NEUSTADT

Schwester Hilke sagt „Tschüss“

Abschied: Mit Schwester Hilke Stenner verlässt die letzte der Dominikanerinnen das Reha-Zentrum Haus St. Michael in Neustadt.
Foto: Martina Schneider | Abschied: Mit Schwester Hilke Stenner verlässt die letzte der Dominikanerinnen das Reha-Zentrum Haus St. Michael in Neustadt.

Seit 27. November 1977 ist sie Therapeutin im Reha-Zentrum Haus St. Michael in Neustadt. Sie leistete Aufbauarbeit und begleitete weit mehr als 1000 Rehabilitanden auf ihrem Weg wieder zurück ins „normale“ Leben. Nun sagt Schwester Hilke „Tschüss“. Am 31. Dezember ist ihr letzter Arbeitstag – nach 36 Jahren.

In dreieinhalb Jahrzehnten hat sich im Bereich der Rehabilitation psychisch Kranker einiges verändert. „Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich hier machen durfte und gebe nun alles ab in der Hoffnung, dass das, was ich gesät habe, aufgehen wird“, sagt die Ordensfrau.

Zusammen mit sechs Schwestern begann sie 1977, als die Dominikanerinnen das Reha-Zentrum Haus St. Michael eröffneten, dort ihre Aufgabe als Sozialarbeiterin. „Eine vergleichbare Einrichtung gab es zu der Zeit nicht“, berichtet sie. „Wir waren Pioniere auf dem Gebiet, denn eine berufliche Rehabilitation für psychisch Kranke wurde damals als nicht Erfolg versprechend angesehen.“ In den ersten fünf Jahren habe die Einrichtung ums Überleben gekämpft, dann wurde das Reha-Zentrum in Neustadt zur Mustereinrichtung Bayerns. „Und plötzlich wachte die Öffentlichkeit auf“, erinnert sich Schwester Hilke.

Die Anforderungen an die Therapeuten haben sich verändert. Zu Anfang kamen überwiegend psychisch Kranke zwischen 18 und 40 Jahren in die Reha nach Neustadt. Mit den Jahren kamen Probleme mit Drogen, Alkohol und auch Computer-Spielsucht hinzu, der Altersdurchschnitt sank auf Anfang 20. „Den Menschen mit Doppeldiagnosen gerecht zu werden, bedeutet eine größere Herausforderung für alle, die sie begleiten“, erklärt die 67-Jährige.

Sie erinnert sich an unzählige Einzelgespräche, die sie führte, aber auch an Rehabilitanden, die sprachlos waren. So betreute sie einmal eine junge Frau, die nicht redete. „Mit ihr sollte ich Einzelgespräche führen, aber sie sagte kein Wort“, erzählt die Ordensfrau. So „änderte“ sie kurzerhand die Therapie und buk mit der Frau ein halbes Jahr lang jeden Freitagnachmittag Kuchen – ohne Worte. „Eines freitags fragte sie mich dann, warum sie denn keine Einzelgespräche habe und von da an hat sie mit mir gesprochen“, berichtet Schwester Hilke. Noch heute halte die Frau, die inzwischen Großmutter ist und ihren Platz im Leben gefunden hat, Kontakt mit ihr.

So wie an diese Frau erinnert sich die Dominikanerin an viele ihrer Ehemaligen und nicht selten hört sie bei regelmäßigen Rückmeldungen: „In Neustadt ist etwas ganz Wesentliches mit mir geschehen, Neustadt ist für mich zur zweiten Heimat geworden.“ Darüber freut sich Schwester Hilke; dies gibt ihr Kraft, wenn einmal eine Therapie schwierig ist. „Wir können hier die tollsten Programme anbieten, wenn der- oder diejenige aber die Handbremse anzieht, kommen wir nicht weiter“, sagt sie. „Reha ist Arbeit an sich selbst und eine große Herausforderung für beide, den Therapeuten und den Rehabilitanden.“

Eine Aufgabe der Rehabilitation ist es, Strukturen zu schaffen für das Leben. „Wir können hier nur Saatkörner säen und hoffen, dass diese aufgehen“, sagt Schwester Hilke. Sie hat viele, viele Samenkörner in all der Zeit im Reha-Zentrum gesät. Bei allen Erfahrungen und den Höhen und Tiefen von Haus St. Michael war es für die Ordensfrau stets Rückhalt, die betende Gemeinschaft der Mitschwestern als Kraftquelle zu spüren.

Ihre Arbeit im Reha Zentrum beschreibt sie rückblickend als „Solidarität mit den Menschen, die zu uns kommen, und den Glauben, dass durch die Unterstützung, die wir bieten, ihnen ihre Würde bewusst wird und in ihnen eine Energie wachsen kann, die sie trägt und mit der sie sich nach der Reha im Leben draußen zurecht finden.“

Wenn Schwester Hilke jetzt, als letzte der im Reha-Zentrum beschäftigten Dominikanerinnen, das Haus St. Michael verlässt, zieht sich die 67-Jährige nicht etwa auf ihr Altenteil zurück. Sie wohnt weiterhin nebenan im Kloster St. Josef, wo schon neue Aufgaben auf sie warten: in der Verwaltung der fränkischen Provinz der Dominikanerinnen der Heiligen Katharina von Siena von Oakford/Natal. Und in ihrer Freizeit engagiert sich Schwester Hilke im Neustadter Pfarrgemeinderat und in der Pfarreiengemeinschaft „Zwölf Apostel am Tor zum Spessart“ mit Besuchsdienst bei älteren und kranken Menschen sowie als Wortgottesleiterin.

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