Altfeld

Georg Fertig aus Altfeld ist ein unermüdlicher "Wetterfrosch"

Als Beobachter von Wolken, Wind und Niederschlägen hat der fast 95-Jährige einen besonderen Blick, denn das Wetter war für seine Arbeit als Landwirt mal Segen, mal Fluch.
Altfelds Altbürgermeister Georg Fertig ist ein leidenschaftlicher Hobby-Meteorologe.
Altfelds Altbürgermeister Georg Fertig ist ein leidenschaftlicher Hobby-Meteorologe. Foto: Günter Reinwarth

Der tägliche Blick in den Himmel und der Gang zu seiner "Wetterhütte", die mit Regenmesser und anderen „meteorologischen“ Utensilien ausgestattet ist, sind für den "Schulze Schorsch" längst ein lieb gewonnenes Ritual. Daran hält er auch im hohen Alter fest. Georg Fertig, der diesen August 95 Jahre alt wird, „ist längst noch nicht fertig“. So lange es seine Gesundheit zulässt, will er sich weiter mit dem Wetter, seinem Steckenpferd, befassen. Das ist Tag für Tag spannend – mit all seinen Kapriolen, von denen er viel zu erzählen weiß.

„Ich bin halt ein Statistiker!“, sagt der Altbürgermeister aus Altfeld und blättert in seinem großen Zahlenwerk. Hier hat er Tag für Tag, Jahr für Jahr, Schwarz auf Weiß  festgehalten, ob und wie viel es in Altfeld geregnet hat und für welche Überraschungen das Klima auf der sechshundert Hektar großen Flur gesorgt hat. Als Beobachter hat Fertig einen besonderen Blick, denn das Wetter drückte seiner Arbeit den Stempel auf.  Exakt notiert er eine Menge Einzelheiten, die ihm als gelernten Landwirt wichtig erscheinen. Von 1960 bis 1991 hat Georg Fertig einen 15-Hektar-Hof bewirtschaftet, bevor er ihn an Sohn Bernd übergab.

Wenn man sich mit dem "Schorsch" über seine Wetterbeobachtungen unterhält, dann muss er nicht allzu oft auf seine umfangreiche Datensammlung zurück greifen. Sein Gedächtnis ist phänomenal. Und er hat viel zu erzählen. Dreißig Stück Vieh hatte er im Stall stehen, die Milchwirtschaft gehörte mit zu den wichtigsten Einnahmequellen seines Betriebes. Tag für Tag musste sein Viehbestand mit ausreichend Futter versorgt werden – Futter, das zusammen mit anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen (Weizen, Wintergerste, Zuckerrüben, Sommergerste, Klee für das Vieh) auf seinen Feldern wuchs – und im Ertrag vom Wetter abhängig war.

Schneereiche Winter gehören der Vergangenheit an

Eigentlich reicht eine jährliche Regenmenge von 600 bis 800 Litern, die die im Vorspessart liegenden Altfelder Fluren „bewässert“, für die Existenz eines Bauernhofes aus. Die Gemarkung liegt im Regenschatten des Spessart, erklärt Georg Fertig. Hängen bleiben in der Erinnerung aber vor allem die Abweichungen und Besonderheiten, die meist negative Auswirkungen hatten. Positive Aspekte wie die schneereichen Winter der Fünfziger und Sechziger Jahre, als die Volksschüler nach dem Unterricht ihre grün-weißen „Wehrmachtsbretter“ anschnallten und mit einem heimatvertriebenen Skilehrer am  Hofberg das Skifahren übten, waren die Ausnahme.

Meist haben sich die Wolken im westlichen Spessart ausgeregnet, bis sie nach Altfeld kommen. Doch immer wieder gibt es Ausreißer, wie jene im März 20023 als nach heftigen Wolkenbrüchen viele Orte und Straßen - wie hier die Autobahnzufahrt bei Altfeld - unter Wasser stand. 
Meist haben sich die Wolken im westlichen Spessart ausgeregnet, bis sie nach Altfeld kommen. Doch immer wieder gibt es Ausreißer, wie jene im März 20023 als nach heftigen Wolkenbrüchen viele Orte und Straßen - wie hier die Autobahnzufahrt bei Altfeld - unter Wasser stand.  Foto: Geis

Meteorologische Ausreißer gab es immer wieder, auch ganz aktuell. Fertig verweist auf die Trockenheit im Frühjahr 2020, als es in fünfeinhalb Wochen lang im März und April nur spärliche 3,2 Liter auf den Quadratmeter regnete.  „Strohtrocken“ war es zum Beispiel auch im April 2007, als es einen Monat lang keinen einzigen Regentropfen gab.  Das Jahr mit den geringsten Niederschlägen während seiner Wetteraufzeichnungen war 1976, erinnert Fertig. Damals herrschte eine so große Futtermittelknappheit, dass das Vieh zeitweise mit einer Mischung aus Stroh und zugekaufter Melasse versorgt werden musste.

Wenn sich der Landwirt sein Wetter wünschen könnte

Ganz anders fünf Jahre später. Buchstäblich Bindfäden gegossen haben muss es 1981, dem für den Hobby-Meteorologen regenreichsten Jahr. 1085 Litern pro Quadratmeter – das hatte er noch nicht erlebt. Die meisten Feldfrüchte wie zum Beispiel Roggen oder Weizen litten unter der Qualität und mussten viel zu feucht geerntet werden. Welches Wetter wäre denn für Landwirt Fertig ideal? Seine spontane Antwort: kühles Frühjahr ohne Frost – möglichst „mehrere Liter Niederschlag pro Woche“ – wenig Regen im Juli und August und nicht allzu trockene Herbst-Wochen.

Von langfristigen Wettervorhersagen hält der Altfelder nicht allzu viel. Alles was über eine Wochen-Prognose hinaus geht, sei mit zu viel Unsicherheit behaftet. Viel ist heute vom Klimawandel die Rede, der die Bauern vor große Herausforderungen stellt. In der modernen Landwirtschaft lässt sich jedoch manches meistern, was früher die Landwirte noch in Existenznöte brachte. Immer wieder standen auch die Altfelder Bauern vor der Frage, wie es weitergehen soll, wie ein Blick mit Georg Fertig in die Ortschronik zeigt. 

Wetterextreme zwischen Hagelsturm und Dürre

1816 gab es ein „nassen Missjahr voller Denkwürdigkeiten“. Mit anderen Worten: Der Landwirtschaft ging es nicht gut. Im Jahr 1846 vernichtete ein heftiges Gewitter mit Hagel kurz vor der Ernte fast das komplette Getreide auf den Äckern. Im Jahr darauf fiel noch am 8.April so viel Schnee, dass die weiße Pracht von Straßen und Wegen geschaufelt werden musste. 1851 wiederum war es so feucht, dass die gesamte Wintersaat untergepflügt werden musste. 1858 war es dann so trocken, dass viele Privatbrunnen kein Wasser mehr gaben und die Altfelder das Trinkwasser für gutes Geld aus den Nachbarorten herbeischaffen mussten.

1897 wird erneut von einem so „strohtrockenen“ Jahr berichtet. Es gab Futtermangel „im ganzen Land“ und musste viel Vieh verkauft.  Aufgrund seiner topographischen Lage mit leicht ansteigendem Gelände ist es aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, dass 1909 nach einer „raschen Schneeschmelze“ im Ober- und Unterdorf so viel Hochwasser stand, dass die Kinder tagelang nicht zur Schule gehen konnten. Ein Jahr später vermeldet der Chronist eine völlig verregnete Heuernte. Wochenlang stand die „Mahd“ in den „Grundwiesen“ unter Wasser.

Der "Schorsch" wollte es ganz genau wissen 

Wie kam es eigentlich zu Fertigs Leidenschaft für die Wetterbeobachtung? Die Antwort kommt rasch. Der Landwirt erinnert an das ehemalige Altfelder Milchhäusle, eine Sammelstelle unterhalb der früheren Wolz-Schmiede. Dort wurde die Milch von der Molkerei nach Marktheidenfeld abgeholt. „Jeder meiner Kollegen wusste damals etwas anderes“, schmunzelt Fertig. Weil über das Wetter von früher und heute so unterschiedlich diskutiert wurde, beschloss Fertig, das „himmlische Geschehen“ so akkurat wie möglich für die Nachwelt und seine Bauernkollegen aufzuzeichnen. Fortan schrieb er auf, was der Himmel hergab.

Damit war der Grundstein für die Datensammlung des „Schulze Schorsch“ gelegt. Weil es Hobby-Meteorologe aber ganz genau wissen wollte, suchte er einen Niederschlagsmesser. Fündig wurde er durch eine Anzeige im Landwirtschaftlichen Wochenblatt. Stolze 66,50 Mark musste er für das Gerät einer Göttinger Firma auf den Tisch legen. Für den Schneefall war der Kauf eines weiteren Gerätes notwendig.

Zwei Jahrzehnte gingen ins Land bis Fertigs „Wetterstation Altfeld“ einen amtlichen Anstrich erhielt. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hielt Ausschau nach weiteren Mitarbeitern und stieß auf Fertig. Zwei Stunden belehrten die amtlichen „Wetterfrösche“ aus Nürnberg den Altfelder Landwirt in seiner Wohnstube. Dann war er als ehrenamtlicher Mitarbeiter „installiert“. Diesen Job übte er aus bis 2006, als die Messstation aufgelöst wurde. Fertig blieb allerdings als „privater Wettermann“  bei der Sache. Seine Wetteraufzeichnungen stellte er später der Stadt Marktheidenfeld zur Verfügung.

Zur Person: Georg Fertig

Seinen „Job“ als Wetterbeobachter“ hat Georg Fertig stets ehrenamtlich ausgeübt, im öffentlichen Leben war er allerdings auch lange eine „amtliche Person“. Elfeinhalb Jahre war er Bürgermeister von Altfeld, auch von 1972 bis 1976, als Michelrieth und Oberwittbach bis zur gemeinsamen Eingemeindung nach Marktheidenfeld Ortsteile der Kommune waren.
Fühlte sich im Segelflugzweug wohl: Georg Fertig, hier mit Nicolas Hecker am Steuer.
Fühlte sich im Segelflugzweug wohl: Georg Fertig, hier mit Nicolas Hecker am Steuer. Foto: FSC Altfeld
Daneben wirkte Fertig als Feldgeschworener, Schöffe am Sozialgericht in Würzburg, Senioren-Betreuer und VdK-Vertreter. Mit dem Gemeinderat unterstützte er Anfang der siebziger Jahre eine Gruppe von  Segelfliegern aus dem Aschaffenburger Raum, die in Altfeld auf der Suche nach einem Gelände waren. Seitdem hat Fertig auch die Liebe zur dritten Dimension entdeckt. Unzählige Male stieg er als Passagier in das Cockpit eines Motor-oder Segelflugzeuges , um seine Heimat aus der Vogelperspektive zu erleben. In seiner gemütlichen Altfelder Wohnstube erinnern eine Menge Luftaufnahmen an seine himmlischen „Aus-Flüge“.
Urlaubsflüge, meistens mit der Raiffeisenbank, brachten ihn um die halbe Welt, unter anderem in die USA, nach Kanada, Südafrika, China – und nach Nepal. Dort entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen dem Altbürgermeiser und einem nepalesischen Flugkapitän.  Der  „Schorsch“ durfte nicht nur eine Weile auf dem linken Sitz des Flugkapitäns Platz nehmen, zwischen dem „Käptn“ der Boeing 757 der Nepal-Airlines und dem Vielflieger aus Altfeld passte auch die Chemie. Die beiden Männer wurden echte Kumpels. Der Captain aus dem fernöstlichen Land besuchte sogar mehrmals seinen neuen Freund  im Spessart.
Quelle: arth

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