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MSP-Geschichtsserie: Debatte über Einsiedel geht weiter

Erklärungstafeln wurden an der Ausgrabungsstätte des ehemaligen Klosters Einsiedel aufgestellt.
Foto: Michael Mahr | Erklärungstafeln wurden an der Ausgrabungsstätte des ehemaligen Klosters Einsiedel aufgestellt.

Dem Leserbrief von Bernhard Müller-Wirthmann vom 7.12.2020 zu dem Artikel des Lohrer Kreisheimatpflegers Theodor Ruf Einsiedel war kein Wirtshaus im Spessart ist leider in vollem Umfang zuzustimmen. Der Artikel hat, wie der Verfasser bemerkt, durch seine polemische Art die interessante Main Post-Themenreihe zur Geschichte des Landkreises Main-Spessart in der Tat auf bedauerliche Weise unterbrochen.Er hat aber durch seine Polemik nicht nur die Form verletzt, an die ein Kreisheimatpfleger stets gebunden sein sollte, sondern er ist auch durch ein paar inhaltliche Merkwürdigkeiten geprägt.

1.     Schon die herabsetzende Bemerkung in der Einleitung ‚Ansonsten wurden nur wenige (problematische) Berichte der Grabungsergebnisse veröffentlicht‘, verlangt nach wissenschaftlichem Brauch Belege für die negative Wertung „problematisch“. Diese fehlen jedoch.

2.     Ungewöhnlich ist auch die Kritik am Text einer der Informationstafeln: ‚Dass die Entstehung sich auf „um 1220“ aufgrund von Funden datieren ließe (so Tafel 2), ist nicht belegbar: Welcher Fund sollte das sein, der sich so genau bestimmen ließe und auf die Gründungszeit hinwiese?‘
Nun, solche Funde sind in der Archäologie nicht eben selten: Münzen; Holz, dessen Alter sich dendrochronologisch bestimmen lässt; näher datierbare Keramik etc. Ob es sie gibt, kann man nicht vom „Schreibtisch“ her beurteilen, auf den sich der Verfasser in der Abgrenzung seiner eigenen Arbeit von der der Ausgräber beruft. Da hätte ein Gespräch mit den Archäologen sicher Klarheit geschaffen.
Zum Tun eines Kreisheimatpflegers gehören solche Gespräche zwingend: ‘Es erfordert von allen Beteiligten ein hohes Maß an Engagement, und es braucht eine intensive Kommunikation. Damit die Kreisheimatpfleger ihre Aufgabe erfüllen können, müssen Kommunen, Institutionen und Privatleute an sie herantreten, und sie selbst müssen sich an alle wenden, denen sie helfen sollen und können.‘, heißt es in der Beschreibung Die Arbeit des Kreisheimatpflegers auf der Website des Geschichts- und Museumsvereins Lohr. Verfasst hat sie Theodor Ruf.

3. Schwer nachvollziehbar ist die Bemerkung ‚Der Name „Kloster Elisabethenzell“, wie er sich in den letzten Jahren eingebürgert hat, ist höchst unglücklich.‘
In den 2011 erschienenen Quellen und Erläuterungen zur Geschichte der Stadt Lohr am Main bis zum Jahr 1559 schreibt Ruf selbst: ‚Kloster Elisabethzell, auch Einsiedel genannt‘ (S. 186, Anm. zu Regest 22) und Einsiedel ist das ehemalige Klösterchen Elisabethzell (S. 220, Anm. zu Regest 84). Die höchst unglückliche Einbürgerung ist also nicht durch die Archäologen oder das Archäologische Spessartprojekt (ASP) erfolgt.

4. Zur Bedeutung der unweit der Anlage vorbeiziehenden Straße lesen wir: ‚die heute sogenannte „Birkenhainer Straße“ war tatsächlich eine Fernverbindung zwischen dem Rhein-Main-Gebiet und dem mainfränkischen Raum und sie wurde wohl schon in prähistorischen Zeiten begangen. Nur: Wie oft? Wir wissen es nicht, es gibt kaum Quellen, aber man darf die Bedeutung keinesfalls überschätzen.‘
Natürlich darf man eine Bedeutung nicht „überschätzen“, aber was soll das hier konkret heißen? Die Birkenhainer Straße, mit der sich der profilierte und vor allem auch geländeerfahrene Altstraßen-Forscher Gerhard Kampfmann intensiv auseinandergesetzt hat, gehört als „Hohe Straße“ nach dem Spessarter Försterweistum von ca. 1339 zu den vier Straßen des Spessarts, die auch zur Zeit der allgemeinen Wildschutz-Sperre befahren werden durften. Schon das spricht für ihre überregionale Bedeutung.

Das gleiche gilt für die Zollstation am „Einmal“ bei Schaippach. Wenn sich für den Berg selbst, an dem sie hinaufsteigt, der Name „Zollberg“ gebildet und erhalten hat, geht das sicher nicht auf eine „Überschätzung“, sondern auf eine herausgehobene reale Bedeutung zurück. Ruf räumt diese Bedeutung grundsätzlich ein, bemerkt aber „belegt erst im Hochmittelalter, doch sonderlich lukrativ scheint sie nicht gewesen zu sein.“
Auch hier fehlt eine Begründung. Man errichtet und betreibt aber keine Zollstationen, die nicht regelmäßig etwas einbringen. Insbesondere nicht abseits von Städten, wo sie, wenn sie tatsächlich nicht (mehr) viel abwerfen sollten, so nebenbei mitlaufen können.
Die Pflasterung der Straße unweit Einsiedel erwähnt Ruf. Nicht aber die Bedeutung dieser für einen Fernweg durch den Wald ziemlich singulären und arbeitsaufwändigen Maßnahme samt einer begrenzten zweiten Spur nach der Art heutiger Überhol- oder Abstellgleise.

5.     Ein gewisser Hang zur Spekulation zeigt sich, wie der Verfasser selbst einräumt, bei der Erläuterung zu einem Siegelstempel, der möglicherweise einem ‚“Priester Heinrich“ zuzuordnen ist und der als „Procurator“ bezeichnet wird. Vom Namen her drängt sich der Verdacht auf, es könne sich um ein (illegitimes?) Mitglied der rieneckischen Grafenfamilie gehandelt haben.‘
Ein Rienecker, und dazu auch noch ein „illegitimer“! Wie kommt man als Historiker, der kurz zuvor dem Archäologischen Spessartprojekt (ASP) den  Vorwurf der „unbelegbare(n) Vermutung“ und der „reine(n) Fiktion“ gemacht hat, zu einer solchen Annahme?

6.     Nicht nachzuvollziehen ist schließlich das Fazit: „Einsiedel war nichts als eine beschauliche Klausnerei bei einer St. Elisabeth gewidmeten Kapelle, mit gelegentlichem Publikumsverkehr.“
Das erinnert an ein altes, aus der Trivial-Romantik überkommenes Mönchs- und Spessart-Klischee. Die „beschauliche Klausnerei“ verfügte, anders als überaus bedeutende und reiche mittelalterliche Klöster in ganz Europa, die über nur ein „Calefactorium“ als Wärmeraum verfügten, über Fußbodenheizung in zwei Häusern. Es betrieb Viehzucht sowie Teichwirtschaft und hatte einen eigenen Prokurator. Und Einsiedel lag an einer bedeutenden, nach allem was wir wissen vielbefahrenen Fernstraße die für die Bedeutung der Grafschaft Rieneck in Franken und darüber hinaus nicht unwichtig war.

Wäre sie unbedeutend und selten befahren gewesen, ließe sich die 1374 erfolgte Gewährung eines Rienecker Landzolls durch Kaiser Karl IV. ebenso wenig erklären wie die mehrfachen Geleitsvereinbarungen der Rienecker mit den Burggrafen von Nürnberg und der Stadt Nürnberg für ihre Kaufleute. Was den ‚gelegentlichen Publikumsverkehr‘ angeht: Der Graf von Rieneck hatte nach dem kaiserlichen Privileg am später so genannten „Zollberg“ das Recht, von jedem Pferd oder Ochsen, die Lasten ziehen, 3 Weißpfennige, von Pferden, die Wolle oder Gewand ziehen, 12 Weißpfennige, von jedem Rind das man verkaufen will, 3 Weißpfennige, von jedem Pferd, dass man verkaufen will, eine Turnose, von jedem Schwein, das man verkaufen will, einen Weißpfennig, von je 100 Schafen, die man verkaufen will, 30 Weißpfennige zu erheben. Bezeichnet wird die Verbindung als ‚Straße, die sich durch Gemünden zum Einsiedel bei Rieneck zieht‘. Da geht es also nicht um irgendeinen beschaulichen Punkt an der Birkenhainer Straße, sondern um eine wichtige Wegmarke (vgl. Ruf, Quellen und Erläuterungen S. 219/20).

7.     „Beschaulichkeit“ hätte man anderswo im Spessart sehr viel einfacher haben können als in direkter Nachbarschaft zur Birkenhainer Straße, wo zum Verkauf bestimmte Rinder, Schafe und Pferde vorbeigetrieben wurden und der Schwerverkehr mit bis zu 30 Zentner Ladung pro Wagen rollte.

So entsteht insgesamt ein klein wenig der Eindruck der nicht hinreichend gestützten Reklamierung eines Monopols auf historische Deutung. Monopole dieser Art gibt es jedoch nicht, auch nicht für Kreisheimatpfleger in ihrem Amtsbezirk. Und im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden „am Schreibtisch“ entwickelte Plausibilitäten (Ruf bezeichnet sich eingangs als „Schreibtisch-Historiker“) durch archäologische Forschungen immer wieder relativiert bzw. ganz beseitigt.

Recht hat der Verfasser allerdings mit der Korrektur eines auf der Hinweistafel genannten Datums von 1342 zu 1324. Zahlendreher dieser Art kommen immer wieder einmal vor. Bei der Erstellung von Informationen für die Allgemeinheit sollten sie aber nach Möglichkeit vermieden werden.

Stefan Krimm

85276 Jahnhöhe

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