IMPFINGEN

Wenn Nattern mit der Bahn fahren

Nicht hier heimisch, aber hübsch: Der Biologe Volkhard Bauer aus Impfingen mit seinem grünen Baumpython.
Nicht hier heimisch, aber hübsch: Der Biologe Volkhard Bauer aus Impfingen mit seinem grünen Baumpython. Foto: Claudia Schuhmann

Obwohl sie eigentlich die Wärme lieben, sind sie auch im Main-Tauber-Kreis anzutreffen: Schlangen. Wer sich in der Natur bewegt, kann durchaus einmal auf ein solches Reptil treffen, wenn es sich an einem warmen Plätzchen sonnt. Einige Landkreisbewohner hatten in den vergangenen Tagen dieses Vergnügen. Allerdings sind die heimischen Arten, Schling- und Ringelnatter, für den Menschen völlig ungefährlich. Das sagt Volkhard Bauer, Diplom-Biologe aus Impfingen und seit seiner Kindheit Reptilienfreund.

Während er seinen leuchtend grünen Smaragdwaranen ihren Heuschrecken-Imbiss serviert, erklärt Volkhard Bauer, warum in unseren Breiten nur so wenige Schlangenarten vorkommen. Schuld ist die Eiszeit. Sie verdrängte Pflanzen wie Tiere in den Süden. Als es dann wieder wärmer wurde, gelang es nicht allen Schlangenarten, die nördlicheren Regionen wieder zu besiedeln: Die in Ost-West-Richtung verlaufenden Hochgebirgszüge in Europa standen ihnen im Wege.

Sechs Arten haben es geschafft, in Mitteleuropa heimisch zu werden. Die Würfel- und die Äskulapnatter sowie die giftige Aspisviper besiedeln nur kleine isolierte Areale, von denen keines im Main-Tauber-Kreis liegt. Weiter verbreitet sind die Schling- und die Ringelnatter. Erstere Art hatte es bis in die 1980er Jahre recht schwer hierzulande, denn allzu oft wurde sie mit der giftigen Kreuzotter verwechselt und deshalb erschlagen.

Die Beute wird erwürgt

Volkhard Bauer betont, dass die Kreuzotter im Rhein-Main-Gebiet noch nie vorgekommen sei. „Aber die Leute schworen Stein und Bein, es gebe hier Kreuzottern“, sagt der Biologe. Was sie für Kreuzottern hielten, waren die harmlosen Schlingnattern. Den etwa 80 Zentimeter langen Reptilien wurde ihre eigene Verteidigungsstrategie zum Verhängnis. Denn Schlingnattern geben durch ihr Aussehen und ihr Verhalten vor, gefährliche Kreuzottern zu sein. Mimikry nennt sich diese Tarnung, die Feinde abschrecken soll.

Mittlerweile werde die lebendgebärende Schlingnatter aber nicht länger von ängstlichen Menschen bedroht, erklärt Bauer. Ihren Namen verdankt die auf trockenen und steinigen Hängen lebende Schlange übrigens ihren Essgewohnheiten: Sie umschlingt ihre Beute, meist Blindschleichen und andere Echsen, und erwürgt sie so vor dem Verzehr.

Ein anderes Problem als die Schlingnatter hat die Ringelnatter. Diese bis zu 1,20 Meter langen Wasserschlangen werden häufig überfahren. Gerne wärmen sie sich nämlich auf von der Sonne aufgeheizten Straßen und Radwegen auf. Während sie in den 1970er Jahren mangels geeigneter Nahrungsgründe im Taubertal fast gar nicht mehr vorkamen, haben sich die Bestände in der Zwischenzeit wieder erholt.

Der Tod lauert auf der Straße

Forstämter, Naturschutzverbände und Kommunen hätten in den 1980er Jahren Amphibienbiotope angelegt und so den Bedürfnissen der Ringelnatter Rechnung getragen, erklärt Volkhard Bauer zufrieden. In Grassilos und Misthaufen legen die Ringelnatter-Weibchen ihre Eier ab. Besonders im Rinderbachtal bei Dienstadt sowie im Amphibienbiotop bei Dittigheim kämen größere Bestände vor, sagt der Biologe. Er erzählt, dass im Jahr 2002 in einem Seitental bei Edelfingen sogar einmal eine einsame Äskulapnatter entdeckt worden sei. Diese Schlange war vermutlich als Bahnreisende ins Taubertal gekommen.

„Manchmal wärmen sich Schlangen auf stehenden Eisenbahnwaggons auf“, verrät Bauer. Das sei tatsächlich schon beobachtet worden. Wer aber nicht rechtzeitig absteigt, tritt eben eine unfreiwillige Bahnfahrt an. Die Edelfinger Äskulapnatter war auf diese Weise vermutlich von einem bekannten Vorkommen am unteren Neckar ins Taubertal eingereist.

Volkhard Bauer wird oft von Ämtern oder Ingenieurbüros zur Kartierung von Flächen engagiert. Dort sucht er nach bestimmten Tierarten wie Fröschen und Eidechsen, aber auch nach Vögeln. Zu Hause befasst er sich mehr mit exotischeren Reptilien: Außer den Smaragdwaranen, die er erfolgreich züchtet, hält er auch grüne Baumpythons, die sich prächtig vermehren. Die lebenden Heuschrecken verbreiten im Zimmer des Biologen durch ihr Zirpen ein südliches Flair. Seine Windhündin kommt mit den exotischen Mitbewohnern jedenfalls blendend aus.

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