Lohr

Stammtisch flieht in die digitale Welt

Ein Prosit der 'digitalen' Gemütlichkeit: Weil sie aufgrund der Corona-Pandemie nicht zum echten Stammtisch zusammenkommen können, treffen sich (von oben links im Uhrzeigersinn) Klaus Meier-Gerssler, Michael Reinert, Peter Reinhardt, Reiner Püschel, Christa Sumpf und Berthold Klug seit Monaten einmal wöchentlich via Skype zum 'digitalen Stammtisch'. Bei diesem Treffen fehlt diesmal Günter Fanta.
Foto: Screenshot Johannes Ungemach | Ein Prosit der "digitalen" Gemütlichkeit: Weil sie aufgrund der Corona-Pandemie nicht zum echten Stammtisch zusammenkommen können, treffen sich (von oben links im Uhrzeigersinn) Klaus Meier-Gerssler, Michael Reinert, ...

Die coronabedingte Schließung der Gaststätten ist für viele Gastronomen eine Bedrohung ihrer Existenz. Von deutlich geringerer Tragweite, aber dennoch existenzbedrohend können die derzeitigen Umstände für eine Institution sein, die in fast keinem Wirtshaus fehlt: der Stammtisch. Was nur ist geworden aus all den geselligen Runden, die sich nun schon seit Wochen und Monaten nicht mehr versammeln können?

Allerdings: Das Stammtischleben muss auch in Corona-Zeiten nicht gänzlich zum Erliegen kommen. Das beweist ein kleiner Kreis Lohrer Senioren im Alter zwischen 74 und 88 Jahren. Sie treffen sich seit Monaten unbeirrt, allerdings nicht im Gasthaus, sondern am virtuellen Stammtisch. Unter Nutzung des Internetdienstes Skype schalten sie sich allwöchentlich zu einer Videokonferenz zusammen. Immer am Donnerstagabend wird zwei Stunden lang geplauscht und diskutiert, über Gott und die Welt, natürlich auch über Corona.

Virtueller Gastraum

Pünktlich um 18 Uhr geht es los. Klaus Meier-Gerssler lässt den als Besucher angekündigten Journalisten eintreten in den virtuellen Gastraum. Und da sitzen sie dann, eine Frau und sechs Männer, vereint in einem Computerbildschirm. Der eine sitzt im Wohnzimmer, der andere im Arbeits- oder Esszimmer. Doch die Umgebung ist zweitrangig. Entscheidend ist das Beisammensein.

Seit 2007 gibt es diesen Stammtisch schon. "Alles Rexröther, was sonst", sagt einer auf die Frage, was die Gruppe zusammengebracht hat. Allesamt waren sie im Vertrieb der Hydrauliksparte des größten Lohrer Arbeitgebers beschäftig. Christa Sumpf, ehemalige Chefsekretärin und mit 74 Jahren die Jüngste in der Runde, gab damals den Anstoß, um jahrzehntelangen Kontakte zu früheren Kollegen nicht abreißen zu lassen.

"Damals waren wir alle noch per Sie", erinnert sich Sumpf an die Anfänge. Der Stammtisch traf sich alle vier Wochen und wuchs zusammen. Treffpunkt war über die Jahre das Landhotel "Zur Alten Post" in Sendelbach. Doch dann bereitete der Corona-Lockdown den Treffen ein jähes Ende. Zunächst. Denn die Senioren wollten ihren Stammtisch nicht einfach ausfallen lassen. Und so wurde die Idee geboren, sich vom Wirtshaus in die digitale Welt zu verlagern. Bei der Suche nach einem tauglichen Mittel der Kontaktaufnahme fiel die Wahl auf die Kommunikationssoftware Skype. Zum einen war sie den Senioren am bekanntesten, zum anderen kostenlos.

Der einzige, der bis dahin Erfahrung mit dem Telefon- und Videodienst hatte, war ausgerechnet der Älteste in der Runde: Berthold Klug. Der 88-Jährige nutzt das digitale Kommunikationsmittel schon länger, um Kontakt zu seinem in der Schweiz lebenden Sohn zu halten. "Das ist wunderbar", sagt Klug über die digitalen Möglichkeiten. Die übrigen Stammtischteilnehmer mussten sich erst mit der Materie vertraut machen. Anfang November war die Premiere des digitalen Stammtisches. Es folgten seither 16 "Sitzungen".

Auch mal temperamentvoll

Die Themen finden sich von alleine. Sie sind weit gestreut. An diesem Abend reicht die Palette vom Bundeswehrmandat für Afghanistan bis zum Digitalisieren alter Urlaubsbilder. Natürlich spielt auch die Pandemie immer wieder eine Rolle, die frühere Arbeitswelt bei der Bosch Rexroth AG hingegen kaum, was durchaus als erstaunlich gelten kann. Der eine Stammtischteilnehmer redet mehr, der andere weniger, wie am echten Stammtisch eben. Es werden Späße gemacht, und es geht auch am digitalen Stammtisch mitunter kontrovers und temperamentvoll zu.

Das Diskutieren in der digitalen Welt sei jedoch deutlich ermüdender, schildert die Runde. Es erfordere Aufmerksamkeit, um zu erkennen, wer wann etwas sagen will, auch um den Moment abzupassen, selbst etwas zu sagen. Nebengespräche sind nicht möglich. Während die Runde im echten Leben meist drei Stunden und länger zusammensaß, beschränkt sich der digitale Stammtisch auf zwei Stunden, eben wegen der "Ermüdungserscheinungen".

Natürlich kann der digitale Stammtisch nicht all das bieten, was der echte Stammtisch bietet. Beispielsweise nicht, "dass ich Knödelsuppe essen kann", sagt Reiner Püschel und fügt lachend hinzu, dass auch die "hübsche Bedienung" am digitalen Stammtisch vermisst werde.

Doch es gibt auch Vorteile. Etwa den, dass man sich an den digitalen Stammtisch auch in Pantoffeln setzen kann. Auch muss niemand das Haus verlassen, das Auto bleibt stehen. Was fast ein Grund sei, "mit dem Trinken anzufangen", scherzt Püschel. Wobei: Ein Getränk hat auch am digitalen Stammtisch jeder vor sich stehen, vom Gemüsetee bis zum Bier.

Obwohl sie sich ganz gut eingerichtet haben in ihrer digitalen Runde, steht für die Senioren fest, dass sie wieder an den echten Wirtshaustisch zurückkehren, sobald dies möglich ist. Es sei halt, so sagt Christa Sumpf, schon etwas ganz anderes, sich beim Gespräch direkt gegenüber zu sitzen oder gemeinsam zu essen.

Gegen das "Vereinzeln"

Der digitale Stammtisch jedoch habe geholfen, das "Vereinzeln" zu verhindern, gibt Meier-Gerssler zu bedenken. Man könne mittels der technischen Möglichkeiten den Stammtisch über die Pandemie "hinwegretten" – sofern der Lockdown nicht noch ewig dauere. Dafür, dass sie in ihrem Alter den Stammtisch in die digitale Welt verlegt haben, habe es durchaus Anerkennung gegeben, gerade von jüngeren Menschen, erzählt Meier-Gerssler. "Für die gehören wir doch schon zum alten Eisen", lacht er und freut sich mit der Stammtischrunde, gemeinsam das Gegenteil bewiesen zu haben.

Digitale Stammtischrunde

Zum digitalen Stammtisch vereint haben sich Christa Sumpf (74), Berthold Klug (88), Reiner Püschel , Michael Reinert, Peter Reinhardt, Klaus Meier-Gerssler (alle 80) sowie Günter Fanta (79). Sie alle kennen sich durch ihre berufliche Vergangenheit im Vertrieb der Hydrauliksparte der Bosch Rexroth AG. Ursprünglich war die Stammtischrunde noch etwas größer, doch nicht alle sind den Weg zum digitalen Stammtischbetrieb mitgegangen, was, so erzählen die Übrigen, an Problemen im Umgang mit der Technik gelegen habe.
Die Technik, das ist in diesem Fall Skype, ein so genannter internetbasierter Instant-Messaging-Dienst. Die Software ermöglicht unter anderem Bildtelefonie und Videokonferenzen. Voraussetzung ist ein internetfähiges Gerät, das über Kamera und Mikrofon verfügt.
Quelle: (joun)
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