Bad Mergentheim

Auswirkungen der "Papierkrise" in der Region Main-Tauber

Das Interesse beispielsweise bei der 'Winterlese' Mitte November in Bad Mergentheim war groß, über 1000 Literaturbegeisterte kamen ins Residenzschloss. Allerdings haben es Verlage und Buchhandel derzeit mit Kalkulation und Verkauf nicht leicht.
Foto: Linda Hener | Das Interesse beispielsweise bei der "Winterlese" Mitte November in Bad Mergentheim war groß, über 1000 Literaturbegeisterte kamen ins Residenzschloss.

Preissteigerungen und Lieferengpässe - davon ist auch die Papierindustrie betroffen: Verlage und Buchhandlungen befinden sich in einer schwer einschätzbaren, mitunter prekären Lage. Auch in der Region hat das Folgen, wie Rainer Moritz von der Buchhandlung "Moritz und Lux" in Bad Mergentheim bestätigt: "Seit Beginn des Ukraine-Krieges spüren wir die Auswirkungen. Nachlieferungen sind schwierig, denn wie auch in der Branchenpresse zu lesen ist, verlagert sich die Papierherstellung Richtung Kartonage." Darüber hinaus bemerke er eine Umsatzreduktion durch Ängste der Kundschaft. "Und neben den allseits gestiegenen Energiekosten schlagen auch Transportkosten zu Buche. Da Bücher bekanntlich preisgebunden und im Vergleich zu günstig sind, sinkt die Marge weiter."

Rainer Moritz, 'Moritz & Lux', ist Buchhändler in Bad Mergentheim. Er stellt eine Umsatzreduktion fest und hofft auf das Weihnachtsgeschäft.
Foto: Linda Hener | Rainer Moritz, "Moritz & Lux", ist Buchhändler in Bad Mergentheim. Er stellt eine Umsatzreduktion fest und hofft auf das Weihnachtsgeschäft.

Rainer Moritz stellt fest, dass insgesamt weniger Kundinnen und Kunden in die Buchläden kommen. Immerhin kaufe die Stammkundschaft mengenmäßig mehr ein, was ihm mit Blick auf das Weihnachtsgeschenk Hoffnung macht: "Ein gedrucktes Buch hat, trotz all der Elektronik, immer noch etwas Wertiges." Vor allem ist ihm die Leseförderung von Kindern ein Anliegen. Büchereien sieht er dabei nicht als Konkurrenz.

Ilona Wild, Mediotheksleiterin in Boxberg, zusammen mit ihren Kooperationspartnern von der Erwachsenenbildung (links) und NABU (rechts), spürt größeres Interesse an ihrem Medienangebot. Die Mediothek wurde kürzlich mit 'Lieber leihen, statt kaufen' neu beworben.
Foto: Privat | Ilona Wild, Mediotheksleiterin in Boxberg, zusammen mit ihren Kooperationspartnern von der Erwachsenenbildung (links) und NABU (rechts), spürt größeres Interesse an ihrem Medienangebot.

Auf Nachfrage bei Ilona Wild, Leiterin der Mediothek Boxberg, ob es in ihrer Bücherei Veränderungen gebe, antwortet sie: "Was bemerkbar ist: alle Rechnungen und Lieferscheine werden nicht mehr in Papierform, sondern per E-Mail verschickt." Überdies beobachtet sie, dass mehr Personen und Familien das Angebot der Mediothek nutzen, "das kann auch ein Nach-Corona-Effekt sein." Die Mediotheksleiterin berichtet, dass das Online-Angebot der "Onleihe Heilbronn-Franken" stärker in Anspruch genommen wird oder sie bei speziellen Titelwünschen diese über die Fernleihe erhält: "Also bestelle ich definitiv weniger neue Bücher, auch weil ich den Kundinnen und Kunden andere Wahlmöglichkeiten bieten kann." Sie verweist auf den Nachhaltigkeitstag, der im Oktober stattfand: "Dabei wurde unsere Mediothek mit ‚Lieber leihen, statt kaufen‘ neu beworben. Wie das Früchte trägt, ist abzuwarten."

Günther Emig aus Niederstetten mit 'Günther Emigs Literatur-Betrieb' bei der 'Winterlese' in Bad Mergentheim. Er befasst sich seit über 50 Jahren in verschiedenen Funktionen mit dem Büchermachen.
Foto: Linda Hener | Günther Emig aus Niederstetten mit "Günther Emigs Literatur-Betrieb" bei der "Winterlese" in Bad Mergentheim. Er befasst sich seit über 50 Jahren in verschiedenen Funktionen mit dem Büchermachen.

Günther Emig ist Verleger und Bibliothekar mit "Günther Emigs Literatur-Betrieb" im Prinzessinnenhaus in Niederstetten. Er ist nach eigener Aussage in der glücklichen Lage, nicht unbedingt vom Büchermachen leben und damit nicht saisonmäßig produzieren zu müssen. Auch er bejaht die Lieferschwierigkeiten: "Wobei mich eine meiner Druckereien schon zu Jahresbeginn auf Lieferprobleme beim Papier und sich dadurch verzögernde Produktionszeiten hingewiesen hat." Sein Verlag hat vier Standbeine: Literaturgeschichte, Texte der Münchner Moderne, Gegenwartsliteratur und Regionalia. Da er seit 50 Jahren in verschiedenen Funktionen Bücher mache, auch das Herstellerhandwerk autodidaktisch gelernt habe, "also alles bis zur Druckvorstufe ohne Fremdvergabe selbst machen kann, werde ich erst einmal die Großprojekte druckfertig vorbereiten und zum Beispiel die Werkausgabe des 1853 in Kissingen geborenen Oskar Panizza abschließen, ein biografisch höchst spannender Autor. Lyrik und Regionalia müssen im Augenblick zurückstehen, obwohl das, von den Druckkosten her gesehen, eher ‚kleine Fische‘ sind."

Manfred Metzner vom Verlag 'Das Wunderhorn' ist Branchenkenner und nahm an der 'Winterlese' in Bad Mergentheim Mitte November teil. Er fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Kultur sei scheinbar leider nicht systemrelevant.
Foto: Linda Hener | Manfred Metzner vom Verlag "Das Wunderhorn" ist Branchenkenner und nahm an der "Winterlese" in Bad Mergentheim Mitte November teil. Er fühlt sich von der Politik im Stich gelassen.

Manfred Metzner vom Heidelberger Verlag "Das Wunderhorn" war bei der "Winterlese" in Bad Mergentheim Mitte November dabei und ist Mitgründer der Kurt Wolff Stiftung, die unabhängige Verlage vertritt. Als Branchenkenner sagt er: "Steigende Papier- und Energiekosten sind sicherlich derzeit das Bedrohlichste für uns." Bestimmte Papiere bekäme man sowieso nicht mehr, "da sie nicht mehr hergestellt werden, daher müssen wir auf andere Papiersorten ausweichen." Ein Engpass entstehe zudem bei Buchbindereien, von denen es nicht mehr allzu viele gebe und die auch, pandemie- und krisenbedingt, Personal entlassen mussten, und auch dort würden die Kosten steigen. "Natürlich müssen wir die Verkaufspreise erhöhen, das allein hilft aber nicht, da durch die Pandemie-Jahre die Umsätze drastisch eingebrochen sind, es zu Anfang 2022 eine kleine Erholung gab und seit Kriegsbeginn die Umsätze wieder einbrechen." 

Andreas Falkinger ist Kaufmännischer Geschäftsführer des Verlags Klett-Cotta in Stuttgart, bekannt für das Fantasy-Genre und Herausgeber der J. R. R. Tolkien-Werke. Auch in diesem großen Verlag machen sich Preissteigerungen und Lieferengpässe bemerkbar.
Foto: Julia Sang Nguyen | Andreas Falkinger ist Kaufmännischer Geschäftsführer des Verlags Klett-Cotta in Stuttgart, bekannt für das Fantasy-Genre und Herausgeber der J. R. R. Tolkien-Werke.

Auch ein Verlag wie Klett-Cotta in Stuttgart, unter anderem bekannt als Herausgeber der J. R. R. Tolkien-Werke, muss mit neuen Marktbedingungen umgehen. Andreas Falkinger, Kaufmännischer Geschäftsführer: "Die Preise für alle Papiersorten sind innerhalb des letzten Jahres sehr stark gestiegen." Ebenso hätten sich alle anderen Fertigungsmaterialien und die Fertigungskosten in den Druckereien stark verteuert. Darüber hinaus seien die Lieferzeiten deutlich ungünstiger, da Produktionskapazitäten verloren gegangen sind: "Ganze Papierfabriken, die bisher Papiere für Bücher und Zeitschriften gefertigt haben, wurden auf die Produktion von Kartonagen und Verpackungsmaterial umgestellt. Diese Kapazitäten sind wohl auf Dauer verloren. Mittlerweile ist zu beobachten, dass große Handelsketten wie die Schwarz Gruppe, also Lidl und Kaufland, ganze Papierfabriken kaufen, um ihre eigene Versorgung sicherzustellen." Die Fähigkeit, zu improvisieren und flexibel zu reagieren, werde an Bedeutung gewinnen. Niemand in der Branche hätte es derzeit leicht: "Aber alle Beteiligten, von den Druckereien über die Verlage bis hin zum Handel, arbeiten konstruktiv und partnerschaftlich zusammen."

Wie sehen die Prognosen aus? Seitens des Dachverbands, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, heißt es, dass Buchhandlungen mit zirka 300 Prozent Steigerung bei den Energiekosten, acht Prozent bei den Personalkosten und mehr als 20 Prozent bei den Verbrauchsmaterialen rechnen müssten. Bei geringer Marge, Umsatzrückgang, teils steigenden Mieten und ungewisser Investitionsperspektive bringe dies viele in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Bei den Verlagen hätten sich durch höhere Papier- und Druckkosten bereits in diesem Jahr Kostensteigerungen von rund 50 Prozent ergeben, für 2023 seien weitere 20 bis 30 Prozent zu erwarten. Papierengpässe und steigende Beschaffungskosten treffen die Verlage also hart. Die Versorgung mit Büchern im Herbst- und Weihnachtsgeschäft sei größtenteils gesichert, aber die Perspektive für das kommende Jahr in den Verlagen unklar.

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