WERTHEIM

Ein wahrlich altbackenes Brötchen

Im Biedermeierzimmer des Wertheimer Grafschaftsmuseums liegt hinter Glas ein uraltes Brötchen. Die Geschichte des Hungerwecks beginnt im Jahr 1816.
Das Hungerdenkmal im Park des Schlösschens im Wertheimer Hofgarten.
Das Hungerdenkmal im Park des Schlösschens im Wertheimer Hofgarten. Foto: Bauer

Über den 200. Geburtstag eines Brötchens in Fürstenfeldbruck berichtete die Presse zum Jahresende. In Fürstenfeldbruck wird von Privatleuten die älteste Semmel Bayerns aufbewahrt. 1817 soll sie gebacken worden sein. Im baden-württembergischen Wertheim wird im Biedermeierzimmer des Grafschaftsmuseums ebenfalls ein im wahrsten Sinne altbackenes Brötchen verwahrt. Allerdings ist dieses Wertheimer Exemplar noch ein Jahr älter als Bayerns älteste Semmel!

Das im Grafschaftsmuseum ausgestellte Brötchen (Inventarnummer 1465) kam bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in die damalige Sammlung des Historischen Vereins und wurde in der sogenannten Altertumshalle in der Kilianskapelle ausgestellt. Der „Hungerweck von 1816“, wie er im alten Inventarbuch genannt wird, befindet sich in einem Holzkasten und ist hinter Glas gerahmt. Innen ist der Kasten leuchtend blau gestrichen, was wohl zur Abwehr von Fliegen dienen sollte, und mit Luxuspapier ausgekleidet. Deutlich sichtbar wurde auf der Rückwand hinter dem Brötchen die Jahreszahl 1816 angebracht.

Aufbewahrt wurde es zur Erinnerung an die Hungersnot, die 1816/17 nicht nur Wertheim heimgesucht hatte. Vor Ort ist diese Zeit aber auch durch das Hungerdenkmal von 1819 belegt, das sich heute im Technoseum in Mannheim befindet und von dem eine Kopie im Park hinter dem Wertheimer Hofgartenschlösschen aufgestellt wurde. Dieses Denkmal hatte die Bevölkerung als „Denkmal der Dankbarkeit für die großen Opfer, welche das durchlauchtigste Fürstenpaar Georg und Ernestine zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg zur Zeit der größten Not 1816/17 durch Anlegung dieses Wegs den Armen und Notleidenden dargebracht hat“ gestiftet.

Weitere Zeugnisse dieser Zeit sind Hungertaler aus Metall, Papier und Farblithografien aus der Zeit um 1817, von denen sich ebenfalls ein Exemplar in der Museumssammlung befindet. Die weit verbreiteten Schraubtaler des Nürnbergers Johann Thomas Stettner erzählen die Geschichte der Hungerkrise. Auf der einen Seite der Papiertaler wurde die Missernte und auf der anderen Seite die Rettung dargestellt.

Wie kam es zu diesem Hungerjahr, an das diese verschiedenen Objekte erinnern?

Felder verwüstet, Vorräte aufgebraucht

Außergewöhnlich heftige Regenfälle und niedrige Temperaturen zerstörten 1816 weitgehend die Ernte. Im Winter 1816/17 brach in ganz Süddeutschland eine Hungersnot aus. Museumsmitarbeiter Kurt Bauer hat in seinen Recherchen zu einer früheren Ausstellung im Grafschaftsmuseum angemerkt: „Bereits das Jahr 1815 begann in Deutschland kühl und regnerisch. Das Frühjahr kam spät. Durch die napoleonischen Truppen und den Durchzug der Heere waren die Felder verwüstet und die Vorräte aufgebraucht. Pferde, die man zur Feldarbeit brauchte, waren zu Tausenden abgeschlachtet worden.

Am 10. April 1815 kam es zum heftigsten Vulkanausbruch der jüngeren Menschheitsgeschichte. Von dem 4000 Meter hohen Strato-Vulkan Tambora, gelegen auf der östlich von Java gelegenen Insel Sumbawa, schossen riesige Feuersäulen in die Höhe, ein Ascheregen verdunkelte im weiten Umkreis den Himmel und bedeckte innerhalb kurzer Zeit die umliegenden Dörfer und Felder. Begünstigt durch die Äquatornähe des Ausbruchs wurden die Millionen von Tonnen aus Asche, Staub und Aerosolen aus Sulfat in der Atmosphäre der nördlichen Hemisphäre verteilt.“

Eine Folge dieser Katastrophe im indonesischen Archipel zeigte sich noch im gleichen Jahr in Europa. Es wurden ein lang andauerndes Dämmerlicht, eigenartige Streifen am Himmel und vor allem glutrote Sonnenuntergänge beobachtet. Maler wie Caspar David Friedrich (1774-1840) und William Turner (1775-1851) fingen diese Stimmungen in ihren Bildern ein.

Schnee im Sommer, Frost im August

Auch das folgende Jahr 1816 war in Deutschland und Westeuropa insgesamt zu kalt und nass, was dazu führte, dass Getreide nicht ausreifen konnte, es verfaulte teils schon am Halm. Es schneite im Sommer und im August setzte bereits der Frost ein. Die Getreidepreise schossen in die Höhe und Brot war kaum zu bekommen und nicht bezahlbar. Leibschmerzen vom Brot aus dem verdorbenen Getreide waren die Begleiterscheinungen.

Um die Brotpreise nicht ins Uferlose steigen zu lassen, steuerten die Bäcker dagegen, indem sie buchstäblich kleinere Brötchen backten. Diese so genannten Hungerbrötchen wurden zudem noch mit Sägemehl und Stroh gestreckt. Auch manches Haustier, etwa Hunde oder Katzen, fiel dem Hunger zum Opfer.

Zehntausende wanderten aus

Im Großherzogtum Baden schützte man Erntefuhrwerke und Bäckereien vor Plünderungen. Um nicht zu verhungern, wanderten Zehntausende aus Baden und Württemberg nach Amerika aus, ohne zu wissen dass man sich dort bereits aus New York und den Neu-Englandstaaten selbst auf dem Weg nach dem sonnigen und warmen Kalifornien gemacht hatte, um der dort herrschenden Kältewelle zu entgehen. Das Hungerjahr 1816 ging unter den Namen „Jahr ohne Sommer“ oder „Schneesommer“ in die Geschichte ein“, so Kurt Bauer.

Die meisten Historiker schenkten der gravierenden Klimaveränderung in den Jahren 1816 bis 1819 wenig Beachtung, sie sahen vielmehr das Ende der napoleonischen Kriege als Ursache für die Hungersnot an.

Das wertvolle Wertheimer Hungerbrötchen wurde 2005 im Mainfränkischen Museum in Würzburg restauriert, wo es auch in einer Sonderausstellung zu sehen war. Um es vor Verfall und Insektenbefall zu schützen, wurden das Brötchen und der hölzerne Kasten gefestigt. Jetzt steht es wieder im Biedermeierzimmer des Grafschaftsmuseums als Mahnung an überstandene Not.

Hinter Glas ausgestellt: Das Wertheimer Hungerbrötchen ist im Grafschaftsmuseum zu besichtigen. Im Jahr 2005 war es restauriert worden für eine Sonderausstellung in Würzburg.
Hinter Glas ausgestellt: Das Wertheimer Hungerbrötchen ist im Grafschaftsmuseum zu besichtigen. Im Jahr 2005 war es restauriert worden für eine Sonderausstellung in Würzburg. Foto: Kurt Bauer

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