Karlstadt

Karlstadter Jahrbuch: Gang durch fast sieben Jahrhunderte

1957 überreichte Karlstadts Bürgermeister Christian Krapf dem neu gewählten Bischof und ehemaligen Stadtpfarrer Josef Stangl einen Bischofsstab, links Stadtpfarrer Paul Steinert.
Foto: Hans Heer | 1957 überreichte Karlstadts Bürgermeister Christian Krapf dem neu gewählten Bischof und ehemaligen Stadtpfarrer Josef Stangl einen Bischofsstab, links Stadtpfarrer Paul Steinert.

Der 18. Band des Karlstadter Jahrbuchs liegt druckfrisch vor. 2020 war ein schwieriges Jahr, weil über Monate für die 23 ehrenamtlichen Autoren aus den zehn Karlstadter Stadtteilen die wichtigen Archive geschlossen waren, wie es in der Pressemitteilung heißt. "Trotzdem ist es der Geschichtswerkstatt Karlstadt gelungen, auch im sogenannten Corona-Pandemie-Jahr ein spannendes und in den Themen vielfältiges Jahrbuch herauszugeben", heißt es im Vorwort zum Buch.

Das Jahrbuch 2020/2021 ist mit 365 Seiten der zweistärkste Band seit der Erstveröffentlichung im Jahr 2003 und wandert mit seinen heimatgeschichtlichen Beiträgen durch fast sieben Jahrhunderte.

Der Laudenbach speiste in 600 Jahren elf Mühlen

Der Laudenbach, die Lebensader des Stadtteils, speiste in 600 Jahren elf Mühlen. Den Bachlauf und die Geschichte der sich am Ufer aufreihenden Mühlen erzählt Georg Schirmer. Sein zweiter Beitrag beginnt 200 Jahre später. 1593 löste der Tod eines Laudenbacher Mühlknechts im Main einen Disput zwischen dem Würzburger Fürstbischof und der evangelischen Grafschaft Wertheim aus.

1477 wurde Johannes Schöner, Humanist, Mathematiker, Geograf, Kartograf, Astronom und Astrologe geboren. Wolfgang Merklein öffnet Schöners  Tagebuch mit Wetterberichten und -phänomenen, wie einer totalen Mondfinsternis 1504. Der "Schwarze Tod" wütete viermal in Stetten. Edgar Burkard beschreibt, wie und wo sich die Pest zwischen 1583 und 1636 viele Opfer holte. 1633 starb Michael Egelein, Organist und Komponist in Karlstadt – vermutlich auch an der Pest. Elfi Jemiller, Gastautorin aus Bamberg, stellt ihn und seinen Sohn vor, der als Stadtschreiber und Keller 25 Jahre im Amt Karlstadt diente.

Die Autobahntrasse von 1938 bei Stetten.
Foto: Jannek Lambrecht | Die Autobahntrasse von 1938 bei Stetten.

Ein Sprung durch die Zeit führt den Jahrbuch-Leser zum Schulhaus-Bau 1851 und 1872 in Wiesenfeld. Hermann Schaub beschreibt im zweiten Teil seiner Schulgeschichte, wie sich bis heute die Schule – auch im Weiler Erlenbach – entwickelte und veränderte. Den Startschuss für die Industrialisierung Karlstadts gab die Portland-Zementfabrik 1887. Martina Amkreutz-Götz stellt in ihrem zweiten Serienteil die Geschichte der "Portland" und den Kalkstein-Abbau in Mühlbach und Kleinlaudenbach bis 1937 vor.

Schwere Arbeit im Steinbruch und Qualen im KZ

In einem weiteren Beitrag berichten drei langjährige Mühlbacher von ihrer schweren Arbeit im Steinbruch in einer Zeit, als Urlaub noch ein Fremdwort war. Auch der Kettenschlepp-Betrieb mit der "Meekuh" leistete ab 1898 seinen Beitrag am Wirtschaftsaufschwung, wie Josef Riedmann aufzeigt. Sein zweiter Beitrag stellt Händler aus der Rhön vor, die schon 1855 nicht den beschwerlichen Weg mit Fuhrwerken ins Main-Gebiet scheuten, um ihre Waren zu verkaufen.

Mit einer Mesusa an einem Türsturz in Karlstadt erinnert Hans L. Müller an jüdisches Leben Anfang des 20. Jahrhunderts. Erika Krämer, Gastautorin aus Frankfurt, und Karlstadts Archivpfleger Manfred Schneider berichten von einem Steinhauer aus Gambach, der wegen seines Glaubens viele Qualen in mehreren KZ erlebte und überlebte.

Die Autobahn "Strecke 46" wurde ab 1938 nie fertiggebaut. Adolf Amthor folgte der 20 Kilometer langen Trasse von Gräfendorf bis Würzburg, vorbei an Eußenheim, Schönarts, Stetten, Himmelstadt und Retzbach. Seit 70 Jahren pilgern die Heßlarer Gläubigen zur Wallfahrtskirche "Maria im grünen Tal" in Retzbach. Schon lange mit dabei ist Autorin Brigitte Riedmann.

Nach Kriegsende 1946 festigten Männer und Frauen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit durch eine umsichtige Kommunalpolitik. Georg Büttner hat die Namen aller Bürgermeister und Stadträte bis zur Kommunalwahl 2020 zusammengetragen.

Die Derbys des FV 1920 Karlstadt (im Bild die Mannschaft 1969) und des TSV Karlburg sind legendär – auch neben dem Fußballplatz.
Foto: Archiv FV Karlstadt | Die Derbys des FV 1920 Karlstadt (im Bild die Mannschaft 1969) und des TSV Karlburg sind legendär – auch neben dem Fußballplatz.

Nicht immer einträchtig, aber in der Nachbetrachtung oft kurios, ging es auf und neben dem Fußballplatz zwischen den "Rivalen" FV 1920 Karlstadt und TSV Karlburg und ihren Fans zu. Karl-Heinz Keller, Altbürgermeister und seit 60 Jahren mit dem Fußballverein 1920 verbunden, erzählt von hitzigen Scharmützeln vor und nach den Derbys. Roland Lamprecht beschreibt, warum der FSV Heßlar seit 1947 zweimal scheiterte und erst ab 1979 mit dem TSV der sportliche Erfolg kam. 1974 und 1975 suchten Geologen in Rohrbach nach einer geeigneten Fläche für die zentrale Mülldeponie Main-Spessarts, die auch am Bürgerprotest scheiterte, wie Josef Riedmann recherchierte. In Karlburg gab (und gibt es noch) eine Bauwagen- und Jugendkultur, die die zwei Junggebliebenen Heinz Scheid und Jan Binner an den Beispielen der "Bude 99" und den "Aechsbroker" aus eigenem Erleben aufzeigen.

Den großen zeitlichen Bogen von fast sieben Jahrhunderten vollendet die Theatergruppe Laudenbach, die 2019 die Verleihung des Stadtrechts 1379 auf die Bühne brachte. Autor Karl-Heinz Stumpf beschreibt, wie die Laudenbacher Bürger mit Eifer und Einsatz in ihre Rollen schlüpften.

Das Alleinstellungsmerkmal des Karlstadter Jahrbuches

Ein Alleinstellungsmerkmal des Karlstadter Jahrbuches ist der Rückblick auf das Geschehen und die Ereignisse im jeweils vorherigen Jahr. Die Chroniken 2019 ihrer Stadtteile verfassten Edgar Manger (Gambach), Brigitte Riedmann (Heßlar), Heinz Scheid (Karlburg), Beatrix van Venrooy (Karlstadt), Karl-Heinz Stumpf (Laudenbach), Martina Amkreutz-Götz (Mühlbach), Josef Riedmann (Rohrbach), Monika Kraft (Stadelhofen), Günter Roth (Stetten) und Hermann Schaub (Wiesenfeld).

Herausgeber Michael Kralik, der auch den Buchinhalt für den Druck vorbereitete, dankt allen Inserenten. Er freue sich, dass kleine Geschäfte und Gaststätten trotz der Verluste in diesem wirtschaftlich schwierigen Pandemie-Jahr das Jahrbuch unterstützen.

Die öffentliche Jahrbuch-Präsentation mit dem Foto aller Autoren fällt Corona-bedingt in diesem Jahr aus, wie es in dem Presseschreiben abschließend heißt.

Das Jahrbuch kostet 19,80 Euro. Es kann erworben werden in Karlstadt (Buchhandlung Schöningh, Schreibwaren & Stadtladen Warmuth, Lotto-Stelle Dagmar Kneitz), in Karlburg (Bäckerei Rudolph), in Laudenbach (Bäckerei Haun), in Stetten (Metzgerei Müller, Bäckerei Schraut, Winzerkeller), in Wiesenfeld (Dorfladen) sowie bei einigen Autoren.

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