Marktheidenfeld

Einfühlen in das Wesen der Musik

Gottfried Benn und die Musik war Thema eines „Literarisch-Musikalischen Salons“ im Homburger Schloss mit (von links) Michael Günther, Julian Zalla, Anna-Lucia Leone und Peter Lingens.
Foto: Martin Harth | Gottfried Benn und die Musik war Thema eines „Literarisch-Musikalischen Salons“ im Homburger Schloss mit (von links) Michael Günther, Julian Zalla, Anna-Lucia Leone und Peter Lingens.

Vor 60 Jahren starb mit Gottfried Benn (1886-1956) einer der bedeutsamsten und nicht weniger umstrittenen deutschen Dichter. Für Michael Günther bot dies den Anlass im Rahmen seines „Literarisch-Musikalischen Salons“ der Frage nach dem Verhältnis des Brandenburger Pastorensohns und Arztes zur klassischen Musik nachzugehen.

Dazu lud er den Frankfurter Volkskundler Peter Lingens als Mitglied der Gottfried-Benn-Gesellschaft ein, um in einem von Musik begleiteten Vortrag der bislang wenig beachteten Bedeutung musikalischer Werke für Benns Gedichte nachzuspüren. Zunächst widmete sich der Redner der Biografie des Dichters, dessen Vaterhaus eher amusisch gewesen sei. Später beeindruckte ihn Carusos Stimme in New York und in Briefen schilderte Benn den Besuch von Opern und Operetten in Hannover.

Tschaikowsky-Werke habe er tief, die Malerei jedoch als intellektueller empfunden. Lingens zeigte Bezüge zu klassischen Musikwerken in Benns Dichtung in vielfältiger Weise auf. So seien Musik-Worte und Szenen in diese eingeflossen.

In den berühmten Gedichten „Nachtcafé“ (1912) und „Am Saum des nordischen Meers“ (1922) seien Musikwerke als Kontrast zum textlichen Inhalt zitiert worden, so dass der Leser sie sich letztlich nur erschließen könne, wenn er die Musik wie der Dichter selbst kenne.

Schließlich zeigten das Liebesgedichte „Dann“ (1944) und das häufig sicher zu Unrecht als Kitsch abgetane, späte Werk „Schumann“ (1955) ein tiefes Verständnis und Einfühlen in das Wesen der Musik auf. Nicht zuletzt hatten Chopins Werke, die Benn im Radio hörte, den Dichter tief beeindruckt. So sei das Gedicht „Chopin“ aus dem Jahr 1944 als eine verschlüsselte Selbstdarstellung interpretiert worden.

Wenn der Dichter 1951 der Schriftstellerin Magret Boveri antworte, dass ihm Puccinis Oper Toska mehr sage als Bachs Kunst der Fuge, dürfe das nicht als ein wertendes, vielleicht dilettantisches Urteil interpretiert werden. Er wollte, so führte Lingens aus, lediglich auf die Spannung zwischen Stimmung und Emotion auf der einen und der Lyrik als Kunstprodukt auf der anderen Seite hinweisen und bezog sich dabei eben auf zwei Musikstücke.

Den Abend hatte Michael Günther mit einem Auszug aus Bachs „Kunst der Fuge“ als einen Höhepunkt der kontrapunktischen Komposition am historischen Hammerflügel eröffnet. Als Gast begrüßte er die Sopranistin Anna-Lucia Leone, die zu seiner Begleitung mit angenehm-warmen Timbre Robert Schumanns Liebeslied „Seit ich ihn gesehen“ interpretierte.

Eindrucksvoll und tief empfunden stellte der junge Pianist und Günther-Schüler Julian Zalla Chopins bekannten Trauermarsch aus der Klaviersonate op. 35 vor. Besinnlich präsentierte Anna-Lucia Leone die Litanei auf das Fest „Allerseelen“ von Franz Schubert.

Romantisches Musikverständnis zeigte die Sängerin bei zwei Liedern von Richard Strauss auf. Wobei die bewegte „Heimliche Aufforderung“ für eine ganz andere Spielart der Liebe stand als der vertraulich-bewegte „Traum durch die Dämmerung“.

Julian Zalla spielte den „Valse triste“ des Finnischen Komponisten Jean Sibelius, dessen Werken Gottfried Benn besondere, bleibende Bedeutung zumaß. Die Liebe zu Robert Schumanns populärer „Träumerei“, die gegen Ende des Abends im Stucksaal des Homburger Gebsattelschlosses erklang, teilte der Dichter letztlich mit vielen Zeitgenossen, wie die auch für die Klavier-Préludes von Chopin gegolten haben mag.

Peter Lingens Homburger Vortrag „Gottfried Benn und die klassische Musik“ ist in der Reihe „Mitteilungen der Gottfried-Benn-Gesellschaft e. V. als Band 3 (3. Jahrgang) 2016, erschienen. Infos im Internet: www.gottfriedbenn.de

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