Tauberbischofsheim

Holocaust: "Das alles ist nicht mal ein Menschenleben her"

Schriftstellerin Mirna Funk, Enkelin einer Holocaustüberlebenden, las aus ihrem Roman "Winternähe". Foto: Ulrich Feuerstein

Vor 75 Jahren befreite die Sowjetarmee das Vernichtungslager Auschwitz. Aus diesem Anlass fanden am Matthias-Grünewald-Gymnasium in Tauberbischofsheim zwei Veranstaltungen statt, die die Schüler aus ganz unterschiedlicher Perspektive mit den Themen Auschwitz und Antisemitismus konfrontierten.

Mit Holger Schobers Stück „Auschwitz, meine Liebe“ war die Badische Landesbühne zu Gast. Für die Schüler der Klassenstufen 9 bis 12 zeigte Tim Tegtmeier in diesem Ein-Mann-Stück auf beeindruckende Weise, wie die Erfahrungen in Auschwitz die Überlebenden für immer zeichnet.

Tim Tegtmeier erzählte die Geschichte von Salomon. Foto: Ulrich Feuerstein

Erzählt wurde die Geschichte von Salomon, der als Mitglied der „Birkenau Boys“ überleben konnte. Eingesetzt als Hilfskraft bei der Durchführung des Massenmords im Lager, sah und erlebte er mehr, als ein Mensch ertragen kann. Dennoch bestand er darauf, dass Auschwitz ihm alles, nicht aber sein Lächeln, einen Rest seiner Persönlichkeit und seinen Namen habe nehmen können. Und er erklärte sich als versöhnt mit seinem Leben, das ihm nach dem Krieg eine Familie und eine neue glückliche Existenz geschenkt habe. So erzählte es der fiktive Salomon – und manch einer der Schüler gestand hinterher, das sei alles "zu gut gewesen, um wahr zu sein".

Auflösung erst am Ende des Stücks

Die Auflösung kam am Ende des Stücks: Das Leben Salomons war eine Fiktion, hat so nie stattfinden können – wie so viele andere Leben von in Auschwitz, im Holocaust ermordeten Menschen. Die im Stück erzählte Geschichte bestand vielmehr aus einem Mosaik von Zeitzeugenberichten, deren Bilder am Ende der Vorstellung auf die Bühne gebracht wurden. Es waren unter anderem die von Anita Lasker-Wallfisch, Esther Bejarano und Yehuda Bacon.

Die Schüler zeigten sich emotional berührt und ergriffen von den Berichten über die unfassbare Grausamkeit der Täter. Die intensive Darstellung fesselte Lennart Erlenbach. "Ich hätte nie gedacht, wie groß die Begeisterung durch ein Ein-Mann-Theater sein kann", staunte der Neuntklässler. Oberstufenschülerin Alina Hornak beschäftigte das Gesehene noch längere Zeit. "Das Stück hat mich so sehr mitgenommen, dass ich daheim weitere Zeitzeugenberichte gelesen habe", meinte die Elftklässlerin. "Das Stück hat gezeigt, wie wichtig es ist, die Vergangenheit nicht zu vergessen", betonte Lisa Neidhart.

Tim Tegtmeier im Ein-Mann-Theaterstück „Auschwitz, meine Liebe“ Foto: Ulrich Feuerstein

Irritiert waren einige Schüler von verschiedenen Beispielen schwarzen Humors. Darf man denn über den Holocaust Witze machen? Diese Frage wurde im anschließenden Gespräch mit dem Schauspieler Tim Tegtmeier und der Theaterpädagogin Julia Gundersdorff erörtert.

Eine Antwort darauf gab auch die Berliner Autorin Mirna Funk, die aus ihrem Roman "Winternähe" las und im Anschluss mit den Schülern über ihre Identität als deutsche Jüdin, als Schriftstellerin zwischen Berlin und Tel Aviv und als Enkelin einer Holocaustüberlebenden sprach.

Man kann über den Holocaust-Witze machen – aber nur als Jude

Ja, so Mirna Funk, natürlich könne man Holocaust-Witze machen – aber nur als Jude. Und auch in Hinblick auf den erinnernden Umgang mit der deutschen Vergangenheit sah sie gravierende Unterschiede zwischen den Nachkommen der Täter und den Enkeln der Holocaustüberlebenden. Ob denn nicht einmal Schluss sein müsse mit der Erinnerung und der Auseinandersetzung mit dem Holocaust, wurde sie von einer Schülerin gefragt. Das sei doch alles sehr lange her.

"Für mich nicht", gab Mirna Funk zur Antwort und berichtete vom Schicksal ihrer Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist und deren Erinnerungen ihre Kindheit und Jugend geprägt haben. "Meine Großmutter lebt noch, das alles ist nicht mal ein Menschenleben her", erklärte die Autorin eindringlich.

Funk sah den Grund für den verbreiteten Wunsch, sich von der Vergangenheit zu distanzieren, in der fehlenden Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte. Während in jüdischen Familien das Andenken an die Opfer des Holocausts eine große Rolle spiele, sei in den Familien der Täter und Mitläufer nichts erzählt, die Vergangenheit totgeschwiegen worden.

Jüdisches Leben existiert, wird aber nicht wahrgenommen

"Fragt nach!", forderte Funk die Schüler auf. Zudem wünschte sie sich viel mehr Begegnungen zwischen Juden und Nicht-Juden in Deutschland. Jüdisches Leben existiere hierzulande, es werde aber nicht wahrgenommen. Im fehlenden Wissen übereinander, in einem Mangel an konkreten Begegnungen sah sie einen Grund, dass antisemitische Ressentiments fortbestehen – ein zentrales Thema auch in ihrem Roman.

Für die Schüler war die Lesung wie das Gespräch mit Mirna Funk eine anregende Erfahrung. "Viele von uns sind das erste Mal mit einer Jüdin in Kontakt gekommen", erklärte Maja Beuschlein. 

Viele Schüler empfanden die zweite Veranstaltung anlässlich des Holocaustgedenktages auch als eine sinnvolle Ergänzung zum Theaterstück über Auschwitz. Während dort die Ereignisse in der Vergangenheit thematisiert wurden, lenkte Mirna Funk den Blick auf das Hier und Jetzt, auf den Umgang heute mit der Erinnerung an Auschwitz, mit Juden in Deutschland – und mit antisemitischen Stereotypen in unserer Gesellschaft.

Tim Tegtmeier im Ein-Mann-Theaterstück „Auschwitz meine Liebe“ Foto: Ulrich Feuerstein

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