Zimmern

Vom Ende der „Heimatliebe“

Zum 90. Stiftungsfest sang der Gesangverein 'Heimatliebe' Zimmern im Jahr 2011 in der Tischtennishalle des Marktheidenfelder Stadtteils.
Zum 90. Stiftungsfest sang der Gesangverein "Heimatliebe" Zimmern im Jahr 2011 in der Tischtennishalle des Marktheidenfelder Stadtteils. Foto: Martin Harth

Den 100. Geburtstag im Jahr 2021 wollten die Aktiven des Gesangvereines "Heimatliebe" im Marktheidenfelder Stadtteil Zimmern eigentlich noch feiern. Daraus ist nichts geworden. Schuld daran ist nicht, wie man meinen könnte, die Corona-Krise, die viele Aktivitäten in den Vereinen infrage stellt. Letztlich sind es die Überalterung und bedauerliche Todesfälle, die zur vorläufigen Aufgabe zwingen. Vorläufig deshalb, weil die Zimmerer Sänger schon mehrmals langjährige Auszeiten in ihrer Vereinschronik verzeichnet haben.

Im vergangenen Monat wandte sich der ehemalige Vorsitzende Erhard Wölfl mit einem Schreiben an die Mitglieder. Er wies auf den überraschenden Tod des langjährigen Dirigenten Bernd Seidemann im Juni 2018 und seines eigenen Nachfolgers in der Vereinsleitung, Werner Müller, in diesem Jahr hin. Diese beiden persönlichen Verluste habe man letztlich nicht mehr ausgleichen können.

Deshalb habe man schweren Herzens den Plan, das 100-jährige Vereinsjubiläum noch angemessen zu feiern, aufgegeben. Chor und Verein werden bis auf Weiteres ruhen. Unterlagen, Noten und die kürzlich renovierte Fahne sind dem städtischen Archiv zur Aufbewahrung anvertraut worden. Als Erinnerung wurde im neu gestalteten "Schwabsgraben" des Stadtteils ein Baum gepflanzt, an dem eine Hinweistafel an die "Heimatliebe" erinnern wird.

Vereinsvermögen geht an Kirche

Eine Spende von 1000 Euro aus dem Vereinsvermögen hat man der katholischen Kirche in Zimmern zukommen lassen. Marion Schick und Georg Riedmann verwalten als Ansprechpartner die verbliebene Vereinskasse. Mit der Hoffnung, dass sich in Zimmern eines Tages wieder Sänger in froher Vereinsrunde zusammenfinden mögen, wie dies in einem Jahrhundert Dorfgeschichte schon geschehen sei, schloss Erhard Wölfl das Abschiedsschreiben.

Auf Initiative des damaligen Dorflehrers hatte sich im Mai 1921 ein Männergesangverein in Zimmern gegründet und für sich den Namen "Heimatliebe" gewählt. 1931 feierte man ein zehnjähriges Stiftungsfest. Schon zwei Jahre später vereinnahmten die Nationalsozialisten die Gesangvereine, wohl auch ein Grund dafür, dass die Zimmerer Sänger nach 1935 ihre Aktivitäten einstellten.

Ein gutes Jahrzehnt später war man 1946 zum 25. Jubiläum wieder zur Stelle. Einige Stiftungsfeste wurden in der Folge gefeiert und in den frühen 1960er Jahren kam auch das Laientheater mit ins Spiel. 1967 endeten aber die nach und nach eingeschlafenen Aktivitäten völlig.

1988 bahnte sich in Zimmern eine Wende an. Nachdem sich Bernd Seidemann als Dirigent zur Übernahme der musikalischen Belange bereitfand, wurde der Männerchor aus einer Sängerrunde im Gasthaus "Zur Sonne" auch offiziell wiederbelebt. Mit Erhard Wölfl und Gerhard Niemetz entstand eine neue Vorstandschaft für den Verein. 1996 feierte man den 75. Vereinsjahrtag mit einem mehrtägigen Fest.

Neuer Schwung in 1999

Trotzdem war schon da nicht zu übersehen, dass das Interesse an dem Repertoire eines klassischen Gesangsvereins für aktive Sänger rückläufig war. Ab 1999 besetzte man die Tenorstimme auch mit Frauen. Das führte zu einem neuen Aufleben. Gefördert von ihrem 2015 verstorbenen Unterstützer, Monsignore Reinhold Herbig, wurde der Chor zum unverzichtbaren Bestandteil des kirchlichen Lebens in Zimmern.

Man sang aber auch unter dem Maibaum, am Volkstrauertag oder zum Advent. Die Sommerfeste auf der "Sonnewirtswiese" waren bis 2015 aus dem Zimmerer Jahresablauf nicht wegzudenken. Man trat gerne bei Konzerten in der Stadt Marktheidenfeld und bei Liederabenden befreundeter Gesangvereine in der Region auf. Die Geselligkeit wurde neben den regelmäßigen Proben großgeschrieben. Gelegentlich brach der kleine Verein zu Ausflügen und Kurzreisen auf.

Aber die Überalterung griff dennoch schleichend um sich. Im Jahr 2015 wurde mit Werner Müller nochmals ein Vorsitzender für die "Heimatliebe" gefunden. Mit seinem Tod schwand vor kurzem auch die Hoffnung auf das Durchhalten bis zum "Einhundertsten".

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