Lohr

"Situation in Indien ist katastrophal"

Täglich führt der der gebürtige Inder Chinmay Doctor von Lohr aus Gespräche mit seiner Familie in der Heimat. Seine Angehörigen sprechen von einer 'katastrophalen Situation' in Bezug auf die Corona-Pandemie.
Foto: Frank Zagel | Täglich führt der der gebürtige Inder Chinmay Doctor von Lohr aus Gespräche mit seiner Familie in der Heimat. Seine Angehörigen sprechen von einer "katastrophalen Situation" in Bezug auf die Corona-Pandemie.

Seit 1988 lebt der gebürtige Inder Chinmay Doctor in Lohr. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie in seiner Heimat verfolgt der selbstständige Maschinenbau-Ingenieur täglich. Nicht nur viele seiner Geschäftspartner erkrankten in den vergangenen Monaten. Auch Mitglieder seiner eigenen Familie in der Stadt Ahmedabad, im nordwestlich gelegenen Bundesstaat Gujarat gelegen, infizierten sich mit teils schweren Verläufen, berichtet der 59-Jährige. Selbst von coronabedingten Todesfällen war die Familie betroffen.

Insbesondere die Situation der Tagelöhner und einkommensschwachen Bevölkerung sei gegenwärtig dramatisch. Diese hätten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und aufgrund des Lockdowns keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sagt Doctor. Dieser Hilflosigkeit der armen Bevölkerung gegenüber möchte der Lohrer nicht tatenlos zusehen.

Spendenaktion geplant

Über die indische Nichtregierungsorganisation (NGO) "Saath" möchte er Bedürftigen jetzt schnellstmöglich Spendengelder zukommen lassen. Dazu führte Doctor bereits Gespräche mit Vereinen und Organisationen sowie mit der Raiffeisenbank Main-Spessart. Über deren Crowdfunding Plattform "Zusammen schaffen wir das" soll jetzt ein Spendenkonto entstehen.

"Ein internationales Spendenkonto zu generieren, hat sich als kompliziert erwiesen", berichtet Doctor. Der vertrauenswürdige Empfänger vor Ort spiele eine große Rolle: "Eigentlich wollte ich schon vor einigen Wochen mit dem Sammeln von Spenden beginnen, allerdings benötigte ich zuerst eine absolut zuverlässige und ehrliche Hilfsorganisation." Doctors Schwester Utpala Desai sei nach Recherchen in ihrer Heimatstadt Ahmedabad auf die "Saath Charitable Trust", eine nicht gewinnorientierte Organisation gestoßen, die sich bereits seit 1989 für ein besseres Leben von armen Menschen einsetzt.

In der Pandemie helfe Saath den Menschen mit Essenslieferungen und medizinischer Versorgung durch freiwillige Helfer und Ärzte. Mit dem Vorsitzenden Rajendra Joshi habe Doctor in den vergangenen Wochen mehrere Gespräche geführt. Auch die Lohrer Firma Bosch Rexroth, die in Ahmedabad eine Produktionsstätte unterhält, sei seit Jahren ein Unterstützer der Organisation. In den kommenden Tagen soll das Spendenkonto in Main-Spessart freigeschaltet werden.

Die Situation in Indien beschreibt Doctor als "katastrophal". Der gravierende Mangel, beziehungsweise die Nichtverfügbarkeit von Remdesivir-Injektionen, Krankenhausbetten und Sauerstoff habe im April und Mai zu langen Warteschlangen vor öffentlichen Krankenhäusern geführt, erzählt Doctor. Der gebürtige Inder spricht von einer "viel höheren Dunkelziffer" als die veröffentlichten Zahlen der Regierung. "In den ländlichen Regionen sterben viel mehr Menschen als bekannt ist", sagt er. "Diese Menschen sind nicht registriert und dementsprechend nicht in der Statistik erfasst." Zudem könne nicht ausreichend getestet werden.

Krank trotz Impfung

Trotz Impfung mit dem Wirkstoff von Astra-Zeneca seien Doctors 96-jähriger Vater und seine 65-jährige Schwester an Covid erkrankt. Die behandelnde Klinik hätte wegen Überbelegung ein Hotel angemietet, in dem die Schwester isoliert wurde. Der Vater sei 14 Tage zu Hause in Quarantäne gelegen, führt Doctor aus. Inzwischen seien beide wieder genesen. Viele Haushalte wären positiv getestet und teilweise auch an Covid-19 erkrankt. Sehr oft lebten mehrere Generationen gemeinsam unter einem Dach.

Doctors betagte Tante und der Onkel seien an den Folgen des Virus verstorben. Ebenso deren Tochter (51) und der Schwiegersohn (54), die im eigenen Haus verstarben. "Das ist alles innerhalb von sechs Wochen geschehen." Den Onkel habe der Tod noch auf dem Weg in ein Krankenhaus ereilt. Viele Geschäftspartner von Doctor hätten sich infiziert.

Von zwei Inhabern eines Unternehmens im mittleren Alter wisse er ebenso, dass diese verstorben seien. "Die Indische Infrastruktur ist einfach um ein Vielfaches überfordert. Das beginnt beim Gesundheitssystem und hört bei den Krematorien auf", sagt Doctor. Doch nicht nur die Todesfälle erregen bei Chinmay Doctor Besorgnis. Dadurch, dass sich viele Tagelöhner aus den Städten in ihre Dörfer zurückgezogen hätten, fehle in den dortigen Familien Geld für Nahrung.

Öffentliches Leben erlahmt

Noch immer herrsche in Doctors Heimatstadt Ahmedabad eine nächtliche Ausgangssperre von 20 Uhr bis 6 Uhr früh. Schulen seien seit mehr als einem Jahr geschlossen. Online-Unterricht gebe es zwar, aber nicht alle Schüler verfügten über ein Laptop oder Tablet. Das öffentliche Leben sei vollkommen erlahmt. Während in den Städten zunehmend Impfzentren, meist in Zelten, entstehen, gebe es auch mobile Impfteams für ländliche Regionen. Generell fielen gegenwärtig die Zahlen, da sich viele Inder der Situation bewusst geworden seien und zu Hause blieben.

Doctors letzter Besuch in seiner Heimat datiert auf den März 2020, als er mit Lohrer Freunden eine Nordindien-Rundreise unternahm. Mit den letzten möglichen Flügen konnte die Gruppe damals das Land verlassen. Doctor hofft, dass er diesen Herbst seine Familie wieder besuchen kann. Vor allem aber, dass er bald Spenden in seine Heimat schicken kann.

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