Gemünden

Franz Holzemer beugte sich den Nazis nicht

Ein Holländer klärt das Schicksal eines Besatzungssoldaten. Franz Holzemer aus Gemünden. Ein aufrechter Mensch in unmenschlichen Zeiten.
Während des Kriegsdienstes von Franz Holzemer (rechts), vielleicht sogar in Holland und möglicherweise in seiner Zeit in Oisterwijk entstand dieses Foto.
Foto: Familie Holzemer (3), Frans Kienhuis (1) | Während des Kriegsdienstes von Franz Holzemer (rechts), vielleicht sogar in Holland und möglicherweise in seiner Zeit in Oisterwijk entstand dieses Foto.

Franz Holzemer hat 1989 die Augen für immer geschlossen. Der Gemündener, der sein Leben als 87-Jähriger in Armut beschloss, war ein aufrechter Mann, der sich von den Nazis nicht hatte verbiegen lassen. Über sein Schicksal in der Diktatur berichteten wir 1982 ausführlich. Jetzt, 34 Jahre später, kommt völlig unerwartet eine weitere Bestätigung aus der Ferne, aus den Niederlanden: Auf Franz Holzemer kann Gemünden tatsächlich stolz sein.

Der Bäckermeister stammte aus der Gemündener Weinwirtschaft und Bäckerei am Fischmarkt, arbeitete aber nicht in seinem Beruf, sondern als Versicherungsagent. Spätestens mit der Reichspogromnacht im November 1938 geriet er in Opposition zu den herrschenden Nazis in der Stadt, nicht politisch und nicht als Widerstandskämpfer, sondern als Mensch, der sich in unmenschlichen Zeiten die Menschlichkeit bewahrte.

Und den Glauben. „Der Opa war sehr religiös“, weiß sein Enkel Walter Holzemer (Frammersbach/Langenprozelten). Er und seine Cousine Annemarie Obert (Gemünden) sind die einzigen direkten Nachfahren von Franz Holzemer und seiner Frau Lydia (geborene Gopp, Erlenbacher Höfe), deren Kinder – eine Tochter und ein Sohn – gestorben sind.

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Franz Holzemer stammte aus der Weinwirtschaft und Bäckerei Holzemer.
| Franz Holzemer stammte aus der Weinwirtschaft und Bäckerei Holzemer.

All das passt zu der Schilderung aus den Niederlanden. In der 25 000-Einwohner-Gemeinde Oisterwijk in der Provinz Nordbrabant hat ein heute 88-jähriger Mann, Wim van de Wouw, seine Kindheitserlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg festgehalten. Eine große Rolle spielt darin ein Besatzungssoldat: Franz Holzemer. Der Gemündener war Wim van de Wouws Vater ein guter Freund geworden. Auf dem Bauernhof der Familie waren niederländische Juden und Widerstandskämpfer versteckt – Holzemer wusste davon und verriet sie nicht. 1997 besuchte van de Wouw die Dreiflüssestadt und suchte vergeblich das (im Krieg zerstörte) Haus der Familie Holzemer am Fischmarkt . . .

Wim van de Wouw im Videointerview.
| Wim van de Wouw im Videointerview.

Marnix Versteegh, Hobbyhistoriker aus Oisterwijk, stellte jetzt neue, erfolgreiche Nachforschungen an. Er hatte sich an das Gemündener Stadtarchiv mit Joachim Hellmann, Werner Fella und Norbert Schuch gewandt. Letzterer übernahm die Nachforschungen. Warum er sich die Mühe mache, erklärt Marnix Versteegh so: „Wim van de Wouw hat es immer bedauert, niemals die Familie von Franz sprechen zu können, um der Familie zu erzählen, dass Vati Franz hier in Oisterwijk 1943 ein guter Mann war.“

Wie ein Mann, der nur helfen wollte, über Nacht zum Staatsfeind gemacht wurde. Die Akte Franz Holzemer ist im Staatsarchiv in Würzburg nachzulesen.

Im Internet ist auf „youtube“ ein Video zu sehen, in dem Wim van de Wouw ein Interview über die Besatzungszeit und über Franz Holzemer gibt (www.youtube.com/watch?v=ZI661IZdRKU). Norbert Schuch hat es mithilfe des Komitees für Städtepartnerschaft in Gemünden (Städtepartnerschaft mit der niederländischen Gemeinde Duiven) übersetzt.

Demnach hat sich Wim van de Wouws Vater morgens, wenn er zur Feldarbeit ging, bekreuzigt. Das habe Franz Holzemer gesehen und ihn mit den Worten „Ich bin auch katholisch“ angesprochen. Der damals zwölfjährige Wim erinnert sich, dass Franz Holzemer oft bei der Familie (und den Flüchtlingen dort) zu Besuch war; im Kaminzimmer des großen Bauernhofs, den Wim van de Wouw heute noch bewohnt, habe man gebetet, geraucht und Karten gespielt.

Untergetauchte zu beherbergen, bedeutete Lebensgefahr für die Bauersleute. Franz Holzemer enttäuschte das in ihn gesetzte Vertrauen nicht. 71 Jahre nach Kriegsende zu erfahren, dass der „gute Deutsche“ den Krieg überlebt hat, habe van de Wouw sehr gefreut, sagt Versteegh.

Franz Holzemer auf einem Passfoto nach dem Krieg.
| Franz Holzemer auf einem Passfoto nach dem Krieg.

Dabei sei Franz Holzemer nach dem Krieg ein gebrochener Mann gewesen, erzählt sein Enkel Walter Holzemer. Als er nach dem Krieg nach Hause kam, habe Großvater Franz feststellen müssen, dass er alles verloren hatte: Seine Frau Lydia war umgekommen, die drei Häuser der Familie Holzemer waren, wie ganz Gemünden, zerstört .

. . Er besaß nichts mehr – „der war fertig“, sagt Walter Holzemer, der gute Erinnerungen an seinen Großvater hat. Er habe sogar das Angebot der US-amerikanischen Militärverwaltung abgelehnt, als „Unbelasteter“ der erste Nachkriegsbürgermeister Gemündens zu werden.

Älteren Gemündenern ist Holzemer bekannt; er hatte als Klarinettenspieler den Spitznamen „Flöten-Franz“. Tatsächlich schaffte er es, noch einmal neu anzufangen. Er baute in der Mühltorstraße „aus Schutt und Schlacke“ ein neues Haus (neben dem Gasthof Schubert/„4 Elemente“), heiratete ein zweites Mal und hielt sich als über Land ziehender Schuhhändler über Wasser. Das Schuhwerk bezog er lastwagenweise von der damaligen Schuhfabrik Schanz in Partenstein. Zahlreiche Anekdoten ranken sich um diese Geschäfte. Weitere kommen dank der Nachforschungen aus Oisterwijk hinzu.

Franz Holzemer in den letzten Jahren.
| Franz Holzemer in den letzten Jahren.
Lydia und Franz Holzemer vor dem Krieg.
| Lydia und Franz Holzemer vor dem Krieg.
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