MARKTHEIDENFELD

Pfeifkonzert begleitet Marsch der Rechten

Einen lautstarken, aber weitgehend ruhigen Verlauf nahm die Kundgebung der rechtsextremen „Freien Nationalisten“ am Samstag in Marktheidenfeld. Die rund 100 Rechten wurden nach Polizeiangaben von etwa 250 Gegendemonstranten und sicher ebenso vielen kritischen Bürgern begleitet. Die Polizei bilanzierte am Abend 16 Verstöße und 13 vorläufige Festnahmen. Eine weitere Person wurde vorübergehend in Gewahrsam genommen.
Am Adenauerplatz in Marktheidenfeld standen sich Rechtsextreme und Gegendemonstranten gegenüber. Es blieb friedlich.
Foto: FOTO Joachim Spies | Am Adenauerplatz in Marktheidenfeld standen sich Rechtsextreme und Gegendemonstranten gegenüber. Es blieb friedlich.

Dieser Samstag ist kein Samstag wie sonst in Marktheidenfeld, auch wenn in den Gärten die Rasenmäher laufen, die Straßen gekehrt werden und die Sonne die Gäste der Eisdiele verwöhnt. Samstag, der 14.Juni, ist erst mal grün-weiß. Das sind die Farben der Polizei. Schon Kilometer vor der Stadt werden die Autofahrer an den Einfallstraßen empfangen. Denjenigen mit auswärtigen Kennzeichen schenken die Kontrolleure besondere Aufmerksamkeit. Sie nehmen vereinzelt die Personalien auf; ein Auto mit Linken muss eine Kiste gefaulter Tomaten zurücklassen. Für einen Wagenlenker ohne Führerschein ist die Fahrt gleich ganz zu Ende.   

Auch in der Stadt selbst kurven und stehen Dutzende der grün-weißen Polizeifahrzeuge. Der Staat ist gerüstet für die Kundgebung der Rechtsextremen und die erwarteten Proteste ihrer Gegner. Wieviele Einsatzkräfte es tatsächlich sind, verrät Heinz Henneberger, der Pressesprecher des Polizeipräsidiums, aus taktischen Gründen nicht. Die Zahl der Beamten der Polizeiinspektion Marktheidenfeld, diverser weiterer unterfränkischer Dienststellen und der Bereitschaftspolizei aus ganz Bayern bewege sich „im niedrigen dreistelligen Bereich“. Auch die Staatsanwaltschaft Würzburg ist vor Ort vertreten in Person von Oberstaatsanwalt Dr. Dietrich Geuder.

Video: Aufmarsch der Rechten in Marktheidenfeld

13 Festnahmen

Im Laufe des Tages nehmen die Einsatzkräfte, die unter der Führung von Polizeidirektor Johannes Hemm (Würzburg) stehen, zwei rechte und elf linke Demonstranten vorübergehend fest. Neben zwölf Verstößen gegen das Versammlungsgesetz, wie etwa Vermummungen, dokumentieren die Beamten auch eine öffentliche Aufforderung zu Straftaten und eine Beleidigung. Zudem stellen sie einen Verstoß nach dem Waffengesetz fest.

Um 13 Uhr soll die Kundgebung der „Freien Nationalisten“ beginnen. Schon lange vor Mittag mischt sich zunehmend Schwarz unter das Grün-Weiß. Äußerlich sind viele Rechtsextreme und „Antifa“-Leute kaum zu unterscheiden: Schwarze T-Shirts oder Kapuzenshirts sind auf beiden Seiten das Erkennungsmerkmal. Nur die Schriftzüge auf den Hemden und die Haarlänge differieren. Während sich die Rechten, abgeschirmt von der Polizei, auf dem alten Festplatz versammeln, kommt es in der Petzoltstraße in Höhe der Verwaltungsgemeinschaft zu einer ersten Sitzblockade. Über 100 Linke, von denen viele aus Schweinfurt, Würzburg und dem Taubertal kommen, wollen so den Marsch der Rechten, der dort vorbeiführen soll, stoppen. Später ziehen sie in inzwischen doppelter Anzahl in die Friedensstraße um, lassen sich kaum hundert Meter vom Festplatz entfernt, erneut auf der Straße nieder.

Während vom Gottesdienst in der St. Josefskirche nebenan zuweilen der Gesang bis zum Festplatz dringt, hat Tony Gentsch, NDP-Bezirkstagskandidat für Wunsiedel und Anmelder der Kundgebung, etwa 100 „Freie Nationalisten“ aus Franken, Hessen, Thüringen und Sachsen um sich geschart. Dort, wo sie sich gruppieren, ist am Boden noch der Schriftzug „Toleranz“ zu lesen. Hier fand am Vorabend der Lichterzug der Marktheidenfelder seinen Abschluss. Nun starten hier die Rechten, eskortiert von der Polizei und etwa eine Stunde später als geplant, ihren Marsch durch die Stadt.

Konzert der Trillerpfeifen

Marktheidenfeld ist inzwischen bunt. Und laut. Neben der „Antifa“ haben sich nun zahlreiche Bürger aus Marktheidenfeld und dem gesamten Landkreis einfunden, die den Zug der Rechten mit gellenden Pfiffen, Trillerpfeifen und Hupen begleiten. Auch für den, der keine Trillerpfeife hat, ist vorgesorgt – Regionaljugendseelsorger Manfred Müller verschenkt welche. Viele Bürger tragen Buttons mit dem Stadtwappen und der Aufschrift „Marktheidenfeld ist bunt“.

Durch die Baumhofstraße und die Luitpoldstraße geht es zum Adenauerplatz, vorbei an Protestplakaten wie „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“. Die Kundgebung findet hinter Absperrgittern und unter Polizeischutz statt. Sie ist vor allem laut. Die beiden rechten Bands auf der Ladefläche des Lastwagens, die „White Rebel Boys“ aus Franken und „VargrIVeum“ aus der Schweiz, sind es mit ihrer Musik sowieso, und sobald sich ein Redner ans Mikrofon begibt, sind Trillerpfeifen und Hupen der Gegendemonstranten im Einsatz. Spielen dürfen die Bands, so erläutert der für Sicherheit und Ordnung zuständige Abteilungsleiter des Landratsamtes Main-Spessart, Jürgen Eckel, nur ganz bestimmte, vorher abgesprochene Stücke und auch nur eine festgelegte Anzahl.

Vor dem Absperrgitter haben sich schließlich insgesamt fast 500 „Antifa“, protestierende Bürger, darunter viele Lokalpolitiker, und Neugierige versammelt. Manche haben selbstgemalte Plakate dabei, beispielsweise mit der Aufschrift „MSP distanziert sich von Nazis“. Einige SPDler stecken in Leinensäcken. „Keine Braunen“ ist darauf zu lesen.

Es bleibt friedlich am Platz. Von draußen vor den Gittern ruft die „Antifa“: „Wir kriegen euch alle“, von drinnen schallt es zurück „Nationaler Sozialismus – jetzt, jetzt, jetzt“. „Was für ein Aufwand“, sagt ein Beobachter und schüttelt den Kopf über die Polizeipräsenz und den Medienrummel. Vielleicht muss er sich daran gewöhnen. Die rechtsextremen Redner Tony Gentsch aus dem oberfränkischen Töpen, Thomas Gerlach (Thüringen) und Matthias Fischer (Mittelfranken) treten mit einem Versprechen ab: „Wir kommen wieder. Marktheidenfeld ist immer eine Reise wert.“

Eskortiert von der Polizei geht es zurück zum Festplatz. Kurz nach 17 Uhr fahren die Rechtsextremen, darunter eine Handvoll Autos mit MSP-Kennzeichen, aus der Stadt. Sie wollen noch Party machen – irgendwo privat im Main-Spessart-Kreis.

Nun kann auch das Rote Kreuz, das mit zwölf Mann und fünf Fahrzeugen bereitstand, Feierabend machen. Für Einsatzleiter Michael Behringer war es ein ruhiger Tag: Zwei Demonstranten, die vor Aufregung Atemnot bekamen. Das war's.

Ein Kehraus von Bürgern aus Stadt und Landkreis setzt den Schlusspunkt unter einen etwas anderen Samstag als sonst. Rund 50 Männer und Frauen haben sich am frühen Abend am Adenauerplatz eingefunden, um gemeinsam mit Bürgermeisterin Helga Schmidt-Neder, Landrat Thomas Schiebel, Bundestagsabgeordneter Heidi Wright, dem katholischen Dekan Hermann Becker und dem evangelischen Pfarrer Bernd Töpfer die Straße von brauner Ideologie zu reinigen.

Kehraus als Schlusspunkt

Schmidt-Neder freut sich über den glimpflichen Verlauf des Tages und hofft, „dass wir möglichst lange von einem neuen Aufmarsch verschont bleiben“. Die Aktionen der Gegendemonstranten seien richtig und angemessen gewesen, meint sie. Auch Landrat Schiebel ist zufrieden, „dass sich die demokratischen Kräfte hier engagieren und ihre Meinung deutlich machen“. Er weiß, dass seine Meinung viele teilen: „Wir wollen keine Rechten in dieser Stadt und im Landkreis Main-Spessart.“

Online-Tipp

Die Verlagsgruppe von Holtzbrinck, zu der auch die MAIN-POST gehört, hat gemeinsam mit der Wochenzeitung ZEIT eine Aktion gegen Rechtsextremisten in Deutschland gestartet. Informationen dazu finden Sie im Internet unter www.netz-gegen-nazis.de
     
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