RÖTTINGEN

Röttingen feuert Festspielleiterin

Gefecht verloren: Renate Kastelik, die künstlerische Leiterin der Röttinger Festspiele, wurde gefeuert. Unser Bild zeigt sie mit vier jungen Fechtern aus Tauberbischofsheim, die in diesem Jahr bei „Romeo & Julia“ einen großen Auftritt hatten.
Gefecht verloren: Renate Kastelik, die künstlerische Leiterin der Röttinger Festspiele, wurde gefeuert. Unser Bild zeigt sie mit vier jungen Fechtern aus Tauberbischofsheim, die in diesem Jahr bei „Romeo & Julia“ einen großen Auftritt hatten. Foto: Claudia Schuhmann

Die Stadt Röttingen hat sich mit sofortiger Wirkung von der künstlerischen Leiterin der Röttinger Festspiele, Renate Kastelik, getrennt. Das bestätigte Bürgermeister Martin Umscheid auf Anfrage der Main-Post. Die Entscheidung sei in der jüngsten nichtöffentlichen Sitzung des Stadtrats mit neun zu einer Stimme gefallen. Umscheid begründet die fristlose Kündigung mit dem „zerrütteten Vertrauen“ zu Renate Kastelik. Die hatte seit 2002 die Geschicke der Festspiele als künstlerische Leiterin und Regisseurin gelenkt.

Zu näheren Hintergründen will der Bürgermeister keine Stellung nehmen, mit Hinweis auf die „Vertraulichkeit von Personalangelegenheiten“. Der Bruch zwischen ihm und Kastelik war aber spätestens im März offenkundig geworden. Damals – wenige Wochen vor der Pressekonferenz zur aktuellen Festspielsaison – hatte Umscheid Walter Lochmann und Sascha O. Bauer als neue künstlerische Leiter ab der Spielzeit 2014 vorgestellt.

Damit war klar, dass der Vertrag von Renate Kastelik nach Ende der Laufzeit 2013 nicht verlängert wird. Sie selbst hat nach eigenem Bekunden erst am Vorabend der Bekanntgabe von der Entscheidung erfahren.

Neuausrichtung

Dem Bürgermeister geht es hingegen um eine grundsätzliche Neuausrichtung der Festspiele auf Burg Brattenstein. Sie sollen einem jüngeren Publikum erschlossen werden, sagt Umscheid und setzt dabei vor allem auf modern inszenierte Musicals. Insgeheim bedeutet dies eine Abkehr von den Stücken des Wiener Autors und Satirikers Johann Nepomuk Nestroy, dessen Name seit den Gründertagen eng mit den Röttingen Festspielen verbunden war.

Der Bruch mit der Tradition blieb auch in Röttingen nicht unkommentiert. Allen voran kritisierte Umscheids Amtsvorgänger Günter Rudolf die Neuorientierung. Ein „Markenzeichen der Festspiele und der Stadt insgesamt“ werde dadurch aufgegeben.

Renate Kastelik sieht sich selbst dabei als Opfer einer groß angelegten Intrige. „Ich bin völlig entsetzt“, kommentierte sie gegenüber der Redaktion am Freitagnachmittag das Kündigungsschreiben. Das war ihr Mitte der Woche in Wien zugegangen. Im Oktober 2011 habe ihr Bürgermeister Martin Umscheid erstmals nahegelegt, sich bereits 2013 „aus dem operativen Geschäft“ zurückzuziehen. Um die Vertragslaufzeit zu erfüllen, habe man ihr stattdessen eine Tätigkeit im Rathaus im Umfeld der Festspiele angeboten.

„Ich habe damals gesagt, ich kann meinen Vertrag erfüllen, und ich werde ihn auch erfüllen“, sagt Kastelik heute. In der Folge sei es immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten gekommen, unter anderem weil der Bürgermeister als wirtschaftlicher Leiter der Festspiele Einfluss auf die Besetzungsliste nehmen wollte.

Dass ihr nun die fristlose Kündigung ausgesprochen wird, habe sie zuvor dennoch nicht für möglich gehalten. Noch vor kurzem habe sie wegen der Röttinger Festspiele für 2013 zwei Regieangebote abgelehnt. „Ich hab so viel für Röttingen getan, weil mir das so am Herzen liegt“, so die künstlerische Leiterin, „das ist jetzt wie in Tritt ins Herz“.

Menschlich enttäuscht ist sie auch über ihre designierten Nachfolger, vor allem Walter Lochmann, der 2011 auf ihre Empfehlung hin erstmals als musikalischer Leiter zu den Röttinger Festspielen gekommen sei. Lochmann und Sascha O. Bauer – 2011 ebenfalls erstmals Mitglied des Ensembles – haben inzwischen erklärt, ihre neuen Aufgaben bereits 2013 übernehmen zu können.

Kampflos will Renate Kastelik die Burg Brattenstein nicht räumen. „Ich kann mich nicht einfach fristlos entlassen lassen“, sagt sie, „das wäre verheerend für meinen Ruf.“ Sie werde sich deshalb einen Anwalt nehmen und gerichtlich gegen die Kündigung vorgehen.

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