HEIDELBERG

Wenn der Gegner nur zu hören ist

Glücksgefühle: Die blinden Fußballspieler Mulgheta Russom (r) und Vedat Sarikaya vom MTV Stuttgart jubeln bei der Blindenfußball-Bundesliga auf dem Universitätsplatz in Heidelberg nach einem Treffer von Russom. Bei der Blindenfußball-Bundesliga treten Menschen mit Seh-Behinderung gegeneinander an. Um sich vor Verletzungen durch Zusammenstöße zu schützen, gibt es viele individuelle Kopfschützer. Der Spielball ist innen mit Rasseln versehen, damit die Spieler ihn durch ihr Gehör orten können.
Glücksgefühle: Die blinden Fußballspieler Mulgheta Russom (r) und Vedat Sarikaya vom MTV Stuttgart jubeln bei der Blindenfußball-Bundesliga auf dem Universitätsplatz in Heidelberg nach einem Treffer von Russom. Bei der Blindenfußball-Bundesliga treten Menschen mit Seh-Behinderung gegeneinander an. Um sich vor Verletzungen durch Zusammenstöße zu schützen, gibt es viele individuelle Kopfschützer. Der Spielball ist innen mit Rasseln versehen, damit die Spieler ihn durch ihr Gehör orten können. Foto: Dpa

Mulgheta Russom legt sich den rasselnden Ball zurecht. Jule Hallanzy steht in der Mitte hinter dem gegnerischen Tor und ruft ihm zu. Die sogenannte Torguide klopft mit einem Schlüssel gegen den linken Pfosten und das Latteneck, anschließend wiederholt sie das Ganze auf der rechten Seite. Der Schiedsrichter pfeift.

Russom, der seine Hand zur Orientierung noch auf dem Ball liegen hat, schießt ansatzlos aus acht Metern und trifft unhaltbar für den sehenden Torhüter unter die Latte. Der Blindenfußball-Rekordmeister MTV Stuttgart führt in Heidelberg dank des Strafstoßes mit 3:1 gegen den ISC Dortmund/St.Pauli.

Beim Spielen Dampf ablassen

Russom ist deutscher Nationalspieler. Seit 2006 spielt der heute 33-Jährige Blindenfußball. Bevor er im Alter von 20 Jahren wegen eines Autounfalls sein Augenlicht verlor, war er für Tübingen in der Landesliga aktiv. Die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine verfolgt er täglich. Den Reiz des Fußballs erklärt er so: „Du kannst da Gas geben, Dampf ablassen. Das, was man im Alltag nicht machen kann, dich frei bewegen.“

Für Ulrich Pfisterer, Trainer des MTV Stuttgart und der Nationalmannschaft, sind seine Spieler Leistungssportler, die blind sind, und nicht Blinde, die Sport machen. Blindenfußball stammt ursprünglich aus Lateinamerika. Deutschland ist noch ein Entwicklungsland, rund 70 Blinde spielen aktiv.

Im Gegensatz zu anderen Ländern werde der Blindenfußball hier noch nicht professionell genug gefördert, kritisiert der 60 Jahre alte Ex-Profi Pfisterer: „Wenn Inklusion nicht nur Rhetorik wäre, müssten wir eigentlich eine Abteilung des DFB sein.“

Orientierung anhand der Banden

Die sehbehinderten Spieler orientieren sich anhand der Banden und des rasselnden Balles. Verteidiger müssen außerdem „Voy“ rufen, bevor sie den ballführenden Spieler attackieren, was auf Spanisch „Ich komme“ bedeutet. Geschützt sind sie durch eine Polsterung um die Stirn.

Passanten und Zuschauer zeigen sich beeindruckt von der Leistung der Spieler. „Es gehört sicher viel Mut dazu, ohne etwas zu sehen so Gas zu geben“, sagt ein Mann. Für Pfisterer macht das den besonderen Reiz des Sports aus: „Dank des Fußballs kann man die Hilflosigkeit umdrehen.“

Kurz vor Ende des Spiels auf dem Heidelberger Universitätsplatz führt Stuttgart mit 3:2. Die Fouls häufen sich. Da beide Teams die pro Halbzeit erlaubte Zahl von drei Fouls überschritten haben, gibt es bei Regelverstößen direkt einen Strafstoß. Diesmal zielt Russom knapp zu hoch, eine Scheibe der Universität geht zu Bruch. Kurz darauf pfeift der Schiedsrichter ab. Stuttgart gewinnt und erobert die Tabellenspitze zurück.

„Man muss schon einen positiven Knacks haben“, erklärt Russom seine Bereitschaft, ohne etwas zu sehen in die teilweise schmerzhaften Zweikämpfe zu gehen. Für Pfisterer ist es wichtig, dass sich auch sehbehinderte Menschen verletzen dürfen: „Es ist besser, einen blauen Fleck auf dem Körper zu haben, als einen auf der Seele.“

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Blinde
  • Blindenfußball
  • Deutscher Fußball-Bund
  • Elfmeter
  • MTV
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!