Karlstadt

Sie leben für schönes Blech

50 Jahre Spenglerei Lummel: Das Unternehmen agiert weltweit. Wo andere Firmen kapitulieren, da beginnt das Geschäftsfeld der Karlstadter.
Er erfindet: Friedel Behr mit dem von ihm entwickelten Klemmtisch, an dem sich Werkstücke mit einem Hebeldruck an einer beliebigen Stelle auf der Fläche fixieren lassen.
| Er erfindet: Friedel Behr mit dem von ihm entwickelten Klemmtisch, an dem sich Werkstücke mit einem Hebeldruck an einer beliebigen Stelle auf der Fläche fixieren lassen.

Sie reden kein Blech, sie machen es. Der weltweite Erfolg der Karlstadter Spenglerfirma Lummel gründet auf der Begeisterung der Mitarbeiter für ihr Handwerk.

Beispiel 1: Ronny Schmidt (48). „Aufgaben müssen einen herausfordern“, sagt der Freiberger Montageleiter. Beim Bau des neuen Zollhofs in Düsseldorf sei Lummel die einzige Firma gewesen, die ihre anspruchsvolle Aufgabe termingerecht erledigt habe und eine mängelfreie Bauabnahme bekommen habe, berichtet er stolz.

Streng genommen hatte das Karlstadter Unternehmen sein Ziel dort sogar übererfüllt. Schmidt berichtet, ihm sei es gelungen, die Blechfelder weitestgehend ohne Verspannung zu montieren. Doch dem Stararchitekten Frank O. Gehry sei die Ausführung zu perfekt gewesen. Er schlug vor, die fertig montierten Edelstahl-Blechelemente an der Fassade mit einem Holzhammer zu traktieren. Doch damit hatte er bei Schmidt keinen Erfolg: „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, die im Schweiße unseres Angesichts geleistete Arbeit zu demolieren.“

Der Freiberger ist einer der erfahrensten Montageleiter des Unternehmens, der schon bis zu 40 Mann unter sich hatte. Das Science Center in Glasgow und ein 210 Meter hohes Wirtschaftsgebäude in Hongkong zählen zu seinen Bauten. „Wenn du etwas Besonders machen willst, dann liegt das nicht vor der Haustür.“ Das bedeutet zugleich, auch mal bis zu einem Vierteljahr weg zu sein von zu Hause. Bei Aufträgen in Deutschland und Europa gibt es flexible Arbeitszeitmodelle, beispielsweise Montag bis Donnerstag täglich zehn Stunden Arbeit und dann drei Tage frei. Manchmal bekomme er mit, dass sich andere bei Unterhaltungen mit seiner Frau wundern: „Dass du das mitmachst.“ Doch sei die Freude über das Wiedersehen nach ein paar Tagen umso größer. „Man freut sich richtig und kümmert sich umso intensiver um die Familie.“

Früher lautete die Formel: „Montage = Alkohol + Frauen laufen weg.“ Das gelte heute nicht mehr. Aufgrund des gestiegenen Gesundheitsbewusstseins werde kaum noch getrunken. Und um ordentliche Arbeit abzuliefern, sei es wichtig, einen geregelten Lebenswandel zu haben und morgens gestärkt auf die Baustelle zu kommen. So sind auch die Zeiten vom Leben im Wohnwagen vorbei. Heute quartiert man sich in Pensionen oder komfortablen Wohnungen ein.

Beispiel 2: Horst Wehner (51) und Alfred Döll (53). Die beiden kennen noch die Zeiten, als die komplette Firma Lummel mit sieben Leuten in einem Bauwagen lebte und das Wasser aus einem Hydranten zapfte. Chef Heinz Lummel bekochte die Mannschaft täglich. Da gab es Kartoffelsalat und es wurde gegrillt. „Das war lustig und hat motiviert, aber heute wollten wir das nicht mehr so erleben.“

Wehner und Döll hatten noch in der Werkstatt in der Neuen Bahnhofstraße als Gas- und Wasserinstallateure begonnen. Dachrinnen wurden auch gemacht, aber keine Dächer oder Fassaden. Das erste Blechdach war eine Kirche mit Kindergarten in Hochheim bei Mainz. Die Firma Lummel montierte noch die komplette Unterkonstruktion mit Kanthölzern und Dachlatten selbst. Auf der Baustelle wurde das gesamte Zinkblech per Hand ausgeschnitten und abgekantet.

Über Kontakte zu den Blechherstellern Rheinzink, KME und Alcan kam Heinz Lummel an die nächsten Aufträge. Von da an wuchs die Firma explosionsartig. 1981 wurde die erste neue Werkshalle in der Echterstraße errichtet und die erste Abkantbank mit acht Metern Länge angeschafft. Von da an wurde Freitag und Samstag das Material in der Werkstatt hergerichtet und von Montag bis Donnerstag montiert. Schon 1985 gab es den ersten Auslandsauftrag – ein Hotel in Riad. Eine komplette Werkstatt wurde dort aufgebaut und fast drei Monate durchgearbeitet.

Heute ist Horst Wehner der Werkstattleiter in Karlstadt. Alfred Döll kümmert sich um die Abwicklungen der 2D- oder 3D-Zeichnungen und ist im Werkstattbüro für die Belegung der CNC–Maschinen zuständig. Das heißt, am PC gibt er die Daten so ein, dass die Maschine die Bleche richtig stanzt und nibbelt, also ausschneidet.

Beispiel 3: Friedel Behr (64), der Entwickler. „Ich bin anfangs ausprobiert worden, man wollte die Grenzen testen, hat aber keine gefunden“, berichtet er vielsagend. Der Maschinenbauer, Gas- und Wasserinstallateur merkte bald, dass ihm Blech viel mehr lag. Am Münchner Eichamt war er 1982 Montageleiter und machte seine erste Erfindung: Am Wochenende baute er eine Zange um, die zuvor maximal 17 Zentimeter biegen konnte. Am Montag schaffte sie 25 Zentimeter, genau das Maß, das gebraucht wurde.

1984 folgte mit der Handabkantbank „Lukas“ eine Maschine, für die Lummel den Gebrauchsmusterschutz anmeldete. Anlass war wieder eine Baustelle – eine Bank in Gladbeck, die mit Kupfer zu verkleiden war, wobei die vielen Fenster aufwendige Kleinarbeit erforderten. Die Querkantungen konnten nun statt mit einer Zange mit der Abkantbank wesentlich rationeller erledigt werden.

Georg Lummel: „Unsere Entwicklungen entstehen so: Wir werden mit einer Aufgabe konfrontiert. Dann folgt die Ideenfindung. In der Diskussion ergeben sich Lösungsansätze, die dann Friedel Behr umsetzt.“ Der Drehteller war die vielleicht nachhaltigste Entwicklung von vielen dieses findigen Mitarbeiters. Hier können Metallpaneele über deren Ecken einfach positioniert und mit einem Dreh fixiert werden.

Genau dieser Drehteller wird auch zum Einsatz kommen beim nächsten Auslandsauftrag der Firma Lummel, dem „Kind Abdullah Financial District“ in Riad. Dort sind in einem Foyer dreieckige Flächen geplant, die wiederum aus vielen einzelnen Edelstahldreiecken bestehen – keines wie das andere. Denn genau das ist das Spezialgebiet der Firma Lummel: Unregelmäßige Flächen verkleiden. Sie beginnt dort mit der Arbeit, wo konfektioniertes Material am Ende ist.

Geschichte der Firma Lummel

1938: Georg Lummel gründet eine Spenglerei in Himmelstadt. 1950: Nach seinem Tod gibt Elisabeth Lummel das Geschäft auf. 1955: Heinz Lummel beginnt seine Lehre zum Spengler bei der Firma Schneider (Veitshöchheim)

1959: Heinz Lummel sammelt fünf Jahre Berufserfahrung in der Schweiz. 1964: Heinz Lummel Spenglermeister. 1965: Wiedereröffnung der Werkstatt. 1971: Heinz Lummel wird Installateurmeister. 1978 bis 1980: Bau von Werkstatt und Wohnhaus in der Echterstraße. Erste überregionale Großaufträge. Firma Lummel wandelt sich von einer traditionellen Spenglerei zu einem modernen Unternehmen und setzt dabei neue Akzente:

- Bearbeitung des einschaligen Metallfalzdaches

- Neuentwicklung einer Metallunterkonstruktion

- Entwicklung der Handabkantbank „Lukas“, die 1988 mit dem Staatspreis ausgezeichnet wird.

Mittelpunkt der bilden nun Fassadenverkleidung und Dacheindeckungen in Metall, wie zum Beispiel mit Kupfer, Zink, Aluminium, Edelstahl und Titan.

1980: Gründung der Lummel GmbH. 1985: Erster Auslandsauftrag in Saudi-Arabien. Weitere Aufträge in Hongkong, China, Mongolei, Nigeria, Singapur, Brunei und auf den Seychellen.

1986: Georg Lummel beginnt seine Spenglerlehre 1988 bis 1990: Bau einer weiteren Produktionshalle und einer Lagerhalle.

1992: Gründung der Firma SIS Sheet Metal International Systems in Singapur. 1994: Meisterprüfung von Georg Lummel. 1995: Georg Lummel neben Heinz Lummel Geschäftsführer. 2001: Verschmelzung GmbH in GmbH & Co KG 2003: Erweiterung Maschineneinrichtung Trumatic 3000 Stanznibblermaschine. 2007: Heinz Lummel scheidet aus der Firma aus. Stefan Lummel wird neben Georg Lummel Geschäftsführer.

2014: Heinz Lummel stirbt am 17. September.

2015: 52 Mitarbeiter, davon drei Auszubildende.

„Wenn du etwas Besonders machen willst, dann liegt das nicht vor der Haustür.“
Montageleiter Ronny Schmidt
Er setzt die Pläne um: Alfred Döll setzt im Werkstattbüro Pläne der Konstrukteure um. Er gibt die Daten für die CNC-Maschinen ein, die dann die Bleche ausschneiden und -stanzen.
| Er setzt die Pläne um: Alfred Döll setzt im Werkstattbüro Pläne der Konstrukteure um. Er gibt die Daten für die CNC-Maschinen ein, die dann die Bleche ausschneiden und -stanzen.
Er leitet die Werkstatt: Horst Wehner an der Abkantbank. Bleche mit Kanten und Falzen zu versehen, gehört zu den Hauptaufgaben im Spenglerhandwerk.
| Er leitet die Werkstatt: Horst Wehner an der Abkantbank. Bleche mit Kanten und Falzen zu versehen, gehört zu den Hauptaufgaben im Spenglerhandwerk.
Er leitet die Montage: Ronny Schmidt zeigt den von der Karlstadter Firma Lummel entwickelten Drehteller zur Befestigung von Blechteilen.
Foto: Karlheinz Haase | Er leitet die Montage: Ronny Schmidt zeigt den von der Karlstadter Firma Lummel entwickelten Drehteller zur Befestigung von Blechteilen.
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