LUDWIGSBURG

Urgestein der Talkshows

Das letzte Mal: Moderator Wieland Backes (Mitte), begrüßte Sängerin Ute Lemper und Entertainer Harald Schmidt bei seiner... Foto: D. Naupold, dpa

Seine letzten Worte als Moderator des Talkshow-Klassikers sind sehr typisch für Wieland Backes: „Es war einfach schön“, sagt der 68-Jährige – und verlässt mit einem großen Strauß Rosen im Arm das Barockschlösschen Favorite in Ludwigsburg.

Sanft und behutsam hat der gebürtige Österreicher fast 28 Jahre die Show geleitet, die als Unikum im deutschen Fernsehen gilt. Mit Backes gehe der „ungekrönte König des Niveau-Talks“, haben sie über ihn geschrieben. Sein letztes „Nachtcafé“ wird an diesem Freitag (22 Uhr) im SWR-Fernsehen ausgestrahlt. Es ist seine 706. Folge. Bereits ab 21 Uhr läuft die Dokumentation „Wieland Backes – Meister des Talks“. Im Januar übernimmt der ehemalige „Sportstudio“-Moderator Michael Steinbrecher.

Sendung zieht um

Mit dem Moderatorenwechsel zieht mit der Show nach Baden-Baden. Aus dem Nebel taucht der Überraschungsgast für das Finale auf: Dieter Wedel, Regisseur und Festspiel-Intendant. Zur Feier des Tages ist der 72-Jährige an den Ort zurückgekehrt, den er im Mai 1999 wutschnaubend verlassen hatte. Ein Vorfall, der in die Geschichte des „Nachtcafés“ eingegangen ist, weil er Dank der Besonnenheit von Backes eigentlich gar nicht möglich war. „Sie haben die Menschen mit leiser Art zum Sprechen gebracht“, bekennt sich Final-Gast Harald Schmidt als „Nachtcafé“-Fan. Krawall oder Ausrasten hatten da keinen Platz. „Und dann muss ich da unendlich humorlos herausgestapft sein“, erinnert sich Wedel.

Wedel verlies die Sendung

Ihm sei nicht klar gewesen, dass es in der Sendung um das Thema Treue ging. Als dann ein anderer Gast Wedel verbal unter der Gürtellinie anging, platze dem Regisseur der Kragen. Schimpfend verließ er in Minute acht das Studio. Backes blieb ruhig wie immer – und rief ihm nur noch nach, er möge daheim schöne Grüße bestellen. „Es ist ein glückliches Ende“, sagt Backes beim Finale, daher habe er den Titel „Happy End“ gewählt.

„Ich habe lange genug gesendet“, bekannte er im Sommer. Aufhören auf der Höhe des Erfolgs – das sei stets sein Ziel gewesen. Jetzt erlebe er nette Reaktionen. „Und keiner sagt: Endlich geht er.“ In seinem letzten „Nachtcafé“ spricht Backes mit Zwillingen, die sich 26 Jahre lang nicht kannten. Und mit einer Frau, die nach Scheidung und Operation ihr „Happy End“ in Schottland fand. Mit Entertainer Harald Schmidt, Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) oder der Schauspielerin und Sängerin Ute Lemper ist die Promi-Dichte auf den Sofas beim Finale ungewöhnlich hoch. Schließlich waren von den 5000 Gästen über die Hälfte No-Names. Ihm sei der Spitzenpolitiker oder der Show-Star „genauso lieb und wichtig wie ein Hartz-IV-Empfänger aus Wanne-Eickel oder eine Aussteigerin von den Fidschi-Inseln“, sagte Backes einmal. Der SWR versprach, daran nichts zu ändern.

Letzer „Niveautalker“

Backes wuchs in der Nähe von Backnang nahe Stuttgart auf. Er studierte Chemie und Geografie an der Uni Stuttgart und schrieb seine Doktorarbeit über die Lebensbedingungen in Ballungsräumen. Als „letzter Niveautalker“ wurde er bezeichnet. Stets ruhig, behutsam, charmant – in „warmherziger Atmosphäre“, wie er sagt – und neugierig gelang es ihm, seinen Gästen teils intimste Erlebnisse zu entlocken. Bei Steinbrecher sieht er sein Lebenswerk in guten Händen. Die Entscheidung des SWR stehe „für Kompetenz und Kontinuität“.

Sein Team schenkt ihm zum Abschied einen italienischen Panini-Grill, weil Backes in den Pausen immer Thunfisch-Toast aß. Jeder einzelne Mitarbeiter überreicht ihm zudem eine Rose. Und so verlässt Backes das Schloss so, wie er es 1987 betrat: mit einem großen Blumenstrauß im Arm. Nur eben 27 Jahre und zehn Monate älter.

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