STUTTGART

Mit 78 Jahren und Papphut gegen Stuttgart 21

Rentnerprotest: Ruth Gisela Evers engagiert sich mit Leidenschaft gegen Stuttgart 21.
Rentnerprotest: Ruth Gisela Evers engagiert sich mit Leidenschaft gegen Stuttgart 21. Foto: DPA

Sie ist 78 Jahre alt, aber von Seniorenkränzchen weit entfernt: Ruth Gisela Evers engagiert sich mit Leidenschaft gegen Stuttgart 21 und liegt damit voll im Trend. Denn immer mehr Rentner entdecken die Lust am Protestieren.

Auf ihre erste Demo gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 hat ihr zwei Jahre jüngerer Bruder sie mitgenommen: Ruth Gisela Evers zog sich einen blauen Papphut an, von dem rechts und links kleine Pferdchen herunterbaumelten, und klebte ein Plakat vorne drauf: „Wir lassen uns nicht verschaukeln.“ 74 Jahre alt war die Seniorin damals – und von einem ruhigen Lebensabend bei Kaffee und Kuchen weit entfernt. „Ich hatte als Rentnerin einfach Zeit“, sagt sie heute. „Und ich finde auch, dass genau solche Leute sich unbedingt an dieser Arbeit beteiligen müssen.“

Eine Einstellung, der sich offenbar immer mehr Ältere anschließen: Die Protestbewegungen hätten die Rentner in Deutschland längst erreicht, sagt der Berliner Soziologe und Protestforscher Dieter Rucht. Zwar seien Senioren auch früher schon gelegentlich bei Demonstrationen dabei gewesen. Präzise Zahlen gebe es dazu nicht. „Aber ich glaube, der Eindruck trügt nicht, dass immer mehr Menschen aus den älteren Generationen sich an den Protesten beteiligen.“

Die Senioren findet man aber nicht nur auf Stuttgarts Straßen: Sie demonstrieren in Niedersachsen gegen Atomtransporte, sitzen zwischen Occupy-Aktivisten in Frankfurt und anderswo, und halten in Berlin-Pankow seit kurzem einen Seniorenklub besetzt – aus Protest gegen Schließungspläne des Bezirks. Aus Ruchts Sicht gibt es für die neue Protestier-Lust der Älteren mehrere Gründe: „Zunächst einmal gibt es immer mehr Alte“, sagt er. „Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist am Wachsen.“ Zudem seien die Rentner im Vergleich zu früheren Jahren sehr rüstig. „Sie haben Zeit, Erfahrung und Kompetenz und setzen ihre berufliche Qualifikation beim Protest mit ein – beispielsweise als Juristen oder Pädagogen.“ Die Generation, die jetzt in den Sechzigern und Siebzigern sei, blicke auf Jahrzehnte von Protest zurück. „Sie kennen das Geschäft – und es gibt keinen Grund, warum man dann plötzlich mit 65 Jahren damit aufhören sollte.“ Bei den Protesten gegen Stuttgart 21 sei der Anteil der über 64-Jährigen mit 14 Prozent ziemlich hoch gewesen – gemessen an anderen Demonstrationen. „Zwar lag er immer noch etwas unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Aber dass Rentner nicht im gleichen Maße wie die Jungen auf die Straße gehen, ist naheliegend“, sagt Rucht. „Sie sind ein bisschen vorsichtiger, unterm Strich immer noch etwas konservativer und haben vielleicht auch andere Gebrechen.“

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