WEIKERSHEIM

Kein Ehrgeiz für ein anspruchsvolles Instrument

Rosige Zeiten für das bodenständige Multitalent Andreas Martin Hofmeir und seine „Fanny“. Foto: FELiX RÖTTGER

Als Andreas Martin Hofmeir im Jeunesses Keller von Schloss Weikersheim bei seiner musikalisch-kabarettistischen Lesung „Kein Aufwand – Schrecklich wahre Geschichten und Musik aus meinem Leben mit der Tuba“ selbstbewusst barfuß die Bühne betrat, flogen dem 39-jährigen Professor für Tuba die Sympathien der Zuhörer förmlich nur so zu.

Mit seinem liebevoll „Fanny“ genannten Tieftöner gewann er als erster Tubist 2013 den Echo-Klassik als „Instrumentalist des Jahres“. Seine virtuos gespielte Musik zog nicht nur die Zuhörer in ihren Bann, sondern ihnen sprichwörtlich glatt die Socken aus. Zum Glück war Jazz-Pianist Manfred Manhart, der ihn am Akkordeon begleitete, mehr als nur ein Ersatz für den plötzlich erkrankten Gitarristen André Schwager.

Manhart ist Komponist, Arrangeur und Dirigent und lehrt an der Bayerischen Theaterakademie. So dickbräsig die Tuba aussehen mag, auf Hofmeirs Schenkeln ruhend erwachte das voluminöse Instrument fernab jeder Umpftata-Musik zu ungeahnten Höhenflügen.

Herber Schicksalsschlag

Die elegant-lyrischen Klänge, die an ein Horn erinnern, ließen glatt vergessen, dass die Tuba das tiefste und jüngste Blechblasinstrument ist; erst 1835 wurde es kurz nach der Erfindung der Ventiltechnik im preußischen Berlin entwickelt; „Für uns Bayern ist das ein herber Schicksalsschlag“, meinte Hofmeir trocken. Sowohl seine „brasilianischen“ Liebeslieder aus Ungarn und Argentinien, als auch die pointenreichen Texte aus seiner Autobiografie trug Hofmeir mit wohltuendem Understatement vor.

Tatsächlich dürfte es nicht zuletzt sein Verdienst sein, dass sich die Tuba mittlerweile als Solo-Instrument etabliert und zu einigen Auftragskompositionen angeregt hat.

Im Jeunesses-Keller erinnerte nichts mehr an Blaskapellen in Bierzelten; beschwingt und melodisch beschwörte Hofmeir zärtliche Gefühle, die der Kabarettist dann mit dem Wunsch des Akkordeonisten nach einer Damenbekanntschaft zwecks günstiger Unterkunft robust konterkarierte. Der „Running Gag“ des Abends, denn aus einer anfangs gewünschten blonden, maximal 26 Jahre alten Zuhörerin wird am Ende resignierend ein(e) 51-jähriger Zuhörer(in) „Geschlecht und Haarfarbe egal“.

Seiner nur scheinbar behäbigen „Fanny“ entlockt Hofmeir unerwartet schnelle Läufe, auch wenn schwelgerisch-romantische Töne überwiegen. Ein weicher Kern in rauer Schale, das charakterisiert nicht nur die Tuba, sondern auch Hofmeir, dessen Zungenspiel am Mundstück gänzlich unerwartete Assoziationen weckt. Zum Musikwitz gesellte sich ein im Holledauer Bayerisch vorgetragener Sprachwitz, der später auch vor „hart“-deutschen Gedichtvorträgen nicht zurückschreckte.

Mit bajuwarischem Charme erzählte Hofmeir von der Probenphase mit dem bayerischen Landesjugendorchester 1998 in Weikersheim, als er mit Musikstudent Stefan Dettl vom offenen Fenster den Schlosshof mit unerhörten Klängen eines Ghettoblasters beschallte. Die „Übeltäter“ lernten sich erst in Weikersheim kennen und schätzen, wurden aber nach Hause geschickt und gründeten 2007 mit zwei weiteren Gleichgesinnten die erfolgreiche Kultband „LaBrassBanda“.

Tubaspieler wie Hofmeir kultivieren zumindest als Kabarettist ihre Neigung zur Trägheit, die sie jeden unnötigen Aufwand wie der Teufel das Weihwasser scheuen lässt. „Tubist wird man, weil man für ein anspruchsvolles Instrument keinen Ehrgeiz hat“.

Wie es ihm und seiner Fanny auf Flugreisen ergeht, wie nützlich ein mit Hofmeir unter einem Dach wohnender Einbrecher einmal war, oder warum sich die Tuba exzellent für die akustisch perfekte Wiedergabe von Flatulenzen eignet; alles erzählt der Musiker mit einem kräftigen Schuss Selbstironie.

Ins Herz geschlossen

So hat er seine Fanny bei Flugreisen richtig ins Herz geschlossen. „Erstens hat man einen Nachbarn, der nicht sabbert, keine blöden Fragen stellt und nicht schnarcht, und zweitens hat man einen guten Grund, zwei Essen zu verlangen; Platz ist Platz.“

In Sergei Prokofjews vergnüglich-absurder Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“, so der Kabarettist, ist es die Tuba, die den Flatulenzen einer Köchin schmetternd Gehör verschafft. Im direkten Kontakt mit dem hautnah an der Bühne sitzenden, begeisterten Publikum vergingen zwei Stunden wie im Fluge. Seine Anregung, doch mal darüber nachzudenken, demnächst den zweiten Teil seines Programms „Kein Aufwand Teil 2 - Die letzten Jahre“ zu buchen, fand im Jeunesses Keller jedenfalls großen Anklang.

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