Lohr

Er ist in der Stadtkapelle aufgewachsen

Im Festwochenzelt gab der damalige Bürgermeister Siegfried Selinger (links) 1995 den Taktstock von Peter Häring (Mitte) an Wolfgang Riedmann weiter.
Foto: Repro: Thomas Josef Möhler | Im Festwochenzelt gab der damalige Bürgermeister Siegfried Selinger (links) 1995 den Taktstock von Peter Häring (Mitte) an Wolfgang Riedmann weiter.

Sein Jubiläumsjahr hat sich Wolfgang Riedmann anders vorgestellt. Der 51-jährige Steinbacher ist seit 25 Jahren Leiter der Lohrer Stadtkapelle. Die Corona-Krise hat auch die Stadtkapelle monatelang lahmgelegt, am Donnerstag vergangener Woche ging es mit einer Probe auf dem Steinbacher Sportplatz wieder los.

Die Amtsübernahme als Stadtkapellmeister vom Vorgänger Peter Häring bekamen 1995 Hunderte von Augenzeugen mit. Der damalige Bürgermeister Siegfried Selinger überreichte Riedmann den Taktstock im Zelt der Spessartfestwoche am Ende des sonntäglichen Stadtkapellenkonzerts. Denn die Stadtkapelle ist eine offizielle Einrichtung der Stadt Lohr und der Sing- und Musikschule zugeordnet.

Dort nahm Riedmann als Neunjähriger seinen ersten Musikunterricht in den Fächern Posaune und Klavier. Bereits mit 13 Jahren trat er in die Stadtkapelle ein. "Ich bin in der Stadtkapelle aufgewachsen", sagte Riedmann in einem Gespräch mit unserem Medienhaus.

Beim Heeresmusikkorps

Die Musik begleitete den Lebensweg Riedmanns, der heute bei Rexroth in der IT arbeitet. Er schloss in Würzburg die Musikhochschule als Diplommusiker und staatlich geprüfter Musiklehrer ab, spielte im Heeresmusikkorps in Veitshöchheim, lehrte an den Musikschulen in Lohr und Gemünden und eröffnete selbst eine Yamaha-Musikschule.

Die Übernahme der Stelle als Stadtkapellmeister, von Peter Häring eingefädelt, sei für ihn als Musiker attraktiv gewesen, so Riedmann: "Es war fast unmittelbar nach meiner Bundeswehrzeit und ich habe mir gerade ein Standbein als Musiker aufgebaut, da war mir das sehr willkommen."

Nach gut vier Monaten Corona-Zwangspause hat die Stadtkapelle in der vergangenen Woche erstmals wieder geprobt – mit gebührendem Abstand zwischen den Musikern auf dem Steinbacher Sportplatz.
Foto: Thomas Josef Möhler | Nach gut vier Monaten Corona-Zwangspause hat die Stadtkapelle in der vergangenen Woche erstmals wieder geprobt – mit gebührendem Abstand zwischen den Musikern auf dem Steinbacher Sportplatz.

In dem Vierteljahrhundert seither ist viel passiert. Die Stadtkapelle ist nach den Worten ihres Dirigenten jünger und weiblicher geworden und hat ihr Repertoire "extrem erweitert". 42 Musiker zählt sie derzeit, die teilweise aus einem weiteren Umkreis kommen. Selbst Ex-Lohrer, die heute in Schweinfurt und Würzburg wohnen, spielen mit. Die meisten musizieren in ihren Heimatorten auch in den dortigen Kapellen.

Den Altersdurchschnitt schätzt Riedmann auf etwa 35 Jahre, der Frauenanteil nähert sich den 50 Prozent. Waren früher die Klarinetten und Flöten Domäne der Frauen, arbeiten sie sich nach Riedmanns Worten jetzt auch ins "schwere Blech" vor.

Lieber in Bands

Bei den Instrumenten hat der Stadtkapellmeister Moden kommen und gehen gesehen: "Früher gab es massenhaft Trompeten- und Saxofonspieler, heute lernen die jungen Leute lieber E-Gitarre, Bass und Schlagzeug." Das Interesse gehe also weniger in Richtung Blasmusik als vielmehr zur Unterhaltungsmusik und Bandmitgliedschaft. Für die Stadtkapelle ist das ein Problem: "Wir merken schon, dass weniger Nachwuchs nachkommt, anders als die Musikvereine in den Stadtteilen sind wir ja auf die Musikschule angewiesen." Das Waldhorn sei zurzeit knapp besetzt, auch die Klarinetten und "exotische" Instrumente wie die Oboe.

Das Ziel, das er vor 25 Jahren ausgegeben hat, die Stadtkapelle zu einem symphonischen Blasorchester weiterzuentwickeln, sieht Riedmann als voll erreicht an. Die Stadtkapelle habe mehrere Standbeine. Sie repräsentiere die Stadt bei Gelegenheiten wie etwa beim Transportfliegertreffen und bei der Festwoche und spiele in Kirchen und bei Prozessionen. Doch das Repertoire umfasse auch Jazz, Swing und Klassik. Im vergangenen Jahr gab die Stadtkapelle ein Konzert mit Filmmusik in der Stadthalle. Dieses Jahr war ein Auftritt mit Musicalmelodien geplant, der Corona zum Opfer fiel. Etwa sieben bis acht konzertante Auftritte hatte die Stadtkapelle bisher pro Jahr.

50 Prozent Psychologie

Neue Stücke sucht Riedmann aus. Im Laufe der Jahre bekomme man ein Gespür dafür, was den Musikern Spaß mache und was nicht. Denn seine Arbeit sei zu "50 Prozent Psychologie". Der Umgang miteinander habe in den letzten 25 Jahren den größten Umbruch erlebt: Früher habe man als Mitglied der Stadtkapelle spielen "müssen". Heute müsse er seine Musiker überzeugen und motivieren. Andererseits sei seinen Leuten aber auch klar, dass nicht nur das gespielt werden könne, was einem selber gefalle. Die neuen Stücke wählt Riedmann in der Sommerpause aus, in der ruhigeren Herbst- und Winterzeit werden sie geprobt. Bis ein schweres Stück sitze, könne schon mal der Winter vorbeigehen.

Wolfgang Riedmann dirigiert seit 25 Jahren die Stadtkapelle Lohr.
Foto: Thomas Josef Möhler | Wolfgang Riedmann dirigiert seit 25 Jahren die Stadtkapelle Lohr.

Eine besondere Herausforderung war die Corona-Krise. Im März war Schluss mit Proben und Auftritten. Am Donnerstag vergangener Woche gab es die erste Probe seit gut vier Monaten – mit Hygienekonzept und gebührenden Abständen zwischen den Musikern auf dem Steinbacher Sportplatz. "Das ist mehr ein Treffen und keine intensive Probe wie in einem geschlossenen Raum", erläuterte der Stadtkapellmeister.

Einberufen hat er sie, weil er sich Sorgen machte, Musiker könnten wegen der langen Pause abspringen und die Stadtkapelle auseinanderfallen. "Aber es gingen alle Daumen hoch, als ich die Probe angekündigt habe." Ab September will er wieder drinnen proben.

In den Proberaum im Untergeschoss der Alten Turnhalle dürfen nach den derzeitigen Bestimmungen nur zehn Musiker gleichzeitig, in den Saal alle 42. Am 6. Dezember steht ein Benefizkonzert auf dem Programm. Wie es weitergeht, muss Riedmann mit seinen Musikern und Kulturamtsleiter Thomas Funck klären.

Sein Wunsch ist es, dass engagierte Musiker sich trauen, auf die Stadtkapelle zuzugehen. Er spüre da gewisse Hemmungen, so Riedmann. "Alle Musiker, die zu uns gekommen sind, sind mit Begeisterung dabeigeblieben."

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