Mittelsinn

Meier Kahn aus Mittelsinn: Ein Held, den die Nazis ermordeten

Der aus Mittelsinn stammende Staatsanwalt Meier Kahn klärte 1933 einen spektakulären Kunstraub auf. Doch als Jude wurde er degradiert und später in Auschwitz ermordet.
Der aus Mittelsinn stammende Jurist Meier Kahn klärte 1933 einen spektakulären Kunstraub aus dem Aschaffenburger Schloss Johannisburg auf.
Der aus Mittelsinn stammende Jurist Meier Kahn klärte 1933 einen spektakulären Kunstraub aus dem Aschaffenburger Schloss Johannisburg auf. Foto: David Ebener, dpa

Meier Kahn war ein Held. Im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, klärte der gebürtige Mittelsinner in einer abenteuerlichen Geschichte durch Spürsinn und großen Einsatz als Erster Staatsanwalt am Landgericht Aschaffenburg 1933 einen spektakulären Kunstraub auf. Neben einer hohen Belohnung bekam Kahn die Beförderung zum Landgerichtsrat. Doch war Adolf Hitler an der Macht und Kahn war Jude – weswegen er kurz darauf seines Amtes enthoben wurde.

Nackenschlag folgte auf Nackenschlag. 1943 schließlich wurde Meier Kahn (Meier oder Meir ist ein jüdischer Vorname), der Deutschland nicht verlassen durfte, schließlich mit seiner Frau Lilly nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. 2009 wurden Stolpersteine für die beiden, die ersten in Aschaffenburg, vor dem Haus Frohsinnstraße 15 verlegt.

Wie Einbrecher 1932 Rembrandt-Radierungen klauten

Was damals geschah: Es ist eine dunkle, verregnete Nacht, jene Nacht auf den 22. Juni 1932. Im Aschaffenburger Schloss Johannisburg, wo die Polizeiwache untergebracht ist und regelmäßig Patrouillen unterwegs sind, befinden sich im gerade erst wiedereröffneten Graphischen Kabinett des Museums in feuerfesten Wandschränken wertvolle Rembrandt-Radierungen und Handschriften deutscher und italienischer, niederländischer sowie französischer Meister aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Sie gehören zur Graphischen Sammlung des 1717 in Lohr geborenen Lothar Franz von Erthal. Auf die haben es Einbrecher abgesehen.

Der in Mittelsinn geborene Landgerichtsrat Meier Kahn, um 1935, in Auschwitz ermordet.
Der in Mittelsinn geborene Landgerichtsrat Meier Kahn, um 1935, in Auschwitz ermordet. Foto: unbekannt/Wikipedia

Unbemerkt klettern mindestens zwei Einbrecher an der efeubewachsenen Seite des Schlosses hinauf in den zweiten Stock, schlagen dort ein Fenster ein und gelangen so ins Museum. Eine Sonderausstellung über wertvolle, frisch restaurierte Stiche, Miniaturen, Inkunabeln und Handschriften interessiert sie nicht. Sie interessieren sich für die in sechs Schränken gelagerten Mappen mit kostbaren Blättern. Aus diesen reißen die Einbrecher insgesamt 325 Arbeiten, darunter 86 Radierungen von Rembrandt, recht unsachgemäß heraus und beschädigen sie dabei zum Teil.

"Schwarzer Mittwoch für Aschaffenburg"

Die Aschaffenburger Zeitung nennt den Tag einen „Schwarzen Mittwoch für Aschaffenburg“. Der Würzburger Generalanzeiger spricht von einem „sensationellen Einbruch“. Von den Tätern fehlt jede Spur. Es wird spekuliert, dass es sich um dieselben Täter handelt, die kurz zuvor erst ins Schloss Mespelbrunn eingebrochen sind. Sie hatten ganz offensichtlich eine gute Ortskenntnis und ließen – wohl um Spuren zu verwischen – auch die Liste mitgehen, in die sich alle Besucher des Graphischen Kabinetts eintragen mussten.

Bald darauf geht den Fahndern einer der mutmaßlichen Täter ins Netz: Der 25-jährige Dompteur und Schulreiter Paul Falk aus Ostpommern hatte sich bei der Vernehmung zu einem Einbruch in ein Schloss bei Wiesbaden, wo er die Außenfassade hochgeklettert ist, verplappert. Er hatte schon eine ganze Reihe von Einbrüchen und Gefängnisstrafen hinter sich. Er wird im Aschaffenburger Fall später mangels Beweisen freigesprochen werden und 1953 „den aufsehenerregendsten Einbruch der Nachkriegszeit“ (Main-Post) begehen: die preußischen Kronjuwelen aus der Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg stehlen.

Zunächst keine Spur von Aschaffenburger Diebesware

Doch von der Aschaffenburger Diebesware gibt es zunächst keine Spur. Bei den Ermittlungen nach den Tätern kommt nun Meier Kahn ins Spiel. Kahn, geboren am 12. Mai 1886, wächst in Mittelsinn als Sohn von Samuel (1852–1929) und Jette Kahn (1859–1932) auf. Seine Eltern haben ein kleines Geschäft in der Hauptstraße, erzählt die Mittelsinnerin Hildegard Krämer. Kahns Hausname ist in Mittelsinn „Doved“ (David), offenbar nach Meier Kahns Großvater David.

Nach dem Besuch der Volksschule Mittelsinn geht Kahn aufs Gymnasium nach Fulda und studiert anschließend Jura in Würzburg. Nach dem Ersten Weltkrieg, wo er als Vizefeldwebel an Malaria erkrankt, setzt er sein Studium in Würzburg und München fort. Kahn ist zunächst Staatsanwalt in Ansbach und Nürnberg, dann ein paar Jahre Amtsrichter in Ansbach, bevor er am 1. Mai 1929 Erster Staatsanwalt am Landgericht Aschaffenburg wird.

Meier Kahn übernahm Fall

Wie sich Kahns Sohn Robert in seinen Memoiren erinnert, ist zunächst ein Münchner Staatsanwalt auf den Fall angesetzt, doch bald frustriert, weil er nicht vorankommt. Also übernimmt Kahn. Er lässt sich freistellen und geht ein halbes Jahr lang allen Hinweisen nach. Im Oktober 1933 endlich führt eine Spur nach Dresden: Dort hat die Sekretärin eines wohlhabenden Kaufmanns zehn Grafiken zum Kauf angeboten bekommen.

Der Direktor des Dresdner Zwingers, ein Bekannter ihres Chefs, erkennt die Bilder als die Aschaffenburger Rembrandt-Werke. Die Sache kommt zur Anzeige und wird Meier Kahn gemeldet. Er fährt nach Dresden und überredet die Sekretärin, dem Hehler eine Falle zu stellen: Er gibt sich als Kunstliebhaber aus, der gemeinsam mit ihr weitere Werke kaufen möchte.

Sämtliches Diebesgut kehrt wieder zurück

Der Hehler Robert Franke verspricht weitere Werke, die er allerdings in Frankreich holen müsse. Kahn zahlt dafür in Straßburg 1000 Reichsmark. Für weitere Bilder sei er bereit 650 Mark pro Werk zu zahlen. Bei der Übergabe wird der Hehler von der französischen Polizei festgenommen. Kahn gelingt es, das gesamte Diebesgut zurückzubekommen, allerdings zum Teil schwer beschädigt, weil die Diebe versucht hatten, die Sammlungsstempel von den Rückseiten der Blätter zu entfernen. Kahn wurde als "Held von Aschaffenburg" gefeiert.

Doch Kahn wurde 1934 seines Amtes enthoben und ins Grundbuchamt abgeschoben. Zunächst schützte ihn sein Frontkämpferprivileg vor einer Entlassung, aber nur bis zum 31. Dezember 1935. Von nun an unterstützte er jüdische Mitbürger kostenlos mit juristischem Rat. Er und seine Frau scheitern in ihren Bemühungen zu emigrieren.

Sohn Robert konnte noch emigrieren

Am 17. Mai 1939 gelang es ihnen immerhin, den einzigen Sohn Robert auf einen der letzten Kindertransporte nach England zu schicken. Dieser kam an seinem 17. Geburtstag, am 27. August 1940, in Sydney in Australien an. Meier Kahn war Vorsitzender des Allgemeinen Jüdischen Turn- und Sportvereins Aschaffenburg und außerdem Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Aschaffenburg bis zu deren erzwungenem Ende und Auflösung im Mai 1941.

Am 29. Oktober 1942 wurden Meier und Lilly Kahn nach Würzburg umgesiedelt, in das sogenannte Judenhaus Bibrastraße 6 eingewiesen und von dort am 17. Juni 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.

2008 besuchte Meier Kahns Enkel Alec Aschaffenburg und auch Kahns Heimatdorf Mittelsinn. Dort besichtigte er das Haus seiner Vorfahren in der Hauptstraße (ehemals Haus Nummer 20). Erst 2014, so Hildegard Krämer, wurde das leer stehende Gebäude abgerissen.

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