KARLSRUHE

Technischer Meilenstein für den Hörsaal

Intelligent: Der Vorlesungsübersetzer kombiniert die Technologien der automatischen Spracherkennung und der statistischen maschinellen Übersetzung zu einem integrierten System. Foto: Dpa

Schwierige Studienfächer sind eine Sache. Aber das ganze noch in einer fremden Sprache? Vorlesungen auf Deutsch sind für Ausländer oft eine Riesenhürde. Ein „Vorlesungsübersetzer“ soll Abhilfe schaffen.

In einer deutschen Vorlesung sitzen und wegen der Sprachbarriere nur Bahnhof verstehen – für ausländische Studenten dürfte das hierzulande bald kein Thema mehr sein. Der weltweit erste automatische Vorlesungsübersetzer ermöglicht Studierenden künftig, dem Vortrag von Dozenten auf Englisch zu folgen – schriftlich übersetzt in Echtzeit.

Am Montag wurde das am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickelte Computersystem präsentiert. „Es macht noch Fehler, es ist nicht perfekt. Aber es ist ein erster wichtiger Schritt“, sagte Professor Alex Waibel vom Institut für Anthropomatik. Dort werden Wechselbeziehung zwischen Mensch und Maschine mithilfe der Informatik erforscht. Mit einem Team arbeitet Waibel seit zwei Jahrzehnten an dem Übersetzer. Derzeit läuft das System im Testbetrieb bei vier KIT-Vorlesungen.

Das Sprachwerkzeug zeichnet dabei zunächst automatisch den Vortrag des Referenten auf, verschriftlicht ihn und übersetzt ihn dann ins Englische. „Dabei ist das rein 'sprachliche' Übersetzen leicht – aber das 'verstehende' Übersetzen ist sehr schwer“, erläuterte Waibel.

Das System muss mit schneller oder fragmentarischer Sprache des Vortragenden zurechtkommen, mit Fremdwörtern oder mit Akzenten. Außerdem muss es das Gesprochene sinnhaft strukturieren, ohne dafür die Satzzeichen gesagt zu bekommen. Weitere Schwierigkeiten seien die Besonderheiten der deutschen Sprache: „Das Verb kommt immer am Ende und im Deutschen gibt es endlos lang zusammengesetzte Worte.“ In Informatik- oder Mathematikvorlesungen etwa müsse zudem erreicht werden, dass die Technik gesprochene Formeln nicht als Worte, sondern tatsächlich als Formeln übersetzt.

In der Live-Demonstration am Montag zeigte sich das System überraschend brauchbar, aber naturgemäß noch holperig. Aus dem Satz „Darüber braucht man sich keine Sorgen machen“ etwa wurde „Don't worry about make“.

Die Studenten folgen den Vorträgen während der Vorlesung auf ihren eigenen Laptops oder ihren Handys. In sogenannten Clouds werden die übersetzten Skripte aufbewahrt und können von Studenten auch später noch abgefragt werden. Auch die Übersetzung in andere Sprachen sei auf lange Sicht geplant, sagte Waibel.

Für die Karlsruher Elite-Universität ist der Vorlesungsübersetzer auch ein Schritt hin zur Internationalisierung der Hochschule. Trotz ihres exzellenten Rufes in der Forschung sei sie „im internationalen Umfeld nicht immer erste Wahl bei Studierenden“. Das Sprachproblem spiele dabei eine wesentliche Rolle. „Deutsch gehört zu den am schwersten zu lernenden und damit auch am schwersten zu übersetzenden Sprachen“, bekräftigte KIT-Präsident Horst Hippler. Der Vorlesungsübersetzer sei ein Meilenstein, „denn Forscher untereinander brauchen nun mal eine einheitliche Sprache“.

Außerhalb der Hochschulen könnte der Vorlesungsübersetzer ebenfalls Anwendung finden: Gefördert wird die Forschung dazu in den nächsten Jahren nicht zuletzt von der Europäischen Union mit dem Projekt EU-Bridge. Damit sollen praxisnahe automatische Sprachübersetzungssysteme entwickelt werden. So sollen Fernsehnachrichten oder EU-Parlamentsdebatten direkt untertitelt werden. Auch für Unternehmen oder behinderte Menschen könnten die Übersetzungswerkzeuge nützlich sein.

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