Gemünden

Glosse: Lieber einen Freien geschluckt, als dass ein Grüner muckt

Wie sich unsere Landkreis-Politiker in Main-Spessart mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens beschäftigen, ist schon einer Nachbetrachtung wert.
Stilfrage: Sollten Neulinge im Gemeinderat so zur Vereidigung antreten? Unser symbolisches Foto von 2004 dazu zeigt die Breakdancer der Gruppe 'Stuttguards'.
Stilfrage: Sollten Neulinge im Gemeinderat so zur Vereidigung antreten? Unser symbolisches Foto von 2004 dazu zeigt die Breakdancer der Gruppe "Stuttguards". Foto: Bernd Weißbrod, DPA

Nicht nur, aber doch besonders den Brillenträgern fehlt in diesen Tagen der klare Durchblick. Leicht benebelt nehmen wir unsere Umwelt wahr, weil die Masken vorm Gesicht zum einen die Brillen beschlagen machen und zum anderen möglicherweise einen gewissen Sauerstoffmangel beim Atmen bewirken.

Vielleicht deswegen scheint die Nachrichtenlage zurzeit nebulös im schönsten Landkreis von allen. Zum Beispiel was die Landrätin-Stellvertreter-Wahl im Kreistag anbelangt. Dort scheinen keine Verschwörungstheoretiker am Werk zu sein, sondern Verschwörungspraktiker. In der konstituierenden Sitzung 2008 hatten die CSU und die SPD im Kreistag paktiert, um die Stellvertreterzahl um einen auf zwei zu verringern und auf diese Weise mehr oder eher weniger elegant den bisherigen stellvertretenden Landrat Heinz Nätscher von den Freien Wählern abzuservieren. Auch sechs Jahre später hielt der Pakt noch; verhindert wurde 2014 (wie zeitlebens) Gerhard Kraft von den Grünen.

Erwähnenswert sind zwei Zitate aus der damaligen Kreistagssitzung: "Die Erfahrung zeigt, dass zwei Stellvertreter reichen, um den Landkreis zu repräsentieren" (Walter Höfling, CSU-Fraktionsvorsitzender) und: Ein dritter Stellvertreter sei "Jux und Tollerei" (Franz Wolf, SPD-Fraktionsvorsitzender).

Schwer verdientes Sitzungsgeld

Heuer aber ließen die Mehrheitsverhältnisse im 61-köpfigen Kreistag keine sichere Wiederholung zu, denn statt zuletzt 21 und neun Kreisräte stellen die CSU und die SPD jetzt 19 und acht. Deswegen holten die Verschwörungspraktiker nunmehr die Freien Wähler (elf Kreisräte) ins Boot, indem man – Ironie der Geschichte – zu ihren Gunsten die Stellvertreterzahl wieder auf drei erhöhte. Lieber einen Freien geschluckt, als dass ein Grüner muckt! Der Main-Spessarter Wähler merkt: Das Sitzungsgeld eines Kreisrats ist wirklich schwer verdient. Aber es stinkt nicht.

Was sonst noch auffiel: Allüberall werden in den Gemeinde- und Stadträten die neuen Mitglieder vereidigt, was mindestens ein so weihevoller Akt ist, wie seinerzeit die Kommunion. Aber, heiliger Bimbam!, wie treten da manche der ehrenwerten Ratsfrauen und –herren zur Ableistung des Eides an! Dass ihnen die Kommunionanzüge nicht mehr passen, ist klar, aber mussten sie deswegen im Schlabberlook erscheinen, als kämen sie gerade vom Skaterplatz?

Gute Nachricht aus Lohr

Eine gute Nachricht kommt aus Lohr. Dort wird fleißig an der Großbaustelle „Alte Brauerei“ gearbeitet. Das ist ein wichtiges Zeichen gegen die Corona-Depression, wenngleich man sich wundern könnte, warum eine alte Brauerei gebaut wird und keine neue. Doch fehlt vermutlich zum rechten Verständnis hier der maskenfreie Durchblick.

Abhilfe verspricht die innovative Mund-Nase-Maske der Firmen Allinplastics, Niemann Formenbau und Baselines aus Gemünden und Obersinn mit Wechselfiltern. Mit dieser Maske beschlägt nichts mehr. Schon kann man sie in einigen hiesigen Apotheken kaufen, in der kommenden Woche auch in den Trabold-Märkten. Der Bundestagsabgeordnete Bernd Rützel freut sich über die spülmaschinenfeste Neuentwicklung „made in Gemünne“ und wird sie seinen Politikerkollegen empfehlen. Mehr Durchblick schadet nie.

Rückblick

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