Zum Risse-Gucken gehen

(dpa)In Staufen munkeln die Einheimischen, der Teufel drücke die Erde nach oben. Vor knapp fünfhundert Jahren soll Mephistopheles schließlich schon einmal in der südbadischen Kleinstadt erschienen sein und den Magier Doktor Faust getötet haben. Seit 2007 bewegt sich die Erde in Staufen so stark, dass in der denkmalgeschützten Altstadt mittlerweile 210 Gebäude von breiten Rissen durchzogen werden. Während Touristen zum Risse-Gucken kommen, geht bei vielen Staufenern allmählich die Angst um.
Ansicht der Altstadt des Breisgaustädtchens Staufen: Nach immer mehr Rissen in den Gebäuden der historischen Altstadt vo... Foto: FOTO DPA
Staufen

An der Eingangstür des Schreibwarengeschäfts Villinger warnt ein Schild die Kunden: „Achtung! Bodenwellen Stolpergefahr!“ Inhaber Rainer Brinkmann erzählt, er habe das Geschäft erst im Jahr 2006 komplett renoviert. „Jetzt ist alles dahin. Wenn wir die Kartenständer nicht blockieren, rollen sie von selbst quer durch den Laden.“

In der Goethe-Buchhandlung am Rathausplatz entdeckt Besitzer Dieter Geier zwischen den Bücherregalen wöchentlich neue Risse. Geier hat Angst, dass ihm die alte Biedermeier-Stuckdecke irgendwann auf den Kopf fällt. „Eine Renovierung würde mein Budget übersteigen“, sagt Geier. Er hofft deshalb auf Geld - ob von der Stadt, vom Land oder vom Bund ist dabei zweitrangig. „Mein Haus ist auf dem Papier keinen Pfennig mehr wert“, sagt der Buchhändler. Die Gebäude seien unverkäuflich, die Mieten fielen und keine Bank gebe Kredite auf das Hauseigentum. Viele Geschädigte im Ort bangen um ihre Existenz und hoffen, dass die Behörden schnell handeln.

Der psychische Druck auf die Anwohner und die Händler werde immer größer, betont Elmar Bernauer von der Interessengemeinschaft der Riss-Geschädigten. In vielen Häusern klemmten die Türen und Fenster. Oft bewahrten nur massive Stützbalken und Querstreben die Gebäude vor dem Einsturz. „Unser Ort steht auf dem Spiel“, so Bernauer.

Keiner auf der Terrasse

Krach, Dreck und Gestank machen auch dem Schokoladengeschäft von Gisela Rims schwer zu schaffen. Niemand setze sich mehr zum Kaffeetrinken auf die Terrasse. Vergangene Woche riss der lokale Energieversorger die Straße vor der Confiserie auf, um die unterirdische Gasleitung zu überprüfen. „Ich hätte nach Hause gehen können“, sagt Rims. „Den dreitägigen Verdienstausfall ersetzt mir niemand.“

Entsetzt sind viele der Betroffenen auch über den immer stärkeren Risse-Tourismus. Ganze Gruppen ziehen täglich durch die Innenstadt und bestaunen die bis zu zehn Zentimeter breiten Fugen zwischen den Häusern. „Es gibt Touristen, die sich bei uns beschweren, dass wir noch keine Postkartenserien der Risse verkaufen“, empört sich Buchhändler Geier. „Wo ist das Haus, in dem man die Faust durch die Wand stecken kann?“, wurde Gisela Rims in ihrem Schokoladensalon schon mehrmals gefragt. Viele Touristen seien sogar enttäuscht, weil sie sich die Risse spektakulärer vorgestellt hatten.

Eis essend stehen Angelika und Bernd Döring aus Berlin auf der Straße, den Blick nach oben auf die Flanke des Rathauses aus dem 16. Jahrhundert gerichtet. Von jedem Fenster und Bogen aus ziehen sich Risse durch die rote Fassade, die erst 2007 saniert worden war. „Mich bedrückt das sehr, das kann keiner mehr reparieren“, sagt Angelika Döring. Wenige Schritte weiter amüsiert sich ein älteres Pärchen herzhaft über eine Konzertankündigung. „Die haben einen Galgenhumor“, sagt die Frau. Am Abend spielt ein Kammerorchester Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“.

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