UHLDINGEN-MÜHLHOFEN

Krimi um Tonscherben

Sie stammen aus der griechischen Region Thessalien, liegen aber seit den 1950er Jahren im Archiv des Pfahlbaumuseums am Bodensee: Rund 10 000 Tonscherben will der Museumsleiter nun an Athen zurückgeben.

Fast 10 000 Tonscherben sind es, die Gunter Schöbel derzeit mächtig Arbeit machen. „Das ist wie ein Krimi“, sagt der Direktor des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen in Uhldingen-Mühlhofen. Denn die Scherben, die seit den 1950er Jahren in den Archiven des Museums am Bodensee liegen, stammen aus der griechischen Region Thessalien und gehören seiner Meinung nach dorthin zurück. Wenn es nach Schöbel geht, sollen sie bis Ende des Jahres an Athen übergeben werden. „Es ist aus wissenschaftlichen und moralischen Gründen unsere Pflicht, tätig zu werden“, sagt er.

Urdeutscher Boden

Die Tonscherben ausgegraben hatten deutsche Archäologen der NS-Organisation „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ im Herbst 1941 – damals mit Genehmigung griechischer Behörden. Mit dabei: Schöbels Vorgänger Hans Reinerth. Er war im Einsatzstab zuständig für den Bereich Vorgeschichte und sollte den germanischen Ursprung in der griechischen Kultur nachweisen. Denn der Überzeugung nach waren nordische Stämme bereits in der Steinzeit in die Region ausgewandert.

„Es ging darum, zu sagen: Wir können euch beweisen, dass das da unten urdeutscher Boden ist“, sagt Schöbel. „Völliger Quatsch, aber damals Lehrmeinung für einen Teil der Wissenschaft.“ Innerhalb von vier Wochen gruben die Archäologen ein Gebiet von 6000 Quadratmetern um – und wurden fündig: Sie entdeckten mehrere Tausend zum Teil bunt bemalte Tonscherben, die bis zu 8000 Jahre alt sind. „Steinzeitdörfer in den Ebenen am Olymp“ titelt kurze Zeit später die Nazi-Zeitung „Völkischer Beobachter“. Nach Ende der Ausgrabung wurden die Fundstücke nach Berlin gebracht. Doch als die Luftangriffe auf die Stadt bereits wenige Jahre später zunahmen – auch das Institut für Vorgeschichte und germanische Frühgeschichte wurde von Bomben getroffen – begannen die Mitarbeiter hektisch, die dort gelagerten Kisten wieder einzupacken und in „kriegssichere Gebiete“ zu verschicken.

Schlummerpartie im Archiv

Von da an gerät der Weg der Tonscherben zu einem für den Laien kaum überschaubaren Krimi: Einige Fundstücke und Dokumente gelangen nach Friesack in Brandenburg, andere werden nach Luzern gebracht und wieder andere schickt man nach Salem an den Bodensee, wohin auch das Reichsamt für Vorgeschichte verlegt wird.

Nach Kriegsende gehen sie wieder auf Reisen, einige zurück nach Berlin, andere ins oberschwäbische Bad Buchau am Federsee. Dort wird ihr Abtransport aus Griechenland als „Verstoß gegen das griechische Ausgrabungsgesetz“ gewertet, dass dem Ansehen Deutschlands schwer geschadet habe. 1952 werden die vermeintlich vollständigen Funde nach Athen geschickt. Was damals aber niemand ahnte: In den Archiven in Unteruhldingen schlummern nach wie vor drei Kisten mit Dokumenten und Tonscherben aus dem griechischen Thessalien.

Dort findet sie 1990 Gunter Schöbel. Gerade von der Uni gekommen stößt der Museumsdirektor völlig unerwartet auf die mit Hakenkreuzen bestempelten Dokumente seines Vorgängers. „Das war ein Schock“, sagt er heute. „Ich dachte nur, was machst du damit?“ Schöbel entschließt sich, die Dokumente und Fundstücke zusammen mit der Mykenischen Kommission der Universität Wien und der Universität Tübingen aufzuarbeiten – und nach getaner Arbeit nach Griechenland zu bringen. Sie könnten dazu beitragen, die dortige Siedlungsgeschichte noch einmal neu zu bewerten, sagt Schöbel.

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