Marktheidenfeld

Spaziergänge an der Orgel und ein pandemischer Tanz

Ann-Helena Schlüter am Spieltisch der Elenz-/Heissler-Orgel in der St.-Laurentius-Kirche.
Ann-Helena Schlüter am Spieltisch der Elenz-/Heissler-Orgel in der St.-Laurentius-Kirche. Foto: Martin Harth

Aus Anlass des 10. Deutschen Orgeltags freuten sich am frühen Sonntagabend rund 50 Musikfreunde gemeinsam mit Dekan Hermann Becker auf ein Konzert mit der renommierten Würzburger Organistin Ann-Helena Schlüter in der Marktheidenfelder St.-Laurentius-Kirche. Die Regelungen aufgrund der Corona-Pandemie hatten in den vergangenen Monaten das umfangreiche Programm geistlicher Musik in der katholischen Pfarreiengemeinschaft St. Laurentius am Spessart nahezu zum Erliegen gebracht.

Umso größer war nun die Erleichterung, dass Ann-Helena Schlüter ein kunstvolles, wie vielfältiges Programm für Elenz-/Heissler-Orgel zusammengestellt hatte. Die Musikerin mit schwedischen Wurzeln scheint das Instrument und die besondere Akustik in der gerade renovierten Kirche in der Altstadt zu schätzen und war deshalb schon öfter zu Gast in der Stadt.

Nach dem Ausklingen der Abendglocken im Kirchturm und einem Wort zur Orientierung in besonderen Zeiten für Glauben und Kunst begann Ann-Helena Schlüter mit der Passacaglia g-moll des Deutsch-Franzosen Georg Muffat (1653 bis 1703). Der musikalische Spaziergang erwies sich als ein ruhiges, eher zartes Barockwerk.

Norddeutsche Orgelschule

Mit Johann Adam Reincken (1643 bis 1722) und Heinrich Scheidemann (1595 bis 1663) traten zwei Komponisten der Norddeutschen Orgelschule in den Blickpunkt, die in unserer Region eher weniger präsent sind. Reinckens Fuge g-moll wirkte lebhaft-fließend, reich an kunstvollen Variationen. Der Choral Nr. 20 "Komm, Heiliger Geist, Herre Gott" seines Lehrers Scheidemann faszinierte durch kompositorische Klarheit. Auf einer Video-Plattform im Internet (www.youtube.com/watch?v=-26VAQ_kC5Y) stellt Ann-Helena Schlüter dieses Werk einer breiten Öffentlichkeit übrigens auf der Marktheidenfelder Orgel vor.

In seinen beiden letzten Lebensjahren schuf Wolfgang Amadeus Mozart Werke für die "Orgelwalze". Mit der Fantasie f-moll nahm die Organistin zunächst eine getragen-bewegende Trauermusik auf, die in einen sehr lebensbejahenden Kontrast zur "Flötenuhr", dem volkstümlich-heiteren Andante F-Dur, gesetzt wurde.

Dies war vielleicht als Anspielung an die Zeiten zu verstehen, die wir gerade durchleben. So konnte man auch den eigenen kompositorischen Beitrag von Ann-Helena Schlüter im Programm verstehen. Ihr zeitgenössischer, vierminütiger "Pandemic Dance" über die Manuale und Pedale wurde zu einem herausragenden Hörerlebnis, in dem sich die Wirrnisse und Unsicherheiten unserer Tage zu spiegeln schienen.

Ein Schwerpunkt des Konzerts lag freilich in Orgelwerken aus der Weimarer Zeit von Johann Sebastian Bach. Dort werden die Ursprünge der Trio-Sonate d-moll Nr. 3 vermutet. Ann-Helena Schlüter meisterte deren besondere rhythmische Vielfalt, stellte den mittleren Adagio-Satz mit virtuoser Feingliedrigkeit vor und bot im abschließenden Vivace ein Tempo, das seinesgleichen suchen kann.

Eindrucksvolle Wirkung

Wegen seiner eindrucksvollen Wirkung zählt Bachs "Piece d’Orgue" (Fantasia G-Dur) zu den vielgespielten Werken bei Orgelkonzerten. Ann-Helena Schlüter verstand es, den Klassiker vom Staub zu befreien und dessen spielerische Qualität virtuos lebhaft darzubieten.

Erstmals spielte die Organistin ein weiteres, viel gerühmtes Bach-Werk vor Publikum. Wie zu Beginn erklang eine Passacaglia (c-moll) und damit ein nachdenklicher, tief empfundener Variations-"Spaziergang" zum barocken Basso Ostinato.

Das Konzert, vom Publikum mit großem Applaus aufgenommen, lässt darauf hoffen, auch in den nächsten Monaten wieder häufiger kulturelle Ereignisse, wenn auch unter besonderen Bedingungen, miterleben zu dürfen.

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