Marktheidenfeld

Spiel zwischen virtueller und realer Welt

Bernd Dörfler mit seinen Arbeiten auf der Terrasse seines Hauses.
Bernd Dörfler mit seinen Arbeiten auf der Terrasse seines Hauses. Foto: Martin Harth

Bisweilen komme er sich vor wie ein auf einer einsamen Insel gestrandeter alter Seebär, der seine Zeit totschlage oder wie ein mittelalterlicher Mönch in seiner Zelle, der endlos seine illustrierten Prachtschriften fertige, meint der Marktheidenfelder Künstler Bernd Dörfler augenzwinkernd. Im August wird er seinen 80. Geburtstag feiern. Von 1974 bis 1993 war der gebürtige Oberpfälzer am Balthasar-Neumann-Gymnasium als Kunsterzieher tätig. Seitdem ist er freischaffender Künstler, wobei der Weg auf den kommerziellen Kunstmarkt für ihn nie wesentlich war.

Dörfler hat überwiegend still und zurückgezogen für sich selbst gearbeitet. 1993 legte er in Kleinstauflage das Buch "Grau – Apokalypse in Zeichnungen und Bildern" vor und die künstlerische Beratung von architektonischen Vorhaben blieb eher eine Episode.

Bücher, Plastik, Zeichnungen, Gemälde und digitale Bearbeitungen faszinieren den Künstler Bernd Dörfler.
Bücher, Plastik, Zeichnungen, Gemälde und digitale Bearbeitungen faszinieren den Künstler Bernd Dörfler. Foto: Martin Harth

An der Akademie in München wurde er nach seinem Studienbeginn in Nürnberg als Meisterschüler bei Professor Jean Deyrolle (1911-1967) ausgebildet. Dieser gilt als ein Wegbereiter der Abstraktion in der Grafik und Buchillustration. Dörfler erlebte bei einem Studienaufenthalt danach die bewegten 1960er Jahre in Paris.

Von der figürlichen Malerei zum abstrakten Gestalten

Der Künstler wandte sich von anfänglicher figürlicher Malerei dem abstrakten Gestalten zu. Er beschäftigte sich mit Farbe und Architektur. Schließlich trat die Zeichnung in den Mittelpunkt seines Schaffens. Ungemein detailreiche Kompositionen entstanden mit Blei- oder Filzstift aber auch mit Kugelschreiber. In neueren Gemälden dominierten die Töne Schwarz, Weiß und Grau.

Eine eigene digitale Kunst-Bibliothek schuf Bernd Dörfler in analoger Umsetzung.
Eine eigene digitale Kunst-Bibliothek schuf Bernd Dörfler in analoger Umsetzung. Foto: Martin Harth

Stehengeblieben ist Bernd Dörfler nie und er liebt das Experimentieren bis heute. Er entdeckte nach der Jahrtausendwende die digitalen Formen und deren nahezu unbegrenzten Möglichkeiten für sich. "Ich kann am Bildschirm ohne Farben und Pinsel malen", stellt er bei einer Begegnung in seinem Garten an seinem Haus im Istelbaugebiet fest, "der ganze Aufwand fällt einfach weg." Fotografie und Plastik haben seit 2009 in der Arbeit des Künstlers zentralen Stellenwert gewonnen.

Seit jeher arbeitet Dörfler assoziativ, setzt sich mit den Themen, die ihn interessieren, auseinander. Das können antike Mythologien sein wie auch ferne Kulturen in Asien oder in Afrika. Musik hat den begeisterten Jazzer immer berührt, mal Boogie, mal Frank Zappa. Kunst, Kultur und Wissenschaft sind Welten, die den Künstler bewegen, von der Gentechnik bis zur Astronomie.

Analogen Werke werden digital bearbeitet

Und da ist das Zeitgeschehen, das ver- und bearbeitet will, seien es die Atombomben auf Nagasaki, der Anschlag auf das Word Trade Center in New York oder aktuell die Covid-19-Pandemie. Aber natürlich gibt es auch Privates, Aufbrüche und lustige Zeiten bei guter Musik und fröhliches Feiern wie in der früheren Marktheidenfelder Kultkneipe "Treppchen".

Ein digital bearbeitetes Werk aus Bernd Dörflers Kunst-Büchern.
Ein digital bearbeitetes Werk aus Bernd Dörflers Kunst-Büchern. Foto: Dörfler

In jüngster Zeit hat Bernd Dörfler seine ganz besondere Form entwickelt, eine solche Themenvielfalt künstlerisch zu gestalten. Er hat im Sinne eines Gesamtwerks bis heute eine digitale Bibliothek mit über 200 Bänden aus mehr als 10 000 Bilddateien zu weit über 100 Themen geschaffen. Die zunächst rein virtuellen Bücher haben keinen Text, sind aber auch keine Bildbände. Sie muten teils an visionäre Prophezeiungen an. "Ikarus" oder "Deus ex Machina" lauten beispielhafte Titel. Dörfler fotografiert seine analogen Werke aus Malerei, Plastik und Zeichnung. Er bearbeitet sie digital weiter, verändert sie, schafft neue Zusammenhänge aus seiner Assoziation.

Genau dazu lädt er auch den Betrachter ein, über seine virtuellen Kodexe nachzudenken, eigene Assoziationen zu entdecken, in einer Suchmaschine nachzuschlagen, den Gedanken auf eigene Weise fortzuspinnen.

Digitale Bücher werden analog umgesetzt

Das Spiel von virtueller und realer Welt fasziniert Dörfler besonders. Deshalb hat er seine digitalen Bücher auch analog umsetzten lassen. Dazu sendet er seine Dateien an Chloe Stumpf in Leipzig. Sie bringt die Vorlagen in Form und lässt bei einem Kölner Fotodienstleister ein reales Fotobuch entstehen. So entsteht aus der virtuellen Buchvorlage genau ein analoges Künstler-Unikat, das sich irgendwann in Bernd Dörflers Marktheidenfelder Buch-Regal einfindet.

Ein digital bearbeitetes Werk aus Bernd Dörflers Kunst-Büchern.
Ein digital bearbeitetes Werk aus Bernd Dörflers Kunst-Büchern. Foto: Dörfler

Natürlich bleibt es dort einem kleinen, privaten Betrachterkreis vorbehalten. Aber der Künstler möchte seine digitale Kunst-Bibliothek in Kürze auf einer Homepage präsentieren. Mit Inge Albert von der Kulturabteilung der Stadt Marktheidenfeld ist er im Gespräch, inwieweit sein Werk auch über digitale Wege der Stadtbücherei oder des Franck-Hauses Verbreitung finden könnte. Apropos, im nächsten Jahr will der Künstler im städtischen Kulturzentrum nochmals eine eigene Werkschau wagen, wenn bis dahin in unseren Tagen alles gut geht.

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