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Moral in Scheiben

Logisch: „Schuld an 99,9 Prozent aller Probleme ist die Jugend von gestern“, sagt Kabarettist Sven Kemmler, der im Weinhaus Mehling auftrat.
Foto: Gisela Büdel | Logisch: „Schuld an 99,9 Prozent aller Probleme ist die Jugend von gestern“, sagt Kabarettist Sven Kemmler, der im Weinhaus Mehling auftrat.

Mit Satire scheibchenweise lässt Sven Kemmler am „letzten kalten Tag des Jahres“ 75 Kabarettfreunde „vorglühen“. Der Münchener Kabarettist wetzt das Fleischermesser und serviert am Samstagabend im Weinhaus Mehling ein „MoralCarpaccio“ vom Feinsten.

„Ich bestehe aus zwei Personen, die nicht dasselbe wollen“, sagt Kemmler, Regisseur der Lach- und Schießgesellschaft, Autor, Poet und Philosoph. Schlüsselerlebnis aus Kindertagen in punkto „Doppelmoral“ ist die einbehaltene Leihgabe einer Pumuckl-Kassette. So nimmt das in Reimform verarbeitete „Moraldilemma“ seinen Lauf und gipfelt in der Erkenntnis: „Moral findet zunehmend in Scheiben statt.“ Heutzutage mutierten „Moraldebattenverursacher“ aus Politik und Finanzmarkt zu zögerlichen Metzgern. Erst wenn der juristische Druck auf die „Salami-Taktik“ zu hoch werde, bekenne man demütig: „Ich nehme die Abfindung an.“

Des Rätsels Lösung in der Bestrafung für Wirtschaftsvergehen sucht er im Talibanismus: „Ein Peitschenhieb pro Mann.“ Ausnahmen bestätigen die Regel: Laut Umfrage sei Altbundeskanzler Helmut Schmidt die größte moralische Institution in deutschen Landen. „Einigkeit und Recht auf Freizeit“ wandelt er die Nationalhymne mit Blick auf den „unscharfen Begriff der Freiheit“ ab. Freiheit sei „ungriffig“ wie die Kanzlerin oder Sex, „den man noch nie hatte, aber darüber redet“.

Feinde der Freiheit

Als größten Feind der Freiheit nennt der 44-Jährige den Service, explizit den der Bahn. Gleich dahinter rangiere der Versicherungsdschungel („Ich brauche einen skrupellosen Komplizen mit Haftpflichtversicherung“). Perspektivenwechsel: Er rechnet ab mit den versteckten Feindbildern der Werbung, „die uns suggerieren, unsere Körper seien Stinkbomben“. Grund genug, Missstände im „Marketing-Manifest“ aufzudecken. Nicht ohne die Herren der Schöpfung für den „Axe-Effekt“ der Körperkultur zu begeistern: „Men Expert Hydra Energy“ garantiert 96 Stunden Antikörpergeruch selbst im Polyestermischhemd.

Gerechtigkeitssinn interpretiert Kemmler so: „Die Oberschicht bekommt, die Mittelschicht verdient das Geld. Die Unterschicht ist dazu da, die Mittelschicht so zu erschrecken, dass sie weiterarbeitet.“ Apropos Oberschicht: Sprachgewandte Blender mit Charme, Mangel an Schuld- und Verantwortungsbewusstsein und übersteigertes Selbstwertgefühl zählen zu den „Sieben Kriterien für den schnellen Aufstieg“.

Kemmler setzt die Messlatte in der deutschen Kabarettlandschaft hoch an, sein Wortwitz ist bestechend, die Dialektik vollkommen. Wahre Lachsalven erntet Kemmler mit dem Reim aus dem Gedicht „Vorglühen“: „Sich besaufen, um sich dann zu betrinken, ist wie zur Begrüßung schon zum Abschied zu winken.“

Zu viele Pumuckl

Genial die Facebook-Version von „Romeo und Julia“ oder die Entdeckung der Langsamkeit in seiner Derrick-Figur (Exekutive der Moral). Zum großen Vergnügen des Publikums übt er als Samurai Yamamoto sanfte Rache in „Pümückl und der Schmütz“. Fazit: „Es gibt zu wenige Pumuckl.“ Nach zweieinhalb anspruchsvollen Stunden, in denen Kemmler sein Publikum erobert hat, kredenzt er mit der „Flugschau“ Altherrenromantik im Wiener Schmäh und beantwortet „nichtöffentliche“ Fragen. Was ist die Moral von der Geschicht? Über diese, ob doppelt oder einfach, darf sich jeder Zuhörer sein eigenes Bild machen. Frei nach Kemmlers These: „Selbstverantwortung ist eine wunderbare Sache, solange sie nicht einen selbst betrifft.“

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