stadt hatte ein solches für dieses Jahr eigentlich zugesagt.

Das war alles?

Netrval: Nein, in meinem elektronischen Gedächtnis, also auf meinem Smartphone, habe ich noch weitere Dinge notiert: eine Urnenwand an der Friedhofsmauer, die Sanierung der maroden Wirtsgartenstraße, die Schaffung von neuem Wohnraum – innerorts genau wie durch zusätzliches Bauland.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich einen Werbespruch ausdenken, warum es sich lohnt, in Rohrbach zu leben oder dorthin zu ziehen. Wie könnte dieser Slogan lauten?

Netrval: Rohrbach – die Perle der fränkischen Platte – ein schöner Ort in ruhiger Lage.

Hat es Rohrbach nötig, um neue Einwohner zu werben?

Netrval: Verglichen mit anderen Ortschaften sieht es bei uns recht positiv aus. Unsere Einwohnerzahl ist zuletzt relativ konstant geblieben, wir sind momentan bei 453. Natürlich sterben immer wieder ältere Einwohner, aber dafür kommen – vor allem im Neubaugebiet – auch jüngere dazu.

Und wann dürfen Sie das zweite SPD-Mitglied von Rohrbach willkommen heißen?

Netrval: Ich hoffe doch, bald – aber das wird nicht durch Bedrängen oder Überrumpeln geschehen.

Das Rätsel von Rohrbach

Wie alt Rohrbach ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit belegen. Es gibt zwar eine urkundliche Erwähnung im Jahr 1007 – aber da im deutschen Sprachraum insgesamt 38 Orte dieses Namens existieren, ist nicht endgültig klar, ob es sich dabei tatsächlich um das Rohrbach bei Karlstadt handelt. So verzichteten die Rohrbacher 2007 auch darauf, eine 1000-Jahrfeier auszurichten.

Hier soll ein Spiegel hin: Linksabbieger, die von oben kommen, haben an der Kreuzung Dorfstraße/Steinfelder Straße schlechte Sicht.
| Hier soll ein Spiegel hin: Linksabbieger, die von oben kommen, haben an der Kreuzung Dorfstraße/Steinfelder Straße schlechte Sicht.
Hier ist er zu Hause: Marco Netrval vor der Kulisse Rohrbachs. Das Bild entstand von Westen her – von dem Weg aus, der zum „Kirchle“ führt.
Foto: Jochen Jörg | Hier ist er zu Hause: Marco Netrval vor der Kulisse Rohrbachs. Das Bild entstand von Westen her – von dem Weg aus, der zum „Kirchle“ führt.
Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Main-Spessart und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren
Karlstadt
Jochen Jörg
Bayerischer Landtag
Bosch Rexroth AG
CSU
Dienstreisen
Franz Maget
Herbert Wehner
Jochen Vogel
SPD
Sprachräume
Stadträte und Gemeinderäte
Süddeutsche Zeitung
TSV 1860 München
Urkunden
Werbesprüche
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!