LAUDENBACH

Rituelle Reinigung im Tauchbad

Mikwe erstmals geöffnet: Der Förderkreis ehemalige Synagoge Laudenbach hatte am Europäischen Tag der jüdischen Kultur mit zwei offenen Türen erstmals gemeinsam sowohl die Synagoge als auch erstmals die Mikwe (im Bild) für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Foto: Armin Marschall | Mikwe erstmals geöffnet: Der Förderkreis ehemalige Synagoge Laudenbach hatte am Europäischen Tag der jüdischen Kultur mit zwei offenen Türen erstmals gemeinsam sowohl die Synagoge als auch erstmals die Mikwe (im ...

Der Förderkreis ehemalige Synagoge Laudenbach hatte am Europäischen Tag der jüdischen Kultur unter dem Motto „Frauen im Judentum“ mit zwei offenen Türen erstmals sowohl die Laudenbacher Synagoge als auch erstmals die Mikwe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auf dem jüdischen Friedhof fand eine Führung mit Georg Schnabel statt. Ungefähr 150 Besucher verzeichnete der Förderkreis an seinem Aktionstag. „Ein voller Erfolg“, sagte Vorsitzender Georg Schirmer, „die Mühe hat sich gelohnt.“

Für die ehemalige Synagoge war es eine Premiere: Erstmals seit 75 Jahren fand in dem noch unrenovierten, aber sehr liebevoll hergerichteten Gebäude wieder eine öffentliche Veranstaltung statt. Jahrzehntelang diente es als Lagerraum und Schuppen. Georg Schirmer erläuterte fachkundig und unterhaltsam bei seinen Führungen die wichtigsten Informationen zur Synagoge und zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Laudenbach. Das Gebäude soll saniert werden und später als Dorfgemeindehaus zur Verfügung stehen.

Geachtete Geschäftsfrauen

Schirmer nahm dabei immer wieder Bezug zum Tagesmotto „Frauen im Judentum“. Auf zwölf Stelltafeln hat der Förderkreis umfangreiches Material zusammengetragen, um die Stellung der jüdischen Frau darzustellen. So erfuhr man, dass viele Jüdinnen sich auf dem Dorf einen Nebenverdienst als Mägde und Melkerinnen bei den christlichen Bauern verdienten. Wenn ihre Männer in Handelsdingen oft tage- oder wochenlang unterwegs waren, führten sie die Geschäfte zu Hause weiter. Viele von ihnen erwarben sich so eine geachtete Stellung als Geschäftsfrauen.

Anders sah es allerdings in religiösen Fragen aus: Hier war von Gleichberechtigung keine Rede. Die Gestaltung des Gottesdienstes und das Studium der Thora waren ausschließlich den Männern vorbehalten. Frauen durften im großen Versammlungsraum nur in abgetrennten Bereichen dem Gottesdienst beiwohnen – in Laudenbach war in der Synagoge deshalb eine umlaufende Frauenempore angebracht. Nur hinter einem Holzgeflecht konnten die Frauen das Geschehen verfolgen. Auch in der Bildung waren Mädchen deutlich benachteiligt: Schule und Unterricht im Landjudentum waren bis zum 19. Jahrhundert überwiegend den Jungen vorbehalten. Mädchen hingegen sollten tüchtige Hausfrauen und Mütter werden.

Viel Interessantes erfuhren die Besucher auch in der Laudenbacher Mikwe, dem jüdischen Tauchbad. Die Mikwe ist im Privatbesitz von Tina und Horst Wittstadt und nicht immer zugänglich. So war das Interesse der Besucher besonders groß. Die Eigentümer des Anwesens wussten beim Kauf des Grundstückes, dass eine Mikwe vorhanden ist, jedoch geriet das noch vollständig erhaltene Tauchbecken im Laufe der Zeit in Vergessenheit. Tina und Horst Wittstadt haben das Gebäude extra für diesen Tag hergerichtet.

Direkt neben dem vorbeirauschenden Bach befindet sich das kleine Häuschen mit gemauertem Becken. Etwa 1500 Liter Wasser fasst die Anordnung, zu der man sieben Stufen hinunter gehen muss. Man nimmt an, dass das Wasser etwas erwärmt wurde, da ein noch sichtbarer Kamin vorhanden ist. Wie auch die Synagoge ist die Mikwe nicht in bestem Zustand, aber eine komplette Sanierung kommt für Familie Wittstadt nicht infrage.

Die Laudenbacher jüdischen Frauen mussten sich hier nach jeder Menstruation oder Geburt rituell reinigen. Bei der rituellen Reinigung darf nichts Fremdes am Körper sein. Den vollständigen Kontakt des reinen Wassers mit dem Körper darf nichts verhindern. So sind Bekleidung wie auch Schmuck, Lippenstift oder Nagellack vor dem Baden abzulegen. Es muss auch darauf geachtet werden, dass der gesamte Körper mitsamt den Haaren untergetaucht wird. Den Vorgang des vollständigen Untertauchens bezeichnet man als Tewila oder Twila.

Ein Sofer (Schreiber religiöser Schriften) ist verpflichtet, sich durch Untertauchen in der Mikwe in einen Zustand vollständiger ritueller Reinheit zu versetzen, bevor er in einer Thorarolle den Gottesnamen schreibt. Ansonsten ist der Besuch der Mikwe heute nur für Frauen vorgeschrieben. Im ultraorthodoxen Judentum wird die Mikwe jedoch teilweise auch von Männern vor Beginn des Sabbats oder Feiertagen, besonders vor dem Versöhnungstag, zum Untertauchen benutzt.

Dieser Vorgang ist ausschließlich religiös begründet und hat mit einer Waschung nichts zu tun. Auch Männern war die Benutzung vorgeschrieben, etwa wenn sie mit Verstorbenen oder mit Blut in Verbindung gekommen waren. Und sogar das Küchengeschirr musste in der Mikwe „gekaschert“ werden, etwa wenn es neu war oder für ein besonderes Fest rituell gereinigt werden musste. Nur „lebendiges“, also fließendes Wasser, ist für eine Mikwe geeignet. Der Laudenbach fließt keine zwei Meter an der Mikwe vorbei. Über einen kleinen Zulauf wurde das frische Wasser in das Becken geleitet.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Friedhöfe
Geschäftsleute
Juden
Judentum
Nagellack
Synagogen
Thora
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (1)