STUTTGART

Adoptionen sind sensibles Thema

Viele Paare im Südwesten warten seit Jahren sehnsüchtig auf ein Adoptivkind - manchmal vergeblich. „Wir haben keinen Riesenberg an Kindern, die auf Eltern warten, es ist eher andersherum“, sagte der Vizechef des Landesjugendamtes in Stuttgart, Reinhold Grüner, der Deutschen Presse-Agentur.

Viele Adoptionsbewerber verstünden nicht, warum es so lange dauere. „Das liegt nicht am bösen Willen der Behörden. Wir suchen keine Kinder für die Eltern, sondern die optimalen Eltern für die Kinder.“ Auch die stellvertretende Jugendamtsleiterin des Rhein-Neckar-Kreises, Susanne Keppler, sagt: „Wir können Paaren keine Garantie geben, dass es überhaupt jemals klappt. Viele wollen von uns statistische Werte und Wahrscheinlichkeiten haben. Aber es hat viel mit Zufall zu tun.“

Leichter werde es, wenn sich Interessenten bereiterklärten, erst einmal ein Kind zur Pflege aufzunehmen, betonte Keppler. Später könnten sie es dann möglicherweise adoptieren. „Wenn die Leute sagen, wir wollen nur adoptieren, dann steht die Akte lange im Schrank.“

Rechtlich gebe es allerdings gravierende Unterschiede. Zu Beginn eines Pflegeverhältnisses hätten etwa die leiblichen Eltern oft noch das Sorgerecht – und könnten damit viele wichtige Dinge entscheiden. Pflegeeltern müssten zudem einen Teil ihrer Privatsphäre aufgeben. So stünden Besuche der leiblichen Eltern oder des Jugendamtes an. „Sie werden sozusagen eine öffentliche Familie.“

Den Experten zufolge gehen zahlreiche Paare auch mit falschen Erwartungen an das Thema Adoption. „Viele haben die Idee, dass die Heime voll sind mit Kindern, die keine Eltern mehr haben. Diese Situation haben wir aber seit 30 Jahren nicht mehr“, sagte Keppler. Es würden so gut wie keine Waisen vermittelt. In der Regel seien die leiblichen Eltern psychisch krank, alkoholabhängig oder die Kinder würden wegen Verwahrlosung aus der Familie genommen. „Die schwangere Jurastudentin, die ihre Karriere vorzieht und das Kind abgeben will, die gibt es so nicht“, betonte sie.

Nach gescheiterten Versuchen, ein deutsches Kind zu adoptieren, entschieden sich manche für eine Auslandsadoption, sagte Grüner vom Landesjugendamt. Aber auch das sei nicht einfach. „Wir schicken keine Sammelpost an alle Staaten der Welt. Die Paare müssen sich für ein Land entscheiden.“ Besonders beliebt seien in Baden-Württemberg Adoptivkinder aus Russland, Bulgarien, Thailand und Taiwan. Die Prüfung finde dann in dem jeweiligen Land statt – und es würden nur Kinder vermittelt, die dort nicht vermittelbar seien.

„Wir kriegen zunehmend Kinder mit Handicaps, mal leichtere, mal schwerere Behinderungen.“ Daher sei eine genaue Aufklärung der Paare nötig. Die Erwartungshaltung einiger Interessenten sei bedenklich, kritisierte Grüner. „Manche Bewerber kommen mit einem regelrechten Konsumentenverhalten – nach dem Motto „Ich zahl' gutes Geld, jetzt will ich auch ein gutes Kind haben“.“ Keppler sagte, für die meisten Interessenten komme eine Adoption wegen eines unerfüllten Kinderwunschs infrage. Oft meldeten sie sich mit Ende 30, nachdem medizinische Behandlungen erfolglos geblieben seien. „Das ist ein sehr sensibles Thema für die Eltern.“

Auf ein zur Adoption infrage kommendes Kind kamen in Baden-Württemberg Ende 2013 im Schnitt 14 mögliche Adoptiveltern. Vergangenes Jahr wurden 576 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren adoptiert, 300 Mädchen und 276 Jungen. Von ihnen waren 43 Prozent zwischen drei und zwölf Jahre alt. Knapp ein Drittel war jünger als drei. Laut den Jugendämtern sei es sehr selten, dass Babys zur Adoption freigegeben werden. Zwei Drittel der Adoptierten in 2013 wurden von Stiefmutter oder Stiefvater adoptiert. Knapp zehn Prozent lebten zuvor in einem Heim, gut acht Prozent in einer Pflegefamilie. 70 Prozent der Adoptierten hatten die deutsche Staatsangehörigkeit.

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