Ewige Ruhe mit Blick auf Jerusalem

Jüdischer Friedhof in Allersheim An Allerheiligen besuchen Christen die Gräber ihrer Angehörigen. Für gläubige Juden ist der Friedhofsbesuch sogar eine religiöse Pflicht.

Erinnerungen in Stein: Die Gräber auf dem jüdischen Friedhof sind so angeordnet, dass die Verstorbenen in Richtung Osten, also Jerusalem, liegen. Foto: Thomas Fritz

Äste liegen quer. Überall liegt Laub. Büsche wachsen wild durcheinander. An manchen Stellen im kleinen Wäldchen, dem älteren Teil des jüdischen Friedhofs in Allersheim, spitzen noch Grabsteinreste aus der Erde hervor. Viele sind mit Moos bewachsen. Die Inschriften sind längst verblichen. Der Boden ist weich. Sogar die Füße versinken. Eines Tages werden auch die Grabsteine vollends im Erdreich untergegangen sein. Versunken für immer. So wie die Menschen, die hier bestattet sind. Anders als bei den Christen wird auf jüdischen Friedhöfen nichts verändert. Kein Grab zweimal belegt. Der Platz gehört den Toten. Hier ruhen sie bis zur Auferstehung am jüngsten Tag. Nicht einmal die alte Patina an den Grabsteinen wird entfernt. Hier gibt es sie wahrlich, die ewige Ruhe.

Ungefähr 4000 Juden haben auf dem Bezirksjudenfriedhof südlich von Allersheim, am Ende des Seebachweges, ihren Ort der Ruhe gefunden. Es ist der größte jüdische Friedhof in Unterfranken. Mehr als 20 jüdische Kultusgemeinden begruben hier ihre Toten. Heute sind auf dem 1,6 Hektar großen Areal außerhalb von Allersheim noch etwa 2000 Grabsteine vorhanden. Im Wald liegt der älteste Teil des Friedhofes. Er ist eingefriedet von einer Steinmauer. Hier ist nichts geordnet. Kein Weg vorgegeben. Versteckt unter Herbstlaub liegen alte Grabsteine. Der älteste soll aus dem Jahre 1669 sein, sagt Kreisarchivpfleger Peter Wamsler. Die älteste, noch lesbare Inschrift trägt das Datum 1729. Wamsler hat sich intensiv mit dem jüdischen Friedhof in Allersheim beschäftigt, sogar eine Broschüre dazu erstellt.

„Vergessen sind die Toten hier nicht, auch wenn sie schon mehr als 300 Jahre hier bestattet sind“, sagt Wamsler. So erzählt er von vielen Angehörigen, die zu ihm ins Giebelstadter Gemeindearchiv kamen und wissen wollten, wo das Grab ihrer Vorfahren liegt. Meist konnte Wamsler helfen. Auch, weil zwei Studenten 1997 den Friedhof vermessen und kartographiert haben.

Anders als auf christlichen Friedhöfen legen Juden keine Blumen nieder, sondern kleine Steine auf die Grabstelen. Ein Brauch, der wohl bis in die Frühzeit des Judentums zurückgeht. Als die Toten noch in der Wüste und in felsigen Gebieten begraben werden mussten. Durch das Aufschichten von Steinen sollte eine Störung der Totenruhe durch Tiere und pietätlose Menschen verhindert werden, sagt Wamsler. Es gibt aber auch eine andere Theorie. Ebensogut könnte es ein Brauch aus dem 17./18. Jahrhundert sein und die Steine ein schlichter Nachweis dafür, dass am Grab gebetet wurde.

Während es im Christentum eher religiöser Brauch ist, die Gräber der Verstorbenen an Allerheiligen zu besuchen, gibt es im jüdischen Glauben eine religiöse Verpflichtung dazu. Aber nicht an Allerheiligen, sondern an den Fast- und Bußtagen, vor allem an den Vortagen des Neujahrs- und des Versöhnungsfestes, so Wamsler.

Ein Gang über den Friedhof ist ein Weg durch die Geschichte. Vieles fällt auf. Unterschiedliche Steinformen, die auf eine bestimmte Zeit schließen lassen. Kinder- und Priestergräber, die am Rand liegen. Bis ins 20. Jahrhunder gibt es keine Familien- und Doppelgräber. „Es wird kein Platz freigelassen für die Grabstelle des noch lebenden Ehepartners“, weiß Wamsler. In Allersheim lassen sich auch keine Urnengräber nachweisen. Das orthodoxe Judentum hatte wohl lange Zeit Bedenken gegen die „heidnische“ Einäscherung der Toten. Anders sei dies auf dem jüdischen Friedhof in Würzburg. Hier wurden Urnengräber bereits 1882 angelegt.

Besonders auffällig sind manche Symbole auf den Grabsteinen. Manche, wie die Levitenkanne oder das Schofahorn, zeigen, dass der Verstorbene eine wichtige Funktion in der jüdischen Gemeinde hatte – als Levi oder Schofahornbläser beispielsweise. Segnende Hände sind oft an Priestergräbern zu finden, die alle abseits der übrigen Grabstellen – am Rand des Friedhofs – liegen. Das kommt, weil für Priester nach den jüdischen Religionsgesetzen besondere Reinheitsgebote galten. Das Betreten eines Hauses, in dem ein Toter lag, war ihnen beispielsweise verboten. Auch das Betreten eines Friedhofes, so Wamsler.

Das Grab einer Frau rührt an. „Hier ruht eine gute Mutter“, steht darauf geschrieben. Und die vielen Kindergräber. Geknickte Blumen oder gebrochene Baumstämme – Symbole des frühen Todes also – zieren oft ihre kleinen Grabsteine. Getrennt von den Erwachsenen wurden Jungen bis 13 Jahre und Mädchen bis zu zwölf Jahren abseits der Erwachsenen begraben. Erst mit der Barmizwa am Schabath nach seinem 13. Geburtstag wird der jüdische Junge „Sohn des Gebots“ und so zum mündigen Mitglied der Gemeinde, erklärt Wamsler.

Im neueren Friedhofsteil fallen die klassizistisch geprägten Grabsteine auf. Auch die Inschriften haben sich verändert. Sie werden kürzer und ähneln den christlichen. Oft beginnen sie mit „Hier ruht“ oder enden mit „Ruhe in Frieden“. Zwischen 1925 und 1942 wurden die Verstorbenen hier begraben. Dann nicht mehr. Nur noch Otto Mannheimer. Er kehrte 1946 aus der Emigration nach Giebelstadt zurück und setzte sich fortan für den jüdischen Friedhof in Allersheim ein. 1967 wurde er beigesetzt.

Heute wird der Friedhof von einer Betonmauer umgeben. Drei Tore führen zu den Gräbern. Sie sind verschlossen. Denn nicht nur nur 1936 wurden Gräber auf dem Friedhof geschändet, auch nach der Zeit des Dritten Reiches gab es mehrere Grabschändungen. „Leider“, sagt Peter Wamsler und schließt das mächtige Eisentor wieder ab.

Kenner: Peter Wamsler hat sich mit der Geschichte des Friedhofs beschäftigt.
Verziert: Eine Rebe schmückt den Grabstein eines Verstorbenen.
Kunstvoll: Auf jüdischen Grabsteinen sind viele traditionelle Symbole abgebildet.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Allerheiligen
  • Beerdigungen
  • Christen
  • Christentum
  • Friedhöfe
  • Grabsteine
  • Juden
  • Judentum
  • Tote
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!