MARKELSHEIM

Gräberfeld im Neubaugebiet

Gut erhalten: Knochen und Schädel einer wohlhabenden Frau aus der Jungsteinzeit, bestattet etwa 2500 vor Christus. Foto: Thomas Fritz

Sie war nicht alt. Vielleicht zwischen 35 und 40. Wohlhabend muss sie gewesen sein und verwandt mit dem Dorfhäuptling. Eine Frau aus der Jungsteinzeit, bestattet etwa 2500 vor Christus – in der letzten Epoche der Steinzeit also. Ihre Grabstätte und 34 weitere Skelette haben Archäologen bei Ausgrabungen in einem künftigen Baugebiet in Markelsheim gefunden. Für Andreas Thiel, Konservator des Landesamtes in Esslingen, sind die Funde höchst interessant. Weil aus der Jungsteinzeit keine schriftlichen Aufzeichnungen vorhanden sind, muss die Archäologie sprechen.

Fein säuberlich trägt Julia Hahn die Erde von den Knochen ab und legt sie frei. Dann packt die Anthropologie-Studentin aus Tübingen die menschlichen Überreste in Zeitungspapier ein und stapelt sie in einer Obstkiste. Knochen für Knochen. Splitter für Splitter. Alles ist wichtig. Später, in Tübingen, setzt sie die Einzelteile wieder zusammen. Dann werden Größe, Geschlecht, Alter und vieles mehr erforscht. Nach und nach entsteht dann ein Bild von den Menschen, die hier im künftigen Baugebiet Fluräcker vor gut 4500 Jahren bestattet wurden.

Nicht erfüllt hat sich der Wunsch der Archäologen, hier im Markelsheimer Baugebiet eine Siedlung aus der Jungsteinzeit zu finden. Gut möglich hätte es sein können. Denn das Taubertal war auch 4500 Jahren schon fruchtbar und gut besiedelt. „Beliebt waren vor allem die hochwassergeschützten Hänge, wie jener in Markelsheim“, so Thiel.

An jedem der 50 Bauplätze im Markelsheimer Neubaugebiet haben die Archäologen gegraben. Gefunden haben sie beispielsweise einen Becher aus Ton, eine Messerklinge aus Feuerstein und eine wahrlich gut erhaltene Hammeraxt. „Von denen gibt es keine fünf in Baden-Württemberg“, ist sich Andreas Thiel sicher. Gefunden wurde sie in einem Nachbargrab. Thiel vermutet, ein Verwandter der Frau, weil die beiden Gräber ziemlich nahe nebeneinanderliegen. Die Axt könnte aus der Bestattungsstätte für den Dorfhäuptling sein. Denn derart wertvolle Beigaben sprächen für einen hohen Rang des Verstorbenen, so Thiel.

So weiß er auch, dass die junge Frau wohlhabend sein musste. Denn um ihren Hals trägt sie noch eine Kette aus kleinen Hundezähnen. Sie sind durchlocht und säuberlich eingefädelt. „Derartige Funde sind äußerst selten“, schwärmt Thiel und nimmt an, dass die Kette mit den Hundezähnen wohl zur Mode der damaligen Zeit gehören musste. Sicher ist er, dass es sich um eine wohlhabende Dame aus dem Zeitalter der Jungsteinzeit gehandelt haben muss. Dafür spricht nicht nur die Kette, auch zwei andere Grabbeigaben ließen auf den sozialen Status der Frau schließen. Ein kleiner Rötel (Hämatit) lag im Grab. Das Mineral, so Thiel, wurde zum Färben von Kleidern aber auch zum Schminken des Gesichts verwand. Und ein kleines Gefäß aus Keramik. Ohne detaillierte wissenschaftliche Untersuchung ist sich Thiel sicher: „Dieses Gefäß stammt aus der Zeit der Schnurkeramik.“ Das zeige die charakteristische Verzierung des Gefäßes deutlich.

Für die gehobene Stellung der Frau spricht auch die Größe des Grabes, in dem der Leichnam mit seitlich angewinkelten Beinen beigesetzt wurde. Warum 2500 vor Christus Menschen in dieser Höckerstellung beerdigt wurden, darüber kann die Wissenschaft nur spekulieren. Um weniger Platz zu verbrauchen, ist die eine Annahme. Es gibt aber auch Theorien, die diese Position mit der Lage eines Embryos im Mutterleib in Verbindung bringen. Und davon ausgehen, dass in der Jungsteinzeit Menschen so begraben wurden, wie sie praktisch auf die Welt kamen. „Der wahre Grund für die Höckerposition ist aber nicht bekannt“, so Thiel.

Dafür können die Archäologen andere Dinge über unsere Vorfahren herausfinden. Durch eine Zahnschmelzanalyse lässt sich beispielsweise feststellen, ob die Frau schon immer im Taubertal gelebt hat. Und durch die anthropologische Bestimmung erfahren die Wissenschaftler etwas über Größe, Alter und eventuelle Krankheiten. Auffällig ist, dass im Markelsheimer Gräberfeld auch einige Kindergräber sind. Die Forscher erhoffen sich nun auch Aufschlüsse über die Kindersterblichkeit im Jahr 2500 vor Christus.

Das Grab der jungen Frau soll im Taubertal bleiben. In den nächsten Tagen wird der Block aus dem Erdreich geschnitten und dann gut verpackt nach Bad Mergentheim ins Deutschordensschloss verbracht. Hier soll es später mal im Museum ausgestellt werden. Der kalkreiche Boden hat die Knochen der Frau bislang gut geschützt. „Erst jetzt beginnt der Verfall“, sagt Thiel.

Fein säuberlich: Die Anthropologie-Studentin Julia Hahn legt Knochen frei.
Seltene Grabbeigabe: Eine Hammeraxt, rund 4500 Jahre alt.

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