KARLSTADT

Einst gab es 24 jüdische Gemeinden

Steinerne Zeugnisse: Aus aller Welt reisen Juden auf den Spuren ihrer Vorfahren in den Landkreis Main-Spessart. Zu den Zielen zählen vor allem die Judenfriedhöfe, hier ein Archivfoto aus Karbach.
Foto: Josef Laudenbacher | Steinerne Zeugnisse: Aus aller Welt reisen Juden auf den Spuren ihrer Vorfahren in den Landkreis Main-Spessart. Zu den Zielen zählen vor allem die Judenfriedhöfe, hier ein Archivfoto aus Karbach.

Aus persönlichem Interesse hat Georg Schirmer Informationen über das Leben der Juden und ihre Geschichte in Unterfranken und insbesondere in Laudenbach zusammengetragen. Daraus ist ein umfangreiches Thema geworden, das der Vorsitzende des Fördervereins „Synagoge Laudenbach“ anlässlich der aktuellen Wanderausstellung „Mitten unter uns – Landjuden in Unterfranken vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert“ im Johann-Schöner-Gymnasium in einem gut besuchten Vortrag zusammenfasste. Die „Freunde des JSG“ hatten ihn dazu eingeladen.

Der Referent blickte weit zurück in die Geschichte, als Juden sich vor allem an Rhein und Donau ansiedelten. In Franken werden sie zuerst in Bamberg (1096) und Würzburg erwähnt. Bereits im Mittelalter mussten sie sich kennzeichnen mit Judenhut und einem gelben Fleck an der Kleidung. Doch sie wurden gebraucht, förderten Wirtschaft und Handel, denn den Christen waren Geldgeschäfte nicht erlaubt. Juden war es verboten, als Handwerker oder Landwirt zu arbeiten; nur vereinzelt durften sie als Ärzte praktizieren.

Im Landkreis Main-Spessart gab es zwar frühe städtische Siedlungen, doch von Röttingen ausgehende Judenverfolgungen vertrieben 1298 auch die jüdischen Bewohner Karlstadts; erst 1895 gab es eine Wiedergründung einer jüdischen Gemeinschaft hier. Das heutige Lokal „Zeitlos“ war einst die Synagoge gewesen; eine zweite Synagoge war nur wenige Meter nebenan das Eckhaus Hauptstraße/Schustergasse.

Mit dem 1595 ausgesprochenen Ansiedlungsverbot von Juden in den Städten des Hochstifts Würzburg wanderten viele nach Polen und Italien aus. Zwei Drittel der unterfränkischen Orte hatten jüdische Ansiedlungen, in Main-Spessart waren es 24 Gemeinden, darunter Laudenbach, Wiesenfeld, Urspringen, Weikersgrüben, Wolfsmünster, Gräfendorf.

Schirmer stellte die wichtigsten Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde am Beispiel Laudenbachs vor: Die Mikwe, das Tauchbad für die rituelle Reinigung, wobei wichtig war, dass diese fließendes Wasser hatte. Die Synagoge, die bereits 1736 saniert werden musste, hatte, was ungewöhnlich ist, einen Tahararaum zur Reinigung von Verstorbenen.

Kein Genizafund in Laudenbach

Eine Synagoge hatte viele Funktionen, war nur teilweise Andachtsraum, aber auch Versammlungsstätte, Haus des Debattierens, Lernort, ein Haus des Gerichts und sollte 24 Stunden offen sein. Bisher gibt es in Laudenbach keinen Genizafund. In einem manchmal vermauerten Hohlraum hat man verbrauchte jüdische liturgische Schriften, nicht mehr lesbare Torarollen oder andere Texte, die man nicht mehr benutzte, verschlossen abgelegt.

Von Bedeutung war die Mazzenbäckerei, die das ungesäuerte Brot aus Wasser und einer von fünf Getreidesorten ohne jegliches Backtreibmittel herstellte. Mazzebrot, ein bisschen ähnelt es Knäckebrot, wird während des Pesachfestes zur Erinnerung an den legendären überstürzten Auszug der Israeliten aus Ägypten gegessen. Die Laudenbacher Bäckerei beschäftigte bis zu zwölf Arbeiter – auch Christen – und lieferte bis Mittelsinn.

Zum Verbandsfriedhof auf dem Schlossberg brachten Juden aus 25 umliegenden Ortschaften ihre Toten, die innerhalb von 24 Stunden beerdigt werden mussten. Im „Haus des ewigen Lebens“, wie die jüdischen Friedhöfe auch heißen, herrscht Gleichheit für alle; dort bestehen die Gräber ewig und werden sich selbst überlassen. Die Besucher, tief verbunden mit den Verstorbenen, hinterlassen einen Stein. Auffallend sind im Flurnamenverzeichniss in den 20er Jahren in Unterfranken viele Hinweise auf Judenwege. Um keine Wegzölle zu zahlen, brachten Juden von Greußenheim, Arnstein oder Lohr ihre Toten nicht auf Straßen zum Verbandsfriedhof.

Schirmer ging auch auf das absolut tiefe Misstrauen bis in heutige Zeit im Umgang mit Minderheiten und Fremdheit ein. Der Förderverein führte Zeitzeugengespräche in Laudenbach: Dabei erfuhr man, dass manche Einwohner Angst vor Juden hatten, für andere sei es als Kind exotisch gewesen, in die Synagoge schauen zu dürfen. Einige erinnern sich an die hohe Pflicht der Wohlfahrt: So unterstützten Wohlhabende Betteljuden, gaben aber auch einer bettelarmen Laudenbacherin christlichen Glaubens eine Arbeitsstelle. Die Atmosphäre in den Dörfern sei auch in den 30er Jahren ambivalent gewesen.

Wanderausstellung

Wer mehr über das Judentum in Unterfranken erfahren möchte: Bis einschließlich Sonntag, 22. Dezember, ist die Wanderausstellung „Mitten unter uns – Landjuden in Unterfranken vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert“ mit Ausstellungstafeln und einer Hörstation sowie einer kostenlosen Begleitbroschüre im Johann-Schöner-Gymnasium in Karlstadt werktäglich von 8 bis 17 Uhr und zusätzlich dank ehrenamtlicher Helfer des Förderkreises Laudenbach am Samstag und Sonntag von 12 bis 16 Uhr geöffnet. Vom 2. bis 18. Januar wird die Wanderausstellung im Rathaussaal des Alten Rathauses in Lohr zu sehen sein. sys

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