MARKELSHEIM

Vorfreude auf den Landesvater

Conny und Thomas Lehr können es immer noch nicht fassen. Aus heiterem Himmel bekommen sie einen Anruf, dass Ministerpräsident Kretschmann ihren Hof in Markelsheim besuchen will.
Kein Witz: Ministerpräsident Winfried Kretschmann will Conny und Thomas Lehr und ihren Jakobshof in Markelsheim besuchen. Eine Überraschung für die beiden. Foto: Thomas Fritz

Es ist ein Tag wie jeder andere auf dem Jakobshof in Markelsheim. Conny Lehr schafft im Haushalt, kümmert sich um die Wäsche, bügelt, putzt, kocht. Plötzlich schellt das Telefon. Jemand aus dem Landratsamt meldet sich. Bislang nichts ungewöhnliches. Schnell kommt der Mitarbeiter auf den Punkt. Ministerpräsident Kretschmann kommt ins Taubertal und würde gerne den Jakobshof besuchen. „Sind sie einverstanden?“

Bei Conny Lehr steigt der Puls von gefühlten 60 auf 140 Schlägen in der Minute. „Was? Nee! Das muss eine Verwechslung sein“, stottert die sonst sehr redselige Frau zurück. Natürlich hatte der Mitarbeiter vom Amt die richtige Nummer gewählt. Und natürlich stimmt die Hausherrin zu. Kretschmann darf kommen. Das soll aber vorerst noch geheim bleiben.

„Mit so was rechnet doch keiner“, sagt sie ein paar Wochen nach dem Telefonat. Und erinnert sich noch gut daran, wie aufgeregt sie nach diesem Gespräch war. Im Bauch hats gekribbelt. Die Kniee waren weich. Die Hände zitterten. „Oh Gott, was machen wir?“ Doch dann, die erste Aufregung war verflogen, entstehen schon die ersten Pläne in ihrem Kopf. Dabei war noch nicht einmal klar, wie lange der Landesvater auf dem Jakobshof zu Gast sein wird.

Ein Vierteljahr ist das jetzt her. Und der hohe Besuch hat seine Geheimhaltung verloren. Conny Lehr und ihr Ehemann Thomas wissen nun, dass Kretschmann am 1. Oktober eine knappe Stunde auf ihrem Hof zu Gast sein wird. Und das ist wenig Zeit für das, wass die Lehrs in den letzten Jahren alles auf die Beine gestellt haben.

Conny Lehr kann sich vorstellen, dass dies auch der Grund für den hohen Besuch aus Stuttgart ist. „Wie es zum Besuch genau kommt, ist mir nach wie vor aber ein Rätsel“, zuckt sie mit den Schultern.

Klar ist, dass die Familie Lehr aus Markelsheim zu lokalen Stars im Taubertal geworden sind. Conny Lehr trat im SWR-Fernsehen auf, gab Radiointerviews, in Tageszeitungen wurde über die Familie berichtet. Immer im Fokus die großen Weinfässer, die mitten in den Weinbergen von Markelsheim stehen und Übernachtungsgästen eine sicher außergewöhnliche Logis unter freiem Himmel bieten.

Seit 23 Jahren führen die Lehrs den Jakobshof. Der landwirtschaftliche Betrieb, so ist es einem Schild im Stall zu entnehmen, besteht schon seit 1602. Ihr Geld hat die Familie hauptsächlich mit der Viehhaltung verdient. „Zeitweise hatten wir mehr als 100 Kühe im Stall stehen“, erzählt Conny Lehr. Doch irgendwann wurde dem jungen Paar klar, dass, wenn auch noch der Sohn mit in die Landwirtschaft einsteigen möchte, es nicht für alle reicht. Auch neue Haltungsbedingungen für die Kühe sollten kommen. Da standen die Lehrs vor der Frage, ob sie ihren Hof nicht aussiedeln und erweitern wollten. „Das wäre finanziell aber zu heftig gewesen“, blickt Conny Lehr ehrlich zurück.

Irgendwann wurde schließlich die Viehhaltung aufgegeben. „Ein schwerer Schritt“, erinnert sich die Landfrau. „Mein Mann und seine Mutter hatten Tränen in den Augen als die letzte Kuh aus dem Stall getrieben wurde.“ Doch schnell wandelt sich Wehmut in Aufbruchstimmung. Auf der Suche nach Alternativen hatte die Familie Glück. „Irgendwie hat sich alles gefügt“, sagt die 48-Jährige. Alles habe damit begonnen, dass nebenan ein Investor der Familie ein leer stehendes Gebäude abkaufte, um darauf seniorengerechte Wohnungen zu bauen.

Die Idee einer Hackschnitzelheizung wird geboren, die nicht nur den eigenen Betrieb, sondern auch die Nachbarschaft, vor allem die seniorengerechte Wohnanlage mit Wärme versorgen soll. Zwei Ferienwohnungen entstehen auf dem Hof und mit ihrer Idee, in Weinfässern übernachten zu können, finden die Lehrs eine Marktlücke, die sich nach und nach herumspricht und zum Erfolg wird.

„Ich kann mir vorstellen, dass es dieser Strukturwandel ist, den sich der Ministerpräsident gerne mal aus der Nähe ansehen möchte“, glaubt Conny Lehr.

Und dann spricht sie über ihre Touren mit dem gelben Wagen und gerät ins Schwärmen. Denn auch die gesellige Fahrt durch die Markelsheimer Weinberge ist ein neues Standbein der Lehrs. „Da wird geschöppelt, gesungen, gevespert und gelacht.“ Vier Stunden fährt Conny Lehr mit ihrem Wagen durch die herrliche Landschaft, spielt Akkordeon und bewirtet die Gäste. So hat es die pfiffige 48-Jährige auch geschafft, dass wieder Ausflugsbusse nach Markelsheim kommen. „Erst singen die Leute mit mir auf dem gelben Wagen und dann schick' ich sie nach Markelsheim in die Wirtschaft“, sagt sie. „Dass dadurch auch wieder Touristen in den Ort kommen und auch andere davon profitieren, macht mich auch stolz.“

Gerne würde sie Winfried Kretschmann auch mal so eine entspannende Fahrt auf ihrem Wagen gönnen und ihm die herrliche Landschaft zeigen. Es sind aber nur wenige Minuten auf dem eng gestrickten Zeitplan des Ministerpräsidenten dafür eingeplant. Vom Jakobshof zu den Weinfässern wird der Tross samt Landesvater gekarrt. Und natürlich spielt Conny Lehr dann auch auf ihrem Akkordeon. „Hoch auf dem gelben Wagen muss er schon singen“, lacht sie.

Dann wird sie wieder aufgeregt. „Oh Gott, wahrscheinlich bring ich überhaupt kein Wort raus“, seufzt sie und blickt dem hohen Besuch am 1. Oktober bange entgegen. Ihr Mann schüttelt da nur mit dem Kopf. „Du schaffst das schon“, klopft er ihr aufmunternd auf die Schulter. Wohlwissend, was seine Gattin alles zu leisten vermag.

Kretschmann im Taubertal

Hautnah können die Taubertäler Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann nach seinem Besuch auf dem Jakobshof um 19 Uhr in der Wandelhalle im Kurpark in Bad Mergentheim erleben. Ein Bürgerempfang steht auf dem Programm. Nach seiner Rede zu aktuellen politischen Themen steht Kretschmann dann für eine Bürgerfragerunde zur Verfügung. Der Abend wird von Kurdirektorin Katrin Löbbecke moderiert.

Bei den Fechtern ist Kretschmann am Nachmittag zu Gast. Er besichtigt den Olympiastützpunkt in Tauberbischofsheim. Die Olympiasieger Anja Fichtel und Matthias Behr werden die Führung durch das Fechtzentrum übernehmen. Nächster Programmpunkt wird ein kommunalpolitisches Gespräch im Auditorium der neuen Wittenstein-Innovationsfabrik in Harthausen sein. Dabei wird sich der Landesvater auch den Fragen und Anliegen von Kommunalpolitikern stellen.

Präsidentenlokus: Für den Fall der Fälle könnte Kretschmann dieses stille Örtchen im Weinberg nutzen.
Präsidentensuite: Insgeheim hofft Conny Lehr schon darauf, dass der Ministerpräsident mal Zeit findet, im Weinfass zu übernachten. Gönnen würde sie ihm diese Entspannung im lieblichen Taubertal auf jeden Fall.

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