Marktheidenfeld

In Main-Spessart verdienen Frauen 770 Euro weniger als Männer

Der Lohnunterschied im Landkreis ist immens und zum Vorjahr sogar gestiegen. Was sagt das über unsere Gesellschaft, was sind die Gründe und wie äußern sich Unternehmen dazu?
Warum verdienen Frauen in Main-Spessart so viel weniger als Männer?
Warum verdienen Frauen in Main-Spessart so viel weniger als Männer? Foto: Tobias Kleinschmidt, dpa

Gleiches Arbeitspensum, weniger Geld. Frauen, die im Landkreis Main-Spessart eine Vollzeit-Stelle haben, verdienen rund 770 Euro weniger im Monat als ihre männlichen Kollegen. Das belegen aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Demnach liegt das durchschnittliche Vollzeit-Einkommen von Frauen im Kreis Main-Spessart aktuell bei 2.951 Euro im Monat – Männer mit der gleichen Arbeitszeit kommen auf 3.722 Euro. Das macht einen Unterschied von 21 Prozent. Wie kann das sein und was sagen die Unternehmen in der Region dazu?

Eine Anfrage bei Betrieben aus der Region ergab, dass Frauen und Männer für die gleiche Arbeit auch den gleichen Lohn erhalten. So sagte etwa Christina Pfeil, Leitung für Marketing & PR beim Hafenlohrer Möbelgeschäft Paidi: "Wir nehmen das Thema Fairness extrem ernst – das schließt auch eine Bezahlung ein, die keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen macht." Darüberhinaus spiele das Geschlecht auch bei der Auswahl der Bewerber keine Rolle. Ähnlich argumentierte ein großes Lohrer Unternehmen. "Bosch Rexroth legt Wert auf die Gleichheit beim Entgelt", teilte die Pressestelle mit. Auch etwa der Marktheidenfelder Sonnenschutzersteller Warema stellte klar, bei der Bezahlung keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern zu machen. Doch bei all der Gleichbehandlung stellt sich die Frage: Wie kommt es dann zu den immensen Lohnunterschieden in der Region?

Frauen arbeiten generell in schlechter bezahlten Branchen

"Wir müssen feststellen, dass die Lohnungleichheit in Main-Spessart seit 2014 sogar noch angestiegen ist", sagt Kerstin Vierhock, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Würzburg. Damals habe es eine Lohnlücke von 730 Euro gegeben, die nun auf 770 Euro angestiegen ist. Vierhock betont, dass die Gründe dafür "vielfältig und multikausal" sind. Ein Problem sei, dass Frauen vor allem in den Berufen arbeiten, die generell schlechter bezahlt werden, etwa im sozialen Bereich oder in der Gastronomie. Dort gebe es auch schlechtere Aufstiegschancen und erkläre, warum Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert sind.

"Frauen sind gut ausgebildet, doch traditionelle Arbeitsteilung, Teilzeitarbeit und ungleiche Berufsbewertung bremsen."
Birgit Seubert, Gleichstellungsbeauftragte MSP

Vierhock spricht von einer noch immer anhaltenden "geschlechterstereotypen Berufswahl". Gerade in den sogenannten "MINT-Fächern", also Berufe aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, wo mehr Geld gezahlt wir, seien überwiegend Männer vertreten. Zudem, betont Vierhock, würden vor allem Frauen häufig im Niedriglohnsektor oder in Teilzeit arbeiten. Das hänge mit dem gesellschaftlichen Rollenbild zusammen. Demnach gelte noch immer der Mann als Haupternährer, die Frau als Zusteuerer. "Meist kümmert sich dann eben doch die Frau um die Kinder oder pflegt ältere Angehörige", so Vierhock. 

Lohnunterschied in MSP besonders hoch

Laut Vierhock müsse sich zunächst die gesellschaftliche Einstellung verändern. "Grundsätzlich müssen wir eine gleichberechtigte Verteilung der Familienarbeit errreichen", sagt Vierhock. Gemeint ist beispielsweise die Elternzeit, die nicht nur durch die Frau abgedeckt wird. Denn durch dieses veraltete Rollenbild fiele es vielen Frauen schwer, sich überhaupt um Karrierechancen zu bemühen.

"Im Vergleich zu anderen Regionen ist der Lohunterschied im Kreis Main-Spessart sehr hoch", sagt Vierhock. In Schweinfurt betrage die Gehaltslücke "nur" knapp 300 Euro, in Würzburg rund 400 Euro. Dort etwa sei die Arbeitswelt geprägt von Verwaltung, Kirche, dem öffentlichen Dienst. In Main-Spessart hingegen gebe es viel Industrie, KfZ-Zulieferer und Großbetriebe. "In diesen Brachen sind mehr Männer tätig, in diesen Branchen wird sehr gut bezahlt", so Vierhock.

Was wird gegen die Ungerechtigkeit getan?

"Frauen sind gut ausgebildet, doch traditionelle Arbeitsteilung, Teilzeitarbeit und ungleiche Berufsbewertung bremsen", sagt Birgit Seubert, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Main-Spessart. Um Familie und Erwerbstätigkeit unter einen Hut zu bringen, würden Frauen viermal häufiger als Männer in Teilzeit arbeiten. Auch Beschäftigte in Mini-Jobs seien zu 62 Prozent weiblich. Dadurch hätten Frauen geringere Karrieremöglichkeiten, was dazu beitrage, dass Frauen weniger als Männer verdienen.

Seubert fordert deshalb, dass Männer mehr Sorgearbeit übernehmen müssen, Mädchen bei der Berufswahl auch "typisch männliche" Berufsfelder und Studiengänge kennenlernen und dass frauentypische Berufe finanziell aufgewertet werden. Als Gleichstellungsbeauftragte biete sie regelmäßig Veranstaltungen an, bei denen Mädchen naturwissenschaftlich-technische Studiengänge wie auch technische und handwerkliche Ausbildungsberufe in Workshops kennenlernen. Erfreulich sei die Rückmeldung der Hochschulen, "dass viele Teilnehmerinnen sich für ein technisches Studium entschieden haben", so Seubert. Sie wolle weiter Aufklärungsarbeit leisten, etwa beim Girls Day oder an Berufsinformationstagen.

Unternehmen geben sich optimistisch

"Wichtig ist mir dabei zu vermitteln, dass Mädchen in diesen "männlichen" Berufen gute Aus-,  Weiterbildungs- und Aufstiegschancen haben mit guten Verdienst- und Karrieremöglichkeiten", sagt Seubert. Und auch viele Unternehmen teilten auf Anfrage mit, sich um mehr Gleichberechtigung zu bemühen. Ein Ansatz sei dabei etwa, mehr Mädchen für Technik zu begeistern.

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