Main-Spessart

Erste Menschen: Der Neanderthaler durchstreifte die Region

Aus der Geschichte Main-Spessarts (4): Die ersten Menschen kommen: Funde von Faustkeilen beweisen, dass der Neandertaler die Region immer wieder besuchte. Dann starb er aus.
Die Neandertaler waren in der Region, wie Funde beweisen. Unser Bild zeigt eine Nachbildung eines älteren Neandertalers, der im Neanderthal-Museum in Mettmann steht. Die Neandertaler lebten wahrscheinlich schon lange vor dem modernen Menschen in Europa. Sie starben vermutlich vor rund 30 000 Jahren aus.
Die Neandertaler waren in der Region, wie Funde beweisen. Unser Bild zeigt eine Nachbildung eines älteren Neandertalers, der im Neanderthal-Museum in Mettmann steht. Die Neandertaler lebten wahrscheinlich schon lange vor dem modernen Menschen in Europa. Sie starben vermutlich vor rund 30 000 Jahren aus. Foto: Federico Gambarini

Für Benjamin Spies war es ein Glücksfall. Auf einem gepflügten und abgeregneten Acker bei Erlenbach fand er einen Stein aus Kieselschiefer, bläulich schwarz und mit einer scharf schneidenden Kante. "Ein kleiner Schaber", freute er sich. Danach hatte er gesucht, denn Spies ist Archäologe und er weiß, wo er hinschauen muss, um einen Fund zu machen. Ein Laie hätte diesem Stein wohl kaum Beachtung geschenkt.

Spies ist sich sicher, dass sein Fundstück ein Werkzeug eines Neandertalers ist, der auf seinen Wanderungen die Region vor 40.000 Jahren und noch früher in kleinen Gruppen durchzogen hat. Der Stein hat die charakteristische Form und Bearbeitungsspuren eines Schneidewerkzeuges des Neanderthalers. Zudem muss er, da der Stein ortsfremd ist, hierher getragen worden sein.

Dieses Bruchstück eines Keilmessers aus der Zeit der Neandertaler fand Archäologe Benjamin Spies auf einem Feld nahe Erlenbach.
Dieses Bruchstück eines Keilmessers aus der Zeit der Neandertaler fand Archäologe Benjamin Spies auf einem Feld nahe Erlenbach. Foto: Joachim Spies

Und dass es den Neandertaler in der Region gegeben hat, dafür gibt es genügend Beweise. Eindeutige Funde von Steinwerkzeugen des Neandertalers entlang des Mains sind belegt. Dabei nutzte der Neandertaler fast ausschließlich Kieselschiefer als Ausgangsmaterial für seine Geräte, ein blauschwarzes, scharfkantig springendes Gestein, auch Lydit genannt, das im Mainschotter zu finden ist. 

Viele Fundstätten auf dem Stettener Riedel

Größere Fundstellen, auf denen mehrere Steingeräte gefunden wurden, sind markante Erhebungen über den Flusstälern, insbesondere dort, wo größere Bäche in den Main münden. "Solche Lagerplätze besaßen die Funktion von Hochsitzen", sagt Spies, weil man von dort aus die Wanderungen der eiszeitlichen Großwildherden entlang der Flusstäler beobachten konnte. Als besonders fundreiche Kleinlandschaft nennt Spies den Stettener Riedel, ein Höhenrücken zwischen Karlstadt und Wernfeld, der im Westen vom Main, im Osten und Norden von der Wern umflossen wird.

Dr. Ralf Obst vom Landesamt für Denkmalpflege. 
Dr. Ralf Obst vom Landesamt für Denkmalpflege.  Foto: Günter Roth

Dort reihen sich entlang mehrerer Erhebungen einige Fundplätze aneinander, die wiederholt von Neandertalern aufgesucht worden sind. Dies bestätigt auch Ralf Obst vom Landesamt für Denkmalpflege in Bamberg, der in den 1980er und 1990er Jahren dort als Mitglied des Archäologischen Arbeitskreises Karlstadt oft nach Zeugnissen aus der Steinzeit gesucht hat und auch fündig geworden ist. Entdeckt wurden Steingeräte sowie Reste von deren Bearbeitung aus lokalem Silex (Feuerstein), die vom Neandertaler als Werkzeuge und Jagdwaffen verwendet worden sind.

Dass die Höhenrücken sich als guter Fundort erwiesen haben, hat noch einen weiteren Grund. Denn auch im Maintal wären sicher noch viele Fundstücke aus der frühen Steinzeit zu finden, aber zum einen hat der Main seitdem die Landschaft massiv verändert und zum anderen sind mögliche Fundplätze von einer mehrere Meter hohen Lössschicht bedeckt, die dort in den Kältezeiten angeweht worden ist. Auf den Höhenrücken konnte sich der Löss nicht halten. "Er ist auf den Kuppen aberodiert", so Obst, und der Blick ist frei, – wenn man Glück hat, – auf die Zeugnisse der Vergangenheit. Besonders die Kürbishöhe bei Stetten sei ein ergiebiger Fundort gewesen. 

Ausgestellt waren bisher die Steingeräte im Karlstadter Museum für Stadtgeschichte. Derzeit ist das Museum geschlossen und die Neukonzeption noch nicht festgeklopft. Doch Wolfgang Merklein, Vorsitzender des Historischen Vereins Karlstadt, sagt, dass weiter daran gedacht ist, ausgewählte Funde aus der Steinzeit zu zeigen. "Wir können damit beweisen, dass der Neandertaler hier gewesen ist", sagt er.  

Die Landschaft war eine Steppe

Vermutlich streifte der Neandertaler in kleinen Gruppen von 15 bis 25 Leuten durch die Region, auf festen Routen, auch wiederkehrend. "Davon waren nur fünf bis sechs im besten Mannesalter", meint Spies. Man muss sich die Landschaft zu dieser Zeit als Steppe vorstellen. Es gab keine Bewaldung, nur Büsche. Die Luftfeuchtigkeit war gering. Die Jäger und Sammler ernährten sich auch von Beeren und Wurzeln und waren in der Lage, Feuer zu machen.

Dass Mammuts zu den Beutetieren des Neandertalers gehört haben, gilt als sicher. Ob diese aber im großen Ausmaß gejagt worden sind, bezweifeln Spies und Obst. "Vermutlich hatten sie es nur auf alte, kranke oder sehr junge Tiere abgesehen", meint Spies. "Gegen einen ausgewachsenen Mammut hatte der damalige Steinzeitmensch wohl keine Chance", sagt Obst, auch dann nicht, wenn er als Waffe über einen Holzspeer verfügte.

Klimawandel vor 12.000 Jahren

Daher glauben sie nicht, dass der Mensch für das Aussterben des Mammuts verantwortlich ist. Es ist vor allem der tiefgreifende Klimawandel, der mit dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12.000 Jahren die Lebensumstände der Mammuts zu ihrem Nachteil veränderte. Höhere Niederschläge und vor allem höhere Temperaturen begünstigten die Ausbreitung von Urwäldern. Andere Tierarten fanden sich damit besser zurecht. Selbst in den Rückzugsgebieten im Norden ersetzte eine feuchte Tundra die trockene Mammutsteppe. 

Ausgestorben sind nicht nur die Mammuts, sondern auch die Wollnashörner, die die Region hier während der Eiszeiten durchwanderten. Erst 2018 ist ein versteinerter Unterkiefer aufgetaucht, den ein Rienecker bereits 1964 bei Bauarbeiten im Sinntal gefunden und diesen über 50 Jahre in seiner Wohnung aufbewahrt hatte. Das Senckenberg-Naturmuseum in Frankfurt erstellte ein Gutachten, nach dem es sich bei dem Unterkiefer um einen vor 12.000 Jahren auf der Erde ausgestorbenen Wollnashorn handelt.

Das Gutachten des Senkenbergmuseums gab Gewissheit: Der Unterkiefer stammt von einem vor 12.000 Jahren ausgestorbenen Wollnashorn.
Das Gutachten des Senkenbergmuseums gab Gewissheit: Der Unterkiefer stammt von einem vor 12.000 Jahren ausgestorbenen Wollnashorn. Foto: K-H. Wiesenfelder

Mit einer Länge von rund 3,50 Meter, einer Risthöhe von 1,70 Meter und einem Gewicht von bis zu drei Tonnen entsprach es in etwa den heutigen lebenden Nashörnern. Der in Rieneck gefundene gebrochene Kiefer misst 36 Zentimeter mit einem noch erhaltenen vier Zentimeter hohen Vorbackenzahn. Der geschichtlich interessierte Rienecker Otmar Wiesenfelder bemüht sich derzeit um eine Unterbringung des Unterkiefers im Spessartmuseum in Lohr.

Auch der Neandertaler ist ausgestorben. Oder ist er aufgegangenen in dem einwandernden Homo Sapiens? Von Afrika aus besiedelte dieser den Rest der Welt, wobei er Europa vor etwa 40.000 Jahren erreichte. Durch genetische Untersuchungen weiß man, dass sich Neandertaler und moderner Mensch in Europa begegneten und auch gemeinsame Nachkommen zeugten.

Homo Sapiens verdrängte den Neandertaler

Über die Gründe, warum sich der Homo Sapiens gegenüber dem Neandertaler durchsetzte, streitet die Wissenschaft. Es gibt mehrere Theorien, wobei es als unwahrscheinlich gilt, dass der moderne Mensch seinen entfernten Vetter ausgerottet hat. Schätzungen zufolge gab es nur rund 250.000 Neandertaler im eisfreien Europa, als ihre schlankeren Verwandten zu ihnen stießen. Allzu häufig dürften sich die umherziehenden Sippen daher nicht um Jagdgebiete und Höhlen gestritten haben, glaubt der Großteil der Forscher. 

Vielleicht wurde ihm aber seine Essgewohnheiten zum Verhängnis. Eine wissenschaftliche These besagt, dass diese zu 90 Prozent aus Fleisch bestand. Der Homo Sapiens hatte dagegen eine grazilere Gestalt und einen flexibleren Speiseplan. In Zeiten knapper Nahrung hat das zum entscheidenden Vorteil werden können.

Oder war ein gewaltiger Vulkanausbruch nahe Neapel der Grund für den Niedergang des Neanderthalers. Das Klima kühlte sich dadurch vor 40.000 Jahren ab. Möglich, dass sich der Homo Sapiens auf die veränderten Temperaturen besser einstellte.

War der moderne Mensch fruchtbarer?

Möglich auch, dass der Neandertaler aufgrund eines rascheren Bevölkerungswachstums des modernen Menschen verdrängt wurde, wobei ein Teil der Neandertaler-Population in der des Homo Sapiens aufgegangen ist. Vielleicht hat der Neandertaler auch keine Resistenzen gegen Krankheiten entwickeln können, die der moderne Mensch aus Afrika eingeschleppt haben könnte. 

Zeugnisse des Homo Sapiens in der Region aus ganz früher Zeit gibt es nur wenige. "Zu uns ist er zunächst nur sporadisch gekommen", sagt Spies. Während aus anderen Regionen Süddeutschlands, etwa entlang der Donau oder auf der Schwäbischen Alb, eine größere Zahl von eiszeitlichen Fundstellen des modernen Menschen bekannt sind, sind entsprechende Belege aus Mainfranken deutlich seltener. 

Woran es liegt, dass die Mainregion vom frühen modernen Menschen zunächst nur wenig aufgesucht wurde, ist noch nicht geklärt. Es könnte sein, meint Spies, dass der Mensch zur Herstellung seiner komplexen Steinwerkzeuge qualitätsvolle Gesteinsrohmateralien benötigte, die er entlang des Mains nicht vorfand. Der Kieselschiefer, den der Neanderthaler noch intensiv benutzte, könnte den höheren Ansprüchen des modernen Mensch nicht genügt haben. 

Homo Erectus

Aus den Homo Erectus entwickelte sich vermutlich in Europa der Neandertaler und – parallel zu diesem, aber unabhängig von ihm – in Afrika der moderne Mensch (Homo Sapiens). Mit dem Homo Erectus begann die Menschheitsgeschichte in Mitteleuropa vor rund 600 000 Jahren. Auf dieses Alter wird der Unterkiefer eines Homo Erectus datiert, der bei Heidelberg gefunden wurde und bis heute als der älteste Fund eines früheren Verwandten des modernen Menschen in Mitteleuropa gilt.
Der Homo Erectus gilt als die erste hominine Art, die das Feuer benutzte; die erste, die das Jagen als ein wesentliches Element zur Sicherung ihrer Nahrungsversorgung einsetzte; die erste, die wie ein moderner Mensch laufen konnte. Der deutlich hervortretende Unterkiefer und die ausgeprägte Überaugenwulst verliehen dem Homo Erectus recht archaische, schimpansenhafte Gesichtszüge.

Literatur: B. Spies, Alt- und Mittelsteinzeitliche Jäger und Sammler entlang des Mains. In: M. Klein-Pfeuffer, M. Mergenthaler (Hrsg.), Frühe Maingeschichte - Archäologie am Fluss (Mainz 2017), 25-34.

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