Tauberbischofsheim

Wie Popstars und Künstler Krisen überwinden

Hat sich das Leben und den Erfolg erkämpft: Popikone Madonna
Hat sich das Leben und den Erfolg erkämpft: Popikone Madonna Foto: Felipe Trueba/DPA

Über kreative Bewältigungsstrategien bei Popstars und Künstlern referierte sprach der Psychiater und Psychotherapeut Prof. Dr. Rainer Matthias Holm-Hadulla (Heidelberg) im Krankenhaus Tauberbischofsheim. Und er sprach darüber, was die Psychotherapie daraus lernen kann. Holm-Hadulla war Einladung von Chefarzt Dr. Matthias Jähnel gekommen

Unter dem Titel „Kreative Bewältigungsstrategien von Goethe bis zu Amy Winehouse, Madonna und Mick Jagger – ein Beitrag zur Methodenintegration in der Psychotherapie“ wandte sich Holm-Hadulla zunächst Johann Wolfgang von Goethe zu. Schon im Alter von zehn Jahren habe dieser beim Tod seines jüngeren Bruders Herrmann Jakob damit begonnen, seelischen Schmerz in Worte zu fassen und auf diese Weise zu verarbeiten. Auch in späteren Krisen habe er in täglichen Briefen an vertraute Personen die inneren Spannungen verbalisiert und die Konflikte auf diese Weise kognitiv durchgearbeitet und geklärt. Ganz entscheidend sei: „Goethe konnte in Phasen innerer Krisen immer auf psychotherapeutische, stabilisierende, Halt gebende Beziehungen zurückgreifen – sei es Charlotte von Stein oder andere Wegbegleiter“, so der Referent.

Hat Lebenskrisen durch tägliche Briefe bewältigt: Johann Wolfgang Goethe.
Hat Lebenskrisen durch tägliche Briefe bewältigt: Johann Wolfgang Goethe. Foto: Stiftung Weimarer Klassik

Die Spannung zwischen konstruktiven und destruktiven Trieben in positive Kreativität umzusetzen, ist nach Darstellung von Holm-Hadulla auch der Popikone Madonna gelungen. Der frühe Tod der Mutter – sie starb an Brustkrebs als Madonna sechs Jahre alt war – wird für Madonna zum Auftrag, sich das Leben zu erkämpfen. Sie ist sehr fleißig, eine sehr gute Schülerin, lernt diszipliniert tanzen und singen. Das Lied „Like a prayer“ gebe diesen inneren Dialog mit ihrer Mutter wieder. „Die Beschäftigung mit innerer Trauer führt bei Madonna zu innerer Befreiung“, konstatiert Prof. Holm-Hadulla.

Als drittes Beispiel führte der Referent den Rockstar Mick Jagger an, der Phasen innerer Verzweiflung in melancholischen Liebessongs wie „Angie“ oder „Ruby Tuesday“ künstlerisch angenommen und transformiert habe. Auch destruktive Seiten habe der Rocksänger in seinen Liedern besungen und in provokanten Bühnenauftritten verarbeitet. Ähnlich wie bei Goethe habe es für Mick Jagger zudem eine lebenslange stabilisierende Beziehung gegeben: Eine echte Künstlerfreundschaft mit Leadgitarrist Keith Richards seit Gründung der Rollings Stones 1962.

Hat innere Verzweiflung künstlerisch angenommen: Mick Jagger.
Hat innere Verzweiflung künstlerisch angenommen: Mick Jagger. Foto: Carsten Rehder/DPA

Im Gegensatz zu diesen Beispielen gelingender kreativer Bewältigung innerer Konflikte stehen für den Referenten die Beispiele des Doors-Sängers Jim Morrison und Amy Winehouse. Beide musikalisch hoch begabt, hatten wenig Halt im Elternhaus und sehr früh Kontakt mit Drogen und Alkohol. Beide sind nur 27 Jahre alt geworden. Immer wieder habe Amy Winehouse in ihren Songs die wechselvolle Beziehung zu ihrem Freund und Ehemann thematisiert, der sie mit harten Drogen in Kontakt brachte und ihre Versuche, vom Alkohol loszukommen, untergraben habe. Nur für kurze Zeit sei es ihr gelungen, diese inneren Spannungen erfolgreich in Kreativität zu transformieren, so Holm-Hadulla.

Aus diesen Beispielen lassen sich nach Ansicht des Referenten fünf Punkte für eine unterschiedliche Methoden integrierende Psychotherapie ableiten: An erster Stelle stehe der Aufbau einer tragenden Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Reflektion und Korrektur von schädlichen Verhaltensweisen sei ähnlich bedeutsam wie das Verstehen lebensgeschichtlich bedingter Konflikte. Schließlich gehe es immer auch um die Bewältigung existentieller Themen wie Bindung und Autonomie, Liebe und Hass sowie die Fähigkeit, sein Leben als kreative Aufgabe anzunehmen. Wie dies gelingen kann, hat Holm-Hadulla auch an zwölf Fallgeschichten in seinem Buch „Integrative Psychotherapie“ vor Augen geführt.

In der Diskussion betonten einige Besucher, wie wichtig der kulturelle Zugang des Therapeuten zu seinen Patienten sei. Musik und Kultur seien dabei kein Luxus, sondern wichtige Elemente für den Therapeuten. Das Fazit, so Chefarzt Jähnel zum Abschluss: „Das wichtigste für eine erfolgreiche Psychotherapie sind hilfreiche Beziehungen.“

Chefarzt Dr. Matthias Jähnel (links) begrüßte Prof. Dr. Rainer Matthias Holm-Hadulla im Krankenhaus Tauberbischofsheim zu einem Vortrag über kreative Bewältigungsstrategien bei Popstarsund Künstlern.
Chefarzt Dr. Matthias Jähnel (links) begrüßte Prof. Dr. Rainer Matthias Holm-Hadulla im Krankenhaus Tauberbischofsheim zu einem Vortrag über kreative Bewältigungsstrategien bei Popstarsund Künstlern. Foto: Ute Emig-Lange

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