LOHR

Wenn Legasthenie Schulangst macht

Wenn die Buchstaben durcheinander geraten: Für Kinder, die von Legasthenie betroffen sind, kann Schule zum Horror werden. Für ihre Eltern auch. Nun soll im Landkreis eine Selbsthilfegruppe gegründet werden, die Hilfestellung und Gelegenheit zum Austausch geben will.
Foto: DPA | Wenn die Buchstaben durcheinander geraten: Für Kinder, die von Legasthenie betroffen sind, kann Schule zum Horror werden. Für ihre Eltern auch.

Es gab Phasen, da ist Petra Schmitt (alle Namen von der Redaktion geändert) an der Schullaufbahn ihres Sohnes verzweifelt. Während die Mitschüler von Jan längst lesen und schreiben konnten, ging bei ihm nichts vorwärts. Tag für Tag setzte sich die Mutter mit ihrem Sohn für die Hausaufgaben an den Tisch, oft drei Stunden und mehr. Sie trieb ihren Sprössling an, forderte ihn auf, mehr zu lernen. Vergeblich.

Jans Probleme mit dem Lesen und Schreiben und dem Verstehen von Texten blieben. Er hatte große Schwierigkeiten, bei Proben die Aufgaben in der vorgesehenen Zeit zu lösen. Regelmäßig schaffte er nur die Hälfte der Prüfungsfragen.

„Das Verhältnis zwischen meinem Sohn und mir war irgendwann kaputt“, erinnert sich Petra Schmitt an den Schulstress und den enormen Aufwand, den beide betrieben, um die Noten des Sohns in einem erträglichen Bereich zu halten. Jan sei durch den ständigen Druck so frustriert gewesen, dass er nicht mehr in die Schule gehen, sogar nichts mehr essen wollte. „Das war Psychoterror für uns alle“, sagt Petra Schmitt.

Der Terror zog sich bis in die dritte Klasse. Dann riet eine Lehrerin Petra Schmitt, Jan doch mal auf eine Lese- und Rechtschreibschwäche testen zu lassen. Nach diesem von einem Schulpsychologen durchgeführten Test stand fest: Legasthenie. Wie etwa vier Prozent der Bevölkerung ist Jan von einer Lese- und Rechtschreibstörung betroffen.

„Ich war fix und fertig“, erinnert sich Petra Schmitt an den Moment der Diagnose. Ihr erster Gedanke. „Mein Sohn schafft die Schule nicht.“ Heute weiß sie, dass das eine Fehleinschätzung war. Das Gegenteil trat ein: Die Diagnose half Jan, in der Schule besser Fuß zu fassen.

„Das Verhältnis zwischen meinem Sohn und mir war irgendwann kaputt.“
Petra Schmitt, Mutter eines Legasthenikers

Das lag unter anderem an bestimmten Erleichterungen, die die Schule auf Geheiß des Schulamtes jedem von Legasthenie betroffenen Kind gewähren muss. Die Befreiung von der Pflicht, Diktate zu schreiben, zählt ebenso dazu wie ein Zeitzuschlag bei allen schriftlichen Prüfungen. Für Jan gab es fortan keine Noten mehr auf Lesen und Schreiben.

Das Schulamt regte auch einen gezielten Förderunterricht für Jan an. Doch den gab es an der betreffenden Grundschule schlichtweg nicht. Ohnehin ist Petra Schmitt bis heute verärgert darüber, wie sie mit den Problemen ihres Sohnes in der Grundschule lange weitgehend alleine gelassen wurde: „Ich hatte das Gefühl, dass Jan keine Unterstützung hatte“, beschreibt sie ihren Eindruck.

Viele Eltern schämen sich dafür, dass ihr Kind Legastheniker ist, hat Petra Schmitt festgestellt. Legasthenie werde vielfach als Makel gesehen, nicht als anerkannte Beeinträchtigung. Diese lasse sich zwar nicht komplett beseitigen, jedoch mit gezielter Hilfestellung ganz gut in den Griff bekommen, sagt Petra Schmitt. Ihr Sohn sei der lebende Beweis. Jans Noten waren am Ende der Grundschule so, dass er ohne Aufnahmeprüfung an die Realschule hätte wechseln können.

Doch Petra Schmitt hatte Angst davor, dass die Realschule zu einem neuerlichen stetigen Kampf werden könnte. Deshalb geht Jan heute in die Mittelschule. Er gehört dort zu den Klassenbesten und will über den M-Zweig die mittlere Reife machen. „Das wird er locker packen“, ist sich Petra Schmitt sicher. Die schulischen Erleichterungen für Legastheniker hat Jan noch immer. Zusätzlich gebe es an der Mittelschule für die von einer Lese- und Rechtschreibstörung betroffenen Schüler eine gezielte Förderung, erzählt Petra Schmitt.

Jan hat heute keine Notensorgen mehr. „Der Druck ist weg“, sagt er selbst. Früher dagegen habe er oft schon Panik bekommen, wenn er nur daran gedacht habe, bei einer Probe aufgrund seiner Legasthenie unter Zeitdruck zu geraten.

Auch Petra Schmitt ist heilfroh über die Entwicklung ihres Sohnes. Dieser sei regelrecht aufgeblüht. Die Hausaufgaben absolviere Jan heute weitgehend alleine. Ihr Sohn sei an der Mittelschule bestens aufgehoben. „Er ist jetzt nicht mehr der Außenseiter“, sagt Petra Schmitt.

Der Mutter ist die Erleichterung über die Entwicklung ihres Sohnes anzumerken: „Jan kann jetzt wieder Kind sein.“ Im Rückblick auf die Zeit, in der die Situation ganz anders war, fragt sich Petra Schmitt heute: „Was hat ein Kind noch für eine Lebensqualität, wenn es nur getrieben wird?“ Sie als Mutter habe sich und ihrem Sohn früher unnötig viel Stress gemacht.

Am kommenden Mittwoch nun soll in Lohr nach einem Vortrag zum Thema (siehe Infokasten) eine Selbsthilfegruppe zum Thema Legasthenie und Dyskalkulie auf Landkreisebene gegründet werden. Ihr Ziel ist es, Betroffenen und Eltern Hilfestellung zum Vermeiden von Problemen oder schlicht eine Möglichkeit zum Austausch zu geben. Petra Schmitt ist vom Sinn überzeugt: „Mir und meinem Sohn hätte eine solche Gruppe womöglich so manche Phase der Verzweiflung erspart.“

Legasthenie und Dyskalkulie

Als Legasthenie wird eine Störung bezeichnet, die sich durch große Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Schreibens äußert, jedoch nicht mit einer generellen Minderbegabung oder eingeschränkter Intelligenz verbunden ist. Als mögliche Ursachen gilt eine genetische Veranlagung. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie geht davon aus, dass in Deutschland vier Prozent der Schüler von Legasthenie betroffen sind.

Unter Dyskalkulie versteht man eine starke Beeinträchtigung der Rechenfähigkeit. Sie tritt laut Statistik bei fünf bis sieben Prozent der Weltbevölkerung auf. Auch die Dyskalkulie sagt nichts über die Intelligenz des Betroffenen aus. Oftmals handelt es sich um Menschen mit überdurchschnittlichem Intelligenzquotienten.

Ein Vortrag zur Legasthenie findet am Mittwoch, 10. April, von 19.30 bis 21 Uhr im Filmsaal der Gustav-Woehrnitz-Mittelschule in Lohr, Nägelseestraße 9, statt. Dabei wird die Diplom-Psychologin Dr. Petra Küspert über Möglichkeiten der Früherkennung sprechen und darüber, wie man aus Legasthenie resultierenden Problemen vorbeugen kann. Danach soll die Selbsthilfegruppe gegründet werden. Der Eintritt zur Veranstaltung beträgt drei Euro.

Im Internet gibt es Infos zu Legasthenie und Dyskalkulie unter der Adresse www.bvl-legasthenie.de.

Ansprechpartnerin des Bayerischen Landesverbandes für Legasthenie und Dyskalkulie im Landkreis Main-Spessart ist Karoline Hergenröder, erreichbar unter Tel. (0 93 52) 31 23.

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