Karlstadt

Einzelhandel in der Krise: Ist die E-Commerce-Ausbildung die Lösung?

Die Ausbildung zum Internet-Kaufmann bietet in ganz Unterfranken nur die Karlstadter Berufsschule an. Was lernen die Azubis und wo können sie ihr Wissen einsetzen?
Doppelte Übersicht hat die Kauffrau für E-Commerce Simone Hüttl (links): Am Computer überblickt sie das traditionelle Ladengeschäft und bearbeitet gleichzeitig den Online-Auftritt.
Foto: Günter Roth | Doppelte Übersicht hat die Kauffrau für E-Commerce Simone Hüttl (links): Am Computer überblickt sie das traditionelle Ladengeschäft und bearbeitet gleichzeitig den Online-Auftritt.

Seit langem schon nimmt die Bedeutung des Internethandels (E-Commerce) immer mehr zu und dieser Trend hat natürlich im Zuge der gegenwärtigen Coronakrise einen gewaltigen Aufschwung genommen. Viele sehen darin so etwas wie einen weiteren Sargnagel für den stationären Einzelhandel, andere hingegen können in diesen Veränderungen auch gute Chancen für die Geschäfte erkennen.

Wenn Simone Hüttl im Büro am Rechner sitzt, arbeitet sie meist mit zwei Bildschirmen gleichzeitig. Auf dem einen hat sie den Verkaufsladen im Erdgeschoss im Blick, auf dem anderen pflegt sie den Internetshop der Pfeuffer-Mühle in Uettingen (Lkr. Würzburg). Der Familienbetrieb verkauft Reit- und Hundesportartikel sowie Tiernahrung.

Dieser doppelte Bildschirm ist quasi symbolisch für das neue Berufsbild von Hüttl zu sehen, denn die 39-Jährige absolviert eine zweite Lehre. Derzeit ist sie Auszubildende für "E-Commerce", eine Verbindung der traditionellen Kaufmannsberufe für Einzel- oder Großhandel mit den Möglichkeiten des Onlinehandels. Zuvor war sie schon ausgebildete Einzelhandelskauffrau.

Lesen Sie auch:

Die Laufkundschaft ist bei 2000 Seelen begrenzt 

Petra Pfeuffer-Enlow, die Chefin des Betriebs, setzt schon seit einiger Zeit auf diesen doppelten Vertriebsweg. Die potenzielle Kundschaft ist im 2000-Seelen-Dorf Uettingen begrenzt. Laufkundschaft, die zufällig mal vorbeischaut, reicht nicht aus. "In einer Zeit, in der jeder einen Computer daheim hat, wollen die Leute auch online sehen, was der Markt so bietet", sagt sie. Die Kunden wollen auch Waren sowie Preise vergleichen und womöglich auch gleich per Internet einkaufen. "Bei uns kann man shoppen gehen, bestellen, sich die Ware liefern lassen oder sich hier beraten lassen," so Pfeuffer-Enlow.

Online bestellte Waren werden zusammengestellt und dann meist persönlich abgeholt.
Foto: Günter Roth | Online bestellte Waren werden zusammengestellt und dann meist persönlich abgeholt.

Hier werden nun künftig die Kaufleute aus dem E-Commerce-Bereich gebraucht. Simone Hüttl hat während ihrer Ausbildung gelernt, einen Onlineauftritt kundenfreundlich, informativ und verkaufsfördernd zu gestalten. "Wie im normalen Einzelhandel gilt auch bei uns: Das Schaufenster muss schön sein!", betont sie. Deshalb müssen Internet-Kaufleute nicht nur über die technischen und rechtlichen Voraussetzungen des Onlinehandels Bescheid wissen, sondern die jeweiligen Seiten auch ansprechend und übersichtlich gestalten können, um die Kauflust der Kunden anzuregen – wie im jedem Laden eben auch.

Am Rechner aber zeigt Hüttl nun die umfangreichen Möglichkeiten beim Umgang mit ihrem Internetauftritt. Mithilfe von Analysewerkzeugen kann sich viel über das Kundenverhalten herausfinden: Woher kommen die Klicks, wie lange war der jeweilige Kunde auf welcher Seite, was wurde besonders oft gesucht oder wie viele Nutzer lesen regelmäßig den Newsletter der Pfeuffer-Mühle? "Wir können aus diesen Ergebnissen schließen, ob wir an unserem Angebot etwas ändern müssen und welche Zahlungsmöglichkeiten bevorzugt werden", erklärt sie.

Ohne persönlichen Kontakt geht hier auch im Zeitalter des E-Commerce nichts. Kunden wollen die Ware persönlich prüfen und Manches auch anprobieren.
Foto: Günter Roth | Ohne persönlichen Kontakt geht hier auch im Zeitalter des E-Commerce nichts. Kunden wollen die Ware persönlich prüfen und Manches auch anprobieren.

Der Diplom-Handelslehrer Thomas Kraft unterrichtet an der Berufsschule Main-Spessart in Karlstadt, die als einzige in ganz Unterfranken diesen neuen Ausbildungszweig anbietet. Derzeit gibt es drei Jahrgänge und der Abschlussjahrgang steht seit vergangener Woche als erster in Bayern im Examen. Vor drei Jahren war es gelungen, die E-Commerce-Auszubildenden nach Karlstadt zu holen. Die Schüler werden hier aus ganz Unterfranken im Blockunterricht betreut; einige wohnen deshalb während dieser Zeit auch im angeschlossenen Schülerwohnheim.

Neben den traditionellen Grundkompetenzen des Kaufmannsberufs wie Buchführung, Kalkulation und Schriftwesen stehen jetzt auch Online-Marketing, der Umgang mit Suchmaschinen und verschiedene Vertriebswege auf dem Stundenplan. Momentan sind die Lehrpläne für den neuen Ausbildungszweig noch recht allgemein gehalten, was zwar zur Unsicherheit bei Lehrkräften und Schülern führen könnte, aber allen auch große Spielräume ermöglicht. "Wir sind ein hoch motiviertes Team mit meist jungen Kollegen und diese neuen Wege bereiten auch uns viel Freude. Und manchmal lernen wir auch mit unserer Arbeit und mit unseren Schülern", sagt Kraft.

Ohne digitale Unterstützung wird es schwer für die Betriebe

In der Pfeuffer-Mühle relativiert Hüttl auch die häufigen Vorwürfe bezüglich der Umweltschädlichkeit des Onlinehandels. Der überwiegende Teil ihrer Kunden bestelle zwar durchaus per Internet, komme aber dann doch vorbei, um dann die gezielt ausgewählten Produkte persönlich abzuholen. 

Beschleunigt jetzt der vermehrte Einsatz von E-Commerce die Probleme des regulären Einzelhandels dramatisch? Simone Hüttl ist zuversichtlich: "Die große Mehrzahl der Kunden legt weiterhin Wert auf den direkten Kontakt, auf die fachkundige Beratung und die Vergleichsmöglichkeiten vor Ort", versichert sie. Aber ohne digitale Unterstützung wird es schwer für die Betriebe.

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Main-Spessart und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Weitere Artikel
Themen & Autoren
Karlstadt
Uettingen
Günter Roth
Auszubildende
Berufsschulen
Einzelhandel
Einzelhandelskaufmänner
Internetshops
Kaufleute
Kunden
MSP Wirtschaft
Schaufenster
Schülerinnen und Schüler
Thomas Kraft
Verkaufsshops
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!