Marktheidenfeld

Entbuschung: Nur der Wacholder bleibt stehen

Entbuschung: Was an der Grenze zwischen Karbach und Marktheidenfeld derzeit läuft, ist nur der Auftakt: Im Landkreis Main-Spessart werden insgesamt 45 Hektar Wald ausgelichtet und Hänge entbuscht.

Der Konflikt war absehbar und ist derzeit weit verbreitet: Wann immer im Winter Bäume fallen und Hecken weichen, hebt für gewöhnlich ein Wehgeschrei an. Nachvollziehbar ist dies zumal, wenn fünf Hektar in unmittelbarer Stadtnähe weitgehend vom Bewuchs befreit werden, wie es derzeit an der Grenze zwischen Marktheidenfeld und Karbach geschieht. Auf Karbacher Gemarkung frisst dort seit Anfang des Jahres ein Forstmulch-Roboter den Hang am Setzberg frei. Nur Wacholderstauden und einige Einzelbäume lässt er stehen, wie das Landratsamt bereits Mitte Dezember bei einem Pressetermin ankündigte.

In Jahrzehnten zugewuchert, soll der Hang in Südwestlage wieder jene Funktion haben, die ihm der Mensch über Jahrhunderte zugewiesen hatte: Wein und Hopfen wurden angebaut, die Wiesen dienten als Weide für Ziegen und Schafe oder zum Heu machen.

Der Nahezu-Kahlschlag empört den ein oder anderen Anlieger. Kurt Schüll, einer von diesen, erzürnt sich gar: „Das Gebiet sieht aus, als wenn Sprengbomben niedergegangen wären.“ Was noch schlimmer für ihn ist: Mit den dichten Hecken werde der Lebensraum vieler Tiere, vor allem geschützter Arten, zerstört.

 

Das Kettenfahrzeug zermalme Amphibien, die in Kältestarre unter Laub überwintern. Blindschleichen und Ringelnattern würden in den Matsch gedrückt, die Vogelwelt sei abgezogen. Schmale Pfade würden für den Abtransport des Schnittguts mit Lastern zu zehn Meter breiten Fahrstraßen verbreitert, schimpft er.

 

„Hecken sind die Schwestern des Waldes“, macht der passionierte Vogelfreund und Jäger deutlich. Eine Landschaft mit Schlehen, Weißdorn und Wildrosen biete 37 Vogel- und 20 Säugetierarten Raum zum Leben. Ohne Hecken würden sich nur sechs Vogel- und fünf Säugetierarten wohl fühlen. Häsinnen setzen geschützt von Hecken ihre Jungen, Fasane und Rebhennen brüten dort.

Schüll, seit einigen Jahren schon im Ruhestand, stammt aus Lengfurt. Nach etlichen Jahren als Oberschullehrer in Berlin, wo er Mathematik, Physik und Nachrichtentechnik unterrichtete, kehrte er in die fränkische Heimat zurück, arbeitete er als Ausbilder bei der Lohrer Rexroth-Tochter Indramat. Seine Beziehung zu Vögeln pflegt er seit über 30 Jahren, seit 1997 hat er den Jagdschein. Er hängt Eulenkästen auf und pflegt sie. Dort oben am Kalkofen habe er vor zwei Jahren auch schon eine Fährte entdeckt, die nachweislich von einem Luchs stammt, hat er sich von einem Experten bestätigen lassen.

Während seiner Berliner Zeit arbeitete er sogar zusammen mit dem Veterinärrat Richard Blase aus Gera – eine Koryphäe auf dem Gebiet von Jagd und Natur, der Autor des jedem Waidmann bekannten Standardwerks „Die Jägerprüfung“. Diesen habe er beraten, sagt Schüll, und begründet damit sein vernichtendes Urteil: Die Entbuschung des Kalkofen-Hangs sei für ihr ein „Teufelswerk“. Man müsse abwägen, was wichtiger sei: dies oder das. „Wenn's nach mir geht, gehört der Berg unter Naturschutz gestellt und sich selbst überlassen“, macht er deutlich.

In der Baumhofsiedlung oben würden viele Bewohner den Kopf schütteln, hat er beobachtet. „Aber die haben halt alle Angst, den Mund aufzumachen“, macht er sich zu deren Sprachrohr.

Auch die EU bekommt ihr Fett ab. Denn diese macht für das Life-Naturprojekt MainMuschelKalk 1,25 Millionen Euro locker, um Lebensraum für seltene Arten wie Diptam und Hummel-Ragwurzel, Zippammer und Glücks-Widderchen zu schaffen – die Hälfte der Gesamtkosten. „Die Gelder sind da, also müssen sie verpulvert wwrden“, spottet Schüll. „Aber was auf der anderen Seite kaputt gemacht wird, daran denken sie nicht.“

Stichwort: Das Projekt MainMuschelkalk

Ziel des Life+ Naturprojekts MainMuschelkalk ist es, wertvollen Naturraum und eine attraktive Kulturlandschaft an Main, Saale und Wern zu schaffen. Beteiligt sind drei Landkreise (Main-Spessart, Bad Kissingen Würzburg), die Stadt Würzburg und das Umweltministerium. Insgesamt bearbeitet werden 117,5 Hektar. Davon werden 87 Hektar entbuscht, 30 Hektar Wald aufgelichtet.

Im Landkreis Main-Spessart sind 45 Hektar betroffen, davon 13,5 Hektar Waldauslichtung. Auf Karbacher Gemarkung werden 8,9 Hektar an Setzberg und Rüdingsberg bearbeitet.

Infos im Internet: www.mainmuschelkalk. de

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Der Hang soll mehr Licht bekommen: Nur noch wenige Bäume und vor allem Wacholder bleiben stehen.
Foto: Fotos (3): Roland Pleier | Der Hang soll mehr Licht bekommen: Nur noch wenige Bäume und vor allem Wacholder bleiben stehen.
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