WERTHEIM

„Denke quer und sage es“

Utz Claassen. Foto: Heike Heise

Er ist Manager, Wissenschaftler, Publizist und Doktor der Staatswissenschaften, und jüngst referierte er auf Einladung des Rotary Club Wertheim im Kloster Bronnbach über Respekt, Angst und Mut: Utz Claassen. Gespannt lauschten ihm knapp 300 Besucher.

Jeans, blauer Gürtel mit goldener Schnalle, ein Jackett, keine Krawatte. Seine langen Haare dezent eingekürzt, ein Lächeln im Gesicht. Und bereits mit seinem ersten satz erntet er Lacher: „Man wird zu konfliktreichen Themen eingeladen, und hinterher heißt es, der polarisiert aber“. Was dann folgt ist knapp eine Stunde lang ein Ritt durch Politik, Ökonomie, Finanzmärkte, gesellschaftliche Eigenheiten und nicht zuletzt durch Claassens Leben. Denn seine manchmal mutig, manchmal plakativ hingeworfenen Aussagen würzt er mit persönlichen Ereignissen.

„Habe Respekt aber niemals Angst“ ist das Thema seines Vortrags. Dieses Leitmotiv gab ihm seine Mutter mit auf den Weg, sagt er. Und das dröselt er in kleinere Thesen auf, wie „Denke quer und sage es“ oder „Habe Respekt vor Position und Amt aber nie Angst die Wahrheit zu sagen“ und „lass Dich niemals brechen vom Druck vermeintlicher Mehrheiten oder der Medien“.

Für ihn führt eine Schummelei bei der Spesenabrechnung von 9,20 Mark zur Abhängigkeit. Seine Maxime „Mach Dich niemals angreifbar“ führte dazu, dass er bei einer Firmenreise mit Mc-Kinsey-Kollegen in ein anderes Hotel zog, weil er seine Tagespauschale ehrlich abrechnen wollte, die Kollegen aber nicht verpfeifen wollte. „Bei diesen Abhängigkeiten fängt der Mangel in unserer Gesellschaft doch an. Und so fängt Erpressbarkeit an, nicht bei Millionen-Beträgen sondern bei 9,20 Mark“, sagt er. Gekonnt schlägt er den Bogen zur Griechenlandkrise und der EU-Hilfen. „Alle dort Handelnden haben sich zum Sklaven des Systems gemacht“, wettert er. „Dabei handeln wir nicht wie eine europäische Familie, sondern wir schicken Geld auf die Intensivstation“, sagt er.

Eine mögliche Lösung des Problems sieht er in einer massivsten Unterstützung des europäischen Südens durch den Norden. „Aber keiner in der Regierung hat den Mut, das zu sagen, weil es nicht mehrheitsfähig ist“, sagt Claassen.

Nach etwa einer Stunde heißt es „Feuer frei für Fragen“. Geduldig beantwortet Claassen jede Frage, beispielsweise über den Abbau des deutschen Schuldenbergs oder wie er für sich selbst zwischen Risiko und Sicherheit abwägt. Und hier liegt auch die Aufgabe, die er jedem der knapp 300 Besucher ans Herz legt: „Schaffen Sie Mechanismen, dass niemand bestraft wird, der die Wahrheit sagt.“

Eines hat Claassen jedenfalls sichtbar nach diesen zweieinhalb Stunden bewirkt: die Gäste reden über seine Lebensweisheiten, die große und die kleine Politik, die Energiewende und auch über ehrliche Tagesgeldabrechnungen. „Ich stimme nicht mit jeder seiner Auffassungen überein, aber ich fand den Mann beeindruckend, weil er völlig frei und verständlich geredet hat und auf alle Fragen eine gut überlegte Antwort parat hatte“, sagt ein älterer Herr im Hinausgehen.

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